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. Setzen Sie sich und lassen Sie uns rasch die Tagesgeschäfte erledigen. Wer vertritt in Stelle des Abwesenden den Bericht für 'Petersburg und Warschau'?"

Das nächstsitzende Mitglied des Rates erhob sich. – "Der Graf Lubomirski berichtet aus Volhynien, wo er sich gegenwärtig aufhält. Die Aussichten in Polen für eine Schilderhebung der Revolution sind in diesem Augenblick ungünstig. Oesterreich und Preussen sind vollkommen gerüstet und würden sie sofort bekämpfen. Selbst unter den polnischen Patrioten ziehen sich Viele zurück. Die Garden sollen in Polen einrücken, um das Corps des Generals Osten-Sacken zu ersetzen. Der Graf legt den kühnen Plan vor, Russland die Hilfe der Propaganda gegen die Türkei und die Westmächte anzubieten, unter der Bedingung der späteren Herstellung einer grossen slavisch-magyarischen Republik zwischen der Weichsel, der Moldau und der Donau. Die Ausführung würde hunderttausend tapfere und kriegsgewohnte Soldaten dem Czaren zuführen und den Russen sofort den Weg nach Constantinopel öffnen."

"Der Plan wird circuliren und Sie werden sämtlich ihre Meinung beifügen. Ich bin der Ansicht, dass bei den Gefahren, die ich später erörtern werde, der Versuch gemacht werden muss. Fahren Sie fort."

"Der Graf begiebt sich nach Odessa und der Krimm, wo hauptsächlich die polnischen Regimenter stehen. Er glaubt unter diesen bedeutende Propaganda machen zu können. In Petersburg ist das Terrain überaus günstig. Man fühlt bereits, dass man sich in einen Krieg verwickelt, dem das Land noch nicht gewachsen ist. Der Eigensinn und die persönliche Kränkung, die der Tyrann erlitten, hat ihn verblendet. Zugleich macht sich der Drang nach liberalen Zugeständnissen überall geltend. Der Krieg wird Russland gänzlich niederwerfen, wenn wir auf der Seite seiner Gegner bleiben."

"Es handelt sich jetzt bereits darum, meine Herren, wer unser gefährlichster Feind ist, der Czar, oder Louis Napoleon. Ich werde dem Grafen selbst antworten. Berichten Sie rasch aus Berlin und Wien."

Der Vorstand der Section "Deutschland und Schweiz" erhob sich. – "Man hat die spanische Tänzerin genau beobachtet. In Berlin ist ihre Mission, was unsere Hauptzwecke anbetrifft, gänzlich misslungen. Selbst der jüngere Adel und Offizierstand zeigt eine Hartnäckigkeit und ein starres Festalten an den alten Ideen und Gewohnheiten, das einer gänzlichen Abschliessung gleicht. Es tritt dies neuerdings in festem Zusammenhalten gegen die Eingriffe der Civilbehörden hervor. Wir werden einst einen harten Stand haben mit der preussischen Armee, doch hilft auf der andern Seite die immer mehr wieder hervortretende Absonderung des Adels vom Bürger. Die katolische Fraction in den Kammern bereitet stets neue Zerwürfnisse und ihre Oppositionsgelüste verleiten sie selbst zur Verteidigung communistischer und liberaler fragen. Das arbeitet uns in die hände. Man protegirt jetzt das Rheinland auf alle Weise zum Verdruss der älteren Provinzen. – Von den Anwerbungen aus der Armee und dem volk für Freicorps ist wenig zu hoffennur was dort nicht fortkommen kann. Die Jugend ist zu abstrakt, zu wenig empfänglich und abenteuerlustig. – Dagegen sind wichtige Verbindungen angeknüpft, welche die diplomatischen Geheimnisse fortlaufend in unsere hände legen werden. Man geht unvorsichtig zu Werke.

Der Baron erstattet ausführlichen Bericht und verlangt dafür die versprochene Empfehlung seines Memoirs in England."

"Und Wien?"

"Abbé Cavelli sendet nur den Finanzbericht. Unsere Operationen haben den besten Fortgang. Der Graf hat sich mit ihm in Verbindung gesetzt und jenen Plan mitgeteilt, in Folge dessen der Abbé bis auf den Eingang weiterer Befehle die politischen Agitationen eingestellt hat. Oberst Pisani befindet sich mit seiner Gattin augenblicklich wieder in Wien."

"Italien werde ich selbst übernehmen," sagte der Vorsitzende, "da meine Nachrichten neuer sind, als der Bericht Mazzini's von Parma. Ferdinand Carl von Bourbon, genannt Herzog von Parma, ist heute Nachmittag unter dem Dolch der Unsern gefallen."

Alle erhoben sich. – "So mögen alle Feinde der wahren Freiheit sterben!"

"Und der Tapfere?" fragte eine stimme.

"Die Anstalten scheinen vortrefflich, er ist glücklich entkommen. – Ich weiss die Sache vorläufig nur durch die Regierungs-Depesche. Doch zu Wichtigerem. Sie sind hier zusammen berufen, um über die höchsten Interessen des Bundes zu entscheiden. Sehen Sie!"

Er riss den Vorhang hinter sich auf, – der Raum war leer.

"Ich habe die Verantwortlichkeit allein übernommen, wie Sie sich überzeugen, denn meine beiden Collegen in der höchsten Gewalt sind augenblicklich von Paris abwesend. Der Bund hat in den letzten Tagen einen schweren Verlust erlitten. Sie wissen, dass wir bereits im vorigen Jahre dem Baron Riepéra zu misstrauen Veranlassung hatten, der unsere Geldangelegenheiten verwaltete. Es ist ihm gelungen, bei einem wichtigen Plan, der die ganze Zukunft der Verbindung entielt, dem Crédit mobilier, einen seiner Verwandten unterzuschieben und, wie ich fürchte, die Sache uns geradezu aus den Händen zu spielen. Heute Morgen hat er, den Fall des legitimistischen Hauses Leroy Chabrol benutzend, seine Zahlungseinstellung erklärt und ist seitdem unsichtbar geworden. Die Kasse des Bundes verliert mindestens eine Million, die Verluste lassen sich noch nicht übersehen."

"Tod dem Verräter!" klangen die sechs Stimmen.

"Ich stimme dem bei, – doch dieser Verräter ist schlau, er war gewarnt durch unsere Nachsicht und wird seine Massregeln genommen haben. Unsere Agenten verfolgen ihn bereits. Doch, Brüder, das ist nicht das Wichtigste und die grösste Gefahr, die dem Bunde droht. Louis Napoleon, der sich Kaiser der Franzosen nennt und es allein durch unsern Willen