1855_Goedsche_156_424.txt

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"Im Interesse Ihrer Sicherheit würde es gut gewesen sein, wenn Sie möglichst vollständige Angaben über diese sogenannten 'Unsichtbaren' und ihre geheimen Zusammenkünfte gemacht hätten. Die Notizen, die Sie mir darüber haben zukommen lassen, sind jedoch sehr unvollständig, namentlich in Betreff des Ortes."

"Sirees ist Alles, was ich weiss; – da ich nur einen sehr untergeordneten Grad hatte und allein für die finanziellen Operationen benutzt wurde, kann ich nicht mehr sagen. Die Mitglieder meines Grades wurden unter ganz besonderen Vorsichtsmassregeln an den Versammlungsort des Rates geführt, und ich weiss nur, dass er sich in der Nähe der Seine befindet."

"Gut; zum Glück bin ich im Besitz anderer Materialien. Leben Sie wohl, Herr Baronich glaube, die Zeit, in welcher Sie aus Amerika zurückkehren dürfen, wird nicht so fern sein."

Eine leichte Verneigung des Kopfes zeigte den Beiden, dass die Audienz zu Ende; sie zogen sich unter Verbeugungen zu der Tür zurück, durch die sie eingetreten, und verliessen das Gemach.

Wiederum verging eine Pause in ernstem scharfem Nachdenken, dann legte der Gebieter den Finger auf die Feder einer Glocke und ein scharfer durchdringender Silberton erklang. Der diensttuende Adjutant trat sofort durch die grosse Tür in das Kabinet.

"Ist Persigny da, lieber Graf?"

"Zu Eurer Majestät Befehl. Der Herr Minister wartet seit einer halben Stunde und überbringt eine wichtige Nachricht, wie er mir sagt."

"Sie hätten mir das gewöhnliche Zeichen geben sollen; lassen Sie den Grafen eintreten, Rognet."

Der Minister des inneren, – jener Günstling und Anhänger des neuen Gestirns der Napoleoniden schon bei seinem ersten verunglückten Aufflug, – der Gesandte von 48 in Berlin, – der Graf aus Recompense, – trat in das Kabinet. Das feine elegante etwas spitze Gesicht und die zierliche Figur passte zu seiner Haltung. Dennoch schien die diplomatische Ruhe des Staatsmannes etwas aus dem gewöhnlichen Gleis.

"Was hast Du, Persigny?"

Der Gebieter, der überhaupt für Jugenderinnerungen sehr empfänglich ist, pflegt ihn in vertrauten Stunden oft ziemlich cordial zu behandeln.

"Sireder Telegraph meldet, dass der Herzog von Parma heute Nachmittag beim Austritt aus seinem Palast ermordet worden ist."

"Ein Bourbon!"

Der Ausdruck war fast unwillkürlich den Lippen entschlüpft.

"Sire es ist ein politischer Meuchelmord, offenbar ein Werk der revolutionairen Propaganda. Der Mörder ist entkommen und unbekannt."

Er blickte ihn wie fragend an. Der Minister verstand seine Gedanken.

"Der Dolch, der sich an den legitimistischen Bourbonen gewagt, kann sich auch an den absoluten Napoleoniden wagen."

"Du hast Recht, Persigny, und der Sache muss ein Ende gemacht werden. Das Schwert und das Scepter meines grossen Oheims soll regieren über Europa, nicht der Dolch alberner Republikaner. sorge dafür, dass morgen im Moniteur die Tat mit den schwärzesten Farben gebrandmarkt wird. Ich bin entschlossen, und noch heute soll der erste Streich fallen."

"Meine Vorbereitungen sind getroffen."

"Wohlso breche ich denn vollständig mit der Revolution und der Vergangenheit. Sie oder ich, nur Einer darf herrschen. Ich habe dieses Netz geheimer Intriguen, das man seit zwei Jahren um mich gesponnen, von Anfang an durchschaut und wie Gregor VII. will ich die Krücken zu Boden werfen, denn ich kann allein stehen. Die Propaganda glaubte ein williges Werkzeug an mir zu finden, dessen Gängelband in ihren Händen blieb, aber sie hat sich getäuscht und wird ihren Herrn erkennen. Mein Oheim hat bloss die französische Revolution von 1793 zu Boden geworfen, – ich werde der Revolution von ganz Europa den Maulkorb anlegen."

"Wir haben mancherlei Vorteile aus diesem Gespenst der Staaten gezogen, Sire."

"Das haben wir, Graf, gewiss, aber die Stunde des Bruchs musste kommen. Der Tron Napoleons kann nicht von der Geneigteit demokratischer Fanatiker oder Speculanten abhängen. Ich habe sehr wohl begriffen, warum man mich in dieser orientalischen Crisis so schlau unterstützt, oder vielmehr, warum man von allen Seiten den Krieg herangedrängt hat. Hätte er nicht meinen eigenen Zwecken und Wünschen entsprochen, alle ihre Künste und Avancen sollten wenig genützt haben. Jetzt werfe ich die Maske ab und will die Bewegung in meiner Hand concentriren."

"Euer Majestät wissen, dass ein grosser teil des Heeres, namentlich in Algerien republikanische Gesinnungen hegt, und dass viele unserer besten und beliebtesten Führer diese bei der Wahl offen bekundeten. General Pelissier ..."

"Pelissier wird tun, was ich ihm befehle. Eben indem ich der Armee Schlachtfelder, Ruhm und Rache biete, wird sie imperialistisch sein mit jedem Blutstropfen. Die französische Armee gehört dem Namen Napoleon. Du bist kein Soldat, Persigny, und begreifst das nicht. Bédeau, Lamoricière und Cavaignac haben mir ihre Degen anbieten lassen für den Krieg, aber ich brauche und will sie nicht, ich verzeihe nie; das Frankreich unter mir soll seine eigenen Marschälle ziehen. Ich halte in meiner Hand jetzt schon den Credit Europa's, diese mächtige Waffe des künftigen Friedens. Ich werde die Sieger des Hauses Napoleon demütigen, und den einzigen Mann in Europa, dessen Stolz und Energie ich achte, bedauern lassen, dass er Ludwig Napoleon beleidigt und ihm sich in den Weg gestellt hat!"

Es war das erste Mal, dass dieser verschlossene Charakter selbst gegen seinen Vertrauten so offen sich aussprach, und der Graf fühlte die Gefahr