mein Herr. Sie sehen, dass ich Stabs-Offizier bin und dieser Herr ist gleichfalls Offizier, wenn er in diesem Augenblick auch nicht Uniform trägt. Er wurde von dem mann angefallen und tätlich beleidigt, hatte also das volle Recht, ihn zu toten. Sie werden im Publikum leicht die Zeugen finden, einstweilen sind hier unsere Karten: Colonel Vicomte de Méricourt und Lieutenant Marquis de Sazé. – Wollen Sie mir morgen weitere Nachricht geben über den Verunglückten, so werden Sie mich verpflichten; einstweilen haben wir hier Nichts weiter zu schaffen. Kommen Sie, de Sazé."
Er zog den Arm des Freundes durch den seinen und ihn aus dem Gedränge, den nächsten Nachtwagen anrufend, der sie schnell von dem unglücklichen Schauplatz hinwegführte.
"Der Mensch wollte Sie offenbar berauben, und doch kann ich die Worte nicht damit zusammen reimen, die ich hörte?"
Der Marquis hatte seine Fassung immer noch nicht wiedergewonnen und war auf das Heftigste angegriffen von dem unglücklichen Ausgang. – "Ich glaube nicht," sagte er hastig. "hören Sie den Hergang. Sie hatten mich eben verlassen," erzählte er, "und ich näherte mich dem Trottoir am Strom, als ich hinter mir rasch Schritte hörte. Ich glaubte zuerst, Sie wären es, und drehte mich um, erblickte aber zu meinem Staunen den Mann, der uns von der Oper aus lange verfolgt hatte und der jetzt rasch auf mich zustürzte mit den Worten: 'Endlich habe ich Dich gefunden – wo ist mein Herr, mein Bruder?' – 'Was wollen Sie von mir? ich kenne Sie nicht!' – Dies war in der Tat wahr, und dennoch schwebt mir dies Gesicht dunkel vor, als hätte ich es bereits gesehen, ohne dass ich weiss, in welcher Verbindung. Seine Augen rollten wie im Wahnwitz. 'Du warst es, Du warst bei ihm an jenem Unglückstage; ich weiche nicht von Deinen Fersen, bis Du mir Rechenschaft gegeben über meinen Gebieter.' – Ich glaubte, der Mensch sei verrückt, und wollte weiter gehen, da sprang er mir wie ein wildes Tier an die Kehle, und das Andere wissen Sie und – ich bin der Mörder eines Wehrlosen."
Das überraschende Unglück schien den leichtsinnigen Dandy bis in's Innerste seiner Seele erschüttert zu haben. – "Ich kann dies Gesicht nicht los werden," wiederholte er schaudernd, "und dennoch weiss ich nicht, wo es mir zufällig schon begegnet."
"Sie werden sich vielleicht später dessen besser erinnern und die Untersuchung der Polizei über den Unglücklichen wird uns dabei unterstützen. Die Entscheidung Ihrer Wahl hat eine höhere Hand übernommen, denn es kann jetzt natürlich keine Rede von einer Rückgabe des Patentes sein; als Offizier kann man Sie nicht mit einer langwierigen bürgerlichen Untersuchung behelligen. Beruhigen Sie sich daher, denn Sie tragen an dem Geschehenen keine Schuld. Hier sind wir an Ihrer wohnung, und wenn Sie erlauben, begleite ich Sie hinauf, um unsere notwendigen Schritte für morgen noch zu besprechen."
Der Marquis liess sich willenlos geleiten; Méricourt blieb bis zum Morgen bei ihm. – –
In der Morgue, dieser letzten Stätte des Elends, der Verzweiflung und des Verbrechens von Paris, lag kalt und starr die Leiche Wassili's, des treuen Dieners des fürstlichen Geschwisterpaars. Die Polizei hatte bei ihm nur einen Brief in russischer Sprache gefunden, der die rätselhaften Worte entielt: "Den letzten Bericht erhalten; fahre fort zu suchen und zu forschen und melde auch das Geringste eilig nach Sebastopol auf dem bekannten Wege über Berlin. Ein Wechsel liegt bei; spare kein Geld." – Der Wechsel vom Banquierhause Stieglitz in Petersburg auf das legitimistische Bankhaus Leroy Chabrol in Paris und auf 2000 Franken lautend, lag bei – das Bankhaus hatte zwei Tage vorher jenen Bankerutt gemacht, der die Credite der Hauptstadt erschütterte.
Die Polizei liess, nachdem alle weiteren Nachforschungen sich vergeblich erwiesen, den Leichnam des "so zufällig entdeckten russischen Spions" begraben und Herr Moustier, der Gesandte Frankreichs in Preussen, erhielt den Wink, dass die Fäden einer feindlichen Spionage von Berlin aus geleitet würden und man daher kein Bedenken tragen dürfe, sich in ähnlicher Weise zu revangiren.
Der Leser folgt uns zur Schlussscene der ersten Abteilung unseres Buches, – in jene geheimnissvollen Räume, welche den Versammlungsort des "Bundes der Unsichtbaren" bildeten.
Ein Jahr und ein Tag waren vergangen, seit die Scene darin eröffnet worden. Wiederum sassen um die rotbehangene, von Ampeln erleuchtete Tafel die geheimnissvollen sechs in ihren roten Capuchons – keine Zeit schien zwischen damals und jetzt zu liegen, und dennoch waren unterdessen die europäischen Geschicke aus ihren Angeln gehoben, Ströme von Blut waren bereits geflossen und die Kriegsfurie drohte über ganz Europa.
Der schwere rote Vorhang vor dem hintern teil des Gemaches war geschlossen. Die Mitglieder des Rates verkehrten bereits einige Zeit mit leiser stimme und ordneten verschiedene Papiere, als der feine scharfe Anschlag einer Glocke sich hören liess und gleich darauf aus den Falten des Vorhanges die kleine verwachsene Figur schlüpfte, welche wir bereits als eines der Mitglieder der "höchsten Gewalt" haben kennen lernen.
Die sechs erhoben sich; der Verwachsene dankte mit einer kurzen Verneigung und trat zu dem siebenten leeren Stuhl.
"Der Vorstand der Section VII. ist noch immer nicht zurückgekehrt," sagte die scharfe schrille stimme mit italienischem Accent unter der Maske hervor; "ich werde seinen Platz einnehmen, meine Brüder und den Vorsitz der Verhandlung führen