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Augenblick nach ihm umschaute. Der Bursche war jung, aber hager und bleich, dabei aber so hübsch, ja schön, wie Fürst Iwan Oczakoff, mit dem er eine so auffallende Aehnlichkeit hatte, dass dies eben meine Blicke gefesselt hielt. Wären die starren toten Augen nicht gewesen, so hätte man die Aehnlichkeit für erschrekkend halten können."

"Der Zufall treibt oft sein merkwürdiges Spiel."

"Dast schien auch hier der Fall. Der arme Junge war blödsinnig oder wahnwitzig, ich weiss nicht was. Seine einzige Antwort, als ich ihm befahl, das Gepäck aufzunehmen und ihn die Soldaten hin und her stiessen, war der immer wiederholte Refrain: 'elf Uhrdie Bahn geht ab!' und ein lachen, das sogleich mir seinen Zustand verriet, auch wenn die kleine Marketenderin nicht hinzugesprungen wäre und mir gesagt hätte, ihr armer Vetter sei geistesschwach und sie sorge für ihn. Ich gab der Kleinen meine Karte, notirte mir ihren Namen, Nini Bourdon, und empfahl ihr, mich später in Gallipoli aufzusuchen, wenn ich ihr gefällig sein könne."

Die Freunde setzten plaudernd ihren Weg fort, das Wetter war schön und der Marquis begleitete den Freund eine Strecke auf dem Wege nach seiner wohnung, die, wie wir aus dem ersten teil unseres Buches wissen, jenseits der Seine lag. Sie waren über den Platz de la Concorde und bis zum Cours la Reine am Quai gekommen, auf welchem später die Nebengebäude des Industrie-Palastes erbaut wurden. Der Colonel trat in einen der Läden, um sich eine notwendige Kleinigkeit zu kaufen, während der Marquis langsam auf den breiten Quadern am Fluss hinschlenderte.

Der Ort war jetzt verhältnissmässig einsam, wenn man dies in Paris so nennen kann, wo es zu keiner Stunde der Nacht an Flaneurs auf den Boulevards und Quais fehlt. Méricourt verweilte einige Augenblicke länger in dem Magazin, und als er sich nach dem Freunde umsah, konnte er ihn im ersten Augenblick nicht bemerken, bis, weiter gehend, der Schall von Stimmen ihn aufmerksam machte.

Im Licht der Gasflammen bemerkte er den Marquis und dicht vor ihm, mit wilden Gesten zu ihm sprechend, den Fremden, der ihnen von der Oper her über die Boulevards gefolgt war.

Der Colonel beeilte seine Schritte, denn die Sprache des Fremden klang rauh und drohend, obschon er die Worte noch nicht verstehen konnte.

Er mochte etwa noch dreissig Schritte von der Gruppe entfernt sein und bemerkte, dass ausser ihm noch andere Vorübergehende aufmerksam geworden, als er sah, dass der Unbekannte sich auf seinen Freund stürzte und ihn mit wilder Erbitterung an der Brust fasste und schüttelte. Zugleich hörte er die Worte: "Sie sind sein Mörder, Herr; Ihr Blut für das seine!"

Im Nu war der Colonel an der Seite des Freundes, aber er kam zu spät, um eine unglückliche Tat zu hindern. Alfred de Sazé war von schlanker Gestalt, verbarg aber unter dem schmächtigen Aeussern eine starke Muskelkraft. Im ersten Augenblick wankte er unter dem Angriff des Rasenden, dann aber hatte er ihn rasch an den Hüften gefasst und schleuderte ihn mit Gewalt von sich. Der Unglückliche taumelte zurück, schlug an das Gitter, das den Quai nach der Seine hin abschliesst, und von der gewaltigen Schwingung des Wurfs die Balance verlierend, rückwärts über die obere Stange des Gitters, und ehe die umherfassende Hand einen Halt zu ergreifen vermochte, in die Tiefe.

Ein lauter Schrei ertönte von mehreren Lippen, denn verschiedene Personen, durch den raschen heftigen Wortwechsel herbeigelockt, hatten die Tat mit angesehen. Alles stürzte nach den Gittern.

"Um Gotteswillen, de Sazé, was gab es? was ist geschehen?"

Der Marquis stand bleich, zitternd, odemlos, sein Gilet und seine Cravatte zerrissen von dem Griff des Fremden. – "Ich weiss nichtich verstehe es selbst nichtretten Sie den Menschen, es ist ein Wahnsinniger!"

Er sprang an den Rand des Stromes, an die Unglücksstelle, an der bereits das Publikum mit dem Rufe: "Ein Mord! haltet den Mörder!" sich drängte.

"Er ist auf den Kahn gestürzt!" rief eine stimme.

So war es in der Tat, aber wie sich erwies, zum Unglück des Mannes. dicht unter dem Quai lag eines der grösseren Seineschiffe; der Stürzende war auf das Bugspriet desselben geschlagen, jedoch so unglücklich, dass er mit dem Hinterkopf auf die Schaufel eines Ankers traf. Als die von dem Tumult herbeigerufenen Schiffer ihn aufhoben und über die schwankende Bohlenbrücke auf den Quai trugen, zuckten die Glieder bereits im Todeskampf, die Augen rollten wild, ein Strom von Blut ergoss sich aus dem mund und wenige Augenblicke darauf war der Unbekannte eine Leiche.

Im hellen Licht der Gaslaternen lag dieselbe auf den Quadern des Quais, umdrängt von der Menge; der Colonel untersuchte den Puls des Unglücklichen und bat einige Umstehende, ärztliche Hilfe zu holender Marquis starrte regungslos, verwirrt auf das bleiche Todtenantlitz.

Der Offizier erhob sich endlich. – "Jede Hilfe ist vergebens, der Mann ist tot. Es ist ein Unglück, Sazé, aber Sie sind ausser Schuld."

Ein Polizei-Agent drängte sich heran. – "Man bezeichnet Sie mir als den, welcher diesen Mann im Streit in die Seine gestürzt. Ich verhafte Sie und Sie werden mir folgen."

Der Colonel entfernte ruhig die Hand des Agenten von dem Arm seines Freundes. – "Menagiren Sie sich,