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hätte mich zu all' ihrem langweiligen Predigten noch gänzlich enterbt."

Méricourtdenn der wackere und hochherzige Geliebte der schönen Fürstin Oczakoff, die wir so lange aus den Augen verloren haben, war der Begleiter des Marquis, lächelte ernst.

"Die Verbannung von Paris hat Sie wenig verändert, obschon ich glaubte, dass pariser Luft Ihnen so notwendig zum Lebenwäre, wie dem fisch das wasser."

"Da haben Sie Unrecht, Vicomte, ich bin nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit in Paris gewesen, sondern habe alle Landkränzchen und Bälle der Provinz mitgemacht, wie ein geborener Krautjunker. Sie sehen ja auch aus meinen Plänen, dass ich Paris missen will und in die Fremde gehen. Im Vertrauen kann kann ich Ihnen freilich sagen, es geschieht, weil nach meinem Arrangement von dem Erbe meiner Tante, das wegen der leidigen wohltätigen Legate viel geringer ist, als ich und meine Gläubiger erwarteten, mir nicht so viel übrig bleibt, um das Leben in der frühern Weise hier fortführen zu können."

"Werden Sie Soldat, Sazé, Sie dienten ja bereits in ihrer frühern Jugend."

"Gewiss, mein Lieber; ein oder zwei Jahre, ich weiss nicht mehrman muss seine Pflichten gegen das liebe Vaterland erfüllen. Auch hat ein Bekannter im Bureau des Kriegsministers mir bereits das Patent als Lieutenant und zur Dienstleistung beim Stabe des Prinzen, der die 3. Division kommandiren soll, zugeschickt, – ich habe aber Lust, es doch wieder zurückzugeben, und die diplomatische Carriere vorzuziehen."

"Im Augenblick, wo der Krieg vor der Tür ist?" sagte der Vicomte vorwurfsvoll.

"Ah, bah, – ich glaube, Sie zweifeln nicht an meinem Mut, nur ist das Leben im feld sosounfashionable und ich verspreche mir mehr Spass von den diplomatischen Operationen in dieser Zeit. Mit den türkischen Harems möchte ich schon Bekanntschaft machen, wenn wir nur nicht mit den schmuzigen Russen zu tun hätten. Man wird die Handschuh alle Augenblick wechseln müssen im Gefecht! A propos, Vicomte, haben Sie Nichts wieder von unserm kleinen durchgegangenen Duellanten gehört, der den Kamm so gewaltig blähte und dann spurlos verschwunden war?"

"Sie meinen den Fürsten Iwan?" entgegnete der Colonel ernst. "Sie wissen, Marquis, dass kein Flekken auf seiner Ehre haftet und dass Herr von Kisseleff, der russische Gesandte, uns am Morgen offiziel unterrichtete, dass er den Fürsten davon abgehalten und zur Abreise als Courier nach Petersburg gezwungen habe."

"Ja, ich weiss, und ich begriff damals nicht, warum Sie das heimliche Anerbieten jenes russischen Obersten, für den jungen Fürsten einzutreten, ablehnten und sich mit Entschuldigungen des Gesandten begnügten. Sie schiessen so wundervoll, Vicomte, und hatten die beste gelegenheit, sich da von dem widrigen Tatarengesicht Ihres Rivalen zu befreien, denn verliebt in die schöne Fürstin waren Sie doch."

Der Colonel schwieg.

"Haben Sie Nichts wieder von der Dame und ihrem Bruder gehört?" beharrte de Sazé.

"Fürst Iwan ist, wie ich aus den Zeitungen ersehen, in den Stab des Fürsten Mentschikoff gesandt worden. Sein Name hat bereits ehrenvolle Erwähnung in der blutigen Schlacht von Oltenitza gefunden. Die Fürstin istwie ich von einem Attaché der Gesandtschaft hörtegefährlich in Berlin erkrankt und dann auf ihre Güter in der Krimm zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit gebracht worden. Ein seltsames Ereigniss erinnerte mich daran, als ich vor einigen Tagen bei meiner Rückkehr von Algier in Marseille der Einschiffung der ersten Division beiwohnte."

"Bitte, erzählen Sie, Vicomte! – Aber was, zum Teufel! verfolgt uns denn eigentlich für ein fremdes Subject? Ich habe das confiscirte Gesicht schon beim Austritt aus dem Teater bemerkt, wie es mich aus der Menge der Flaneurs mit den Augen eines Wolfes anstarrte."

Der Colonel sah sich um. In der Entfernung von etwa dreissig oder vierzig Schritt schlich mit auffallender Beharrlichkeit ein Mann hinter ihnen d'rein von finsterm verdächtigem Aussehen. Seine Kleidung war die eines Commissionairs, das Gesicht eingefallen, hohl, so weit es die Entfernung und die Gasflammen zu erkennen erlaubten, – und von einem dichten Bart zur Hälfte bedeckt. –

"Vielleicht irgend ein Vagabond oder Bettler," sagte der Vicomte, "Paris wimmelt davon. Aber die Zeit ist noch zu früh, kaum elf Uhr und der Boulevard zu belebt für solche Nachtvögel."

"Also Ihre geschichte, Colonel!"

"Ich habe bereits erwähnt, dass ich bei dem ersten Einschiffen der Truppen zugegen war, denn zu der Division des Generals Canrobert wird auch das 3. Zuaven-Regiment gehören, dem ich mich von der Garde habe zum activen Dienst attachiren lassen und folgen werde, sobald ich hier meine Functionen beendet. Bei dem Gedränge der Einschiffung geriet ich plötzlich mit einer jungen hübschen Marketenderin zusammen, die meine Hilfe in Anspruch nahm, weil, wie sie naiv sagte, ihr Bruder auch jetzt bei den Zuaven stände. Das wäre nun kein besonderes Abenteuer, denn Sie wissen, Marquis, mit welcher Nonchalance unsere braven Mädchen aus dem feld mit Offizieren und Soldaten umzuspringen pflegen. Aber was mich dabei reizte, war das Aussehen ihres Begleiters, der in irgend eine zusammengesetzte Uniform, wie sie der Trödel bietet, gesteckt war und nur dazu zu dienen schien, das Gepäck der Kleinen zu bewachen, ohne ihr im Geringsten sonst an die Hand zu gehen, während sie mit einer auffallenden Sorgfalt jeden