den vollständigen Operationsplan, den Gortschakoff in der langen Ruhe vorbereitet hat." Er beugte sich über eine vor ihm liegende Karte. "Matschin, Isaktscha, Tultscha und Hirsova – sie müssen nach unsern Berichten von ihrer Stärke in ein Paar Tagen genommen werden und damit ist Babadagh und die obere Dobrudscha in den russischen Händen. Es handelt sich offenbar um eine Operation ihres linken Flügels gegen Varna, als den Schlüssel zu Rumelien. Aber es wird seine Schwierigkeiten haben ohne die Unterstützung der Flotte."
"Es ist unmöglich, Sire, ohne den Besitz von Silistria."
"Richtig, Marschall – der Muschir kann sonst über ihre Flanke herfallen. Doch der Fürst ist ein Taktiker und wir werden sicher in den nächsten Tagen von einem weitern Uebergang oberhalb Silistria hören, das man alsdann von drei Seiten umschliessen kann." Er verweilte einigem Augenblicke über der Karte. "Jedenfalls ist der Augenblick zum Einschreiten gekommen. Wir müssen auf dem Platz sein und die Macht haben, die Ereignisse nach unserm Willen zu lenken. Die Türken dürfen geschlagen, aber nicht besiegt werden und die Balkanlinie muss unberührt bleiben, sonst haben die Oesterreicher Veranlassung und gelegenheit, sich einzudrängen."
"Silistria wird sich nicht halten können, Sire."
"Das ist gleichgültig, wenn es nur so lange geschieht, bis unsere Truppen in Varna stehen. Wir müssen einige zuverlässige Offiziere in Silistria haben, Sie werden die nötigen Befehle geben, Marschall. Vaillant wird mir morgen Vormittag nach dem Conseil über die Etappen berichten. Alle Maassregeln müssen beschleunigt werden."
"Euer Majestät erlauben mir die Bemerkung," sagte der Minister des Auswärtigen, "dass bei alle dem doch wohl erst der offizielle Schritt der Erklärung voran geschehen muss."
"Erinnern Sie sich, Herr, wie mein Oheim, der Kaiser, gegen Oesterreich verfahren ist. Das ist hier aber nicht einmal nötig und wir können vor Europa vollständig alle Formen wahren. Wir haben volle Zeit. Der Beschluss wird morgen im Conseil gefasst und Fould meine Instructionen erhalten, um sie am Abend im Senat und der Legislative vorzulegen. Es ist mein Wunsch, dass wir den Engländern damit nicht zuvor kommen. Das Nötige ist hier und in London vorbereitet und der Telegraph kann uns über die Stunde verständigen."
"Die griechische Regierung hat auf das Ultimatum eine ausweichende und ungenügende Erwiderung gegeben."
"Das wird uns gelegenheit geben zu einer Etappe im Pyräus. Das Weitere mögen die Briten von Corfu aus tun. Auf Wiedersehen, meine Herren."
Die beiden Minister zogen sich durch die grosse Tür zurück.
Der Zurückbleibende ging einige Minuten in dem Kabinet auf und ab, die hände auf dem rücken gefalten. Dann trat er zu einem Bilde Napoleon's des ersten, das über der Bergère an der Wand zwischen der zweiten und dritten Tür hing und betrachtete es längere Zeit. Die grossen durchdringenden Augen des berühmten Herrschers und Kriegers, des Siegers in so vielen Schlachten und drei Weltteilen, blickten starr und ehern auf ihn nieder.
"Seit 1815 zum ersten Male," sagte der Bewohner des Zimmers langsam vor sich hin. "Die Zeit naht ihrer Erfüllung und die Demütigung von Moskau wie die Verzögerung meiner Anerkennung werden ihre Sühne finden. Ehe zwei Jahre vergehen, wird der Tron der Napoleoniden wieder der gefürchtetste Europa's sein. Das genügt, denn die Erfahrung hat uns das Erreichbare gelehrt. – V e t t e r Nicolaus," – ein leiser Hohn spielte um seinen Mund – "nicht Russland oder Frankreich – ihre Interessen liegen zusammen! – sondern i c h oder D u !"
Er trat rasch zu der zweiten Tür, hob den Vorhang und öffnete sie. In einiger Entfernung in dem Corridor, auf den sie führte, stand ein Kammerdiener in Escapins.
"André – führen Sie die beiden Herren zu mir in's Kabinet."
Einige Augenblicke darauf traten zwei elegant in Schwarz gekleidete Männer ein, der Eine mit spitzig hervorspringender Stirn, etwas vorstehendem Mund und scharfen grauen Augen, der Zweite von einem gewissen Embonpoint mit ähnlichen den geübten Financier verratenden Kennzeichen und orientalischem Schnitt – Baron Riepéra, dem wir bereits in Paris und Wien begegnet sind.
drei tiefe und ehrerbietige Verbeugungen erfolgten, dann erwarteten sie schweigend die Anrede.
"Meine Herren," sagte nach einer Pause der Empfangende, "die Finanzoperation, die Sie mir vorgeschlagen, ist zu meiner vollen Zufriedenheit ausgeschlagen. Ich danke Ihnen."
Wiederum Verbeugungen.
"Während Herr von Rotschild Umstände machte mit der Anleihe von 250 Millionen, gab Ihr Memoir der Regierung den sinnreichen Plan in die Hand, die Summe durch Nationalsubscription – was man sonst nur im Fall einer Finanznot des Staates tut, – aufzubringen, und den Zeichnungen bis zu zehn Franken Rente einen bedeutenden Anteil zu sichern. Ich habe sofort neben den Nachteilen auch die Vorteile dieses Vorschlags erkannt. Nicht mehr die Banquiers, sondern die Nation bis in die untersten Schichten ist durch diese Zeichnung an dem steigenden und fallenden Wert der Rente an der Börse beteiligt. Die Anleihen der Staaten bei den Financiers machen die Fürsten entweder zu ihren Commis oder im Fall einer gewaltsamen Maassregel zu Räubern; die Anleihe bei Allen aber immer das Volk zum blinden Anhänger und Verteidiger der Regierung."
"Euer Majestät erlaubten wir uns eine hohe Ziffer zu versprechen."
"Sie haben sich nicht getäuscht, Herr Bineau hat mir heute Morgen die letzten Berichte aus den Departements vorgelegt, und die Gesammtsumme beträgt 469 Millionen, trotz