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sicher einst schwer rächen wird. Der Czar dagegen erklärte, dass er dem griechischen Aufstande seinen Beistand und seine Teilnahme nicht versagen könne, und sollten die Kämpfe einen ähnlichen Charakter wie die Freiheitskämpfe von 1826 annehmen, so werde er unter keiner Bedingung mitwirken, diese Bevölkerung wieder unter das türkische Joch zurückzubringen.

Mit dieser Erklärung von Seiten Russlands am 2. März waren seine Absichten offen dokumentirt, wie die Pläne der Westmächte durchs die Instruction an die Admirale.

Zu Ende Februar hatten bereits die Absendungen französischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen. Der Oberbefehl über das französische Heer und über die gesamte Armee der Alliirten wurde an den ehemaligen Kriegsminister, den Marschall Saint Arnaud, übertragen; das englische Corps befehligte Fitzroy Somerset, Lord Raglan. Ingenieure gingen voran, um bei Gallipoli das Lager für die Hilfstruppen auszustecken, und die Westmächte schlossen unterm 12. mit der Pforte einen Allianz-Tractat über die Sendung von Hilfstruppen ab, wogegen sich die türkische Regierung verpflichtete, keinen Waffenstillstand oder Frieden ohne Bewilligung der beiden Alliirten abzuschliessen. Am 11. war die englische Ostseeflotte von Spitead ausgelaufen.

Die Kämpfe an der Donau hatten unterdessen mit wechselndem Glück ihren Fortgang genommen, während dagegen die Russen in Asien mehrere bedeutende Siege gewannen.

General S c h i l d e r hatte am 26. Januar den General Fischbach in Krajowa ersetzt und die oberste Leitung der Operationen gegen Kalafat übernommen, die sich indess bis Mitte März auf eine Cernirung und unbedeutende Gefechte beschränkten. Vom 13. bis 19. vertrieben die Russen die Türken wieder aus Giurgewo, wo es ihnen gelungen war, sich festzusetzen, der Versuch eines Ueberganges nach Rustschuk wurde dagegen zurückgeschlagen und die Türken gewannen selbst die zwischen Szistowo und Rustschuk gelegene Donauinsel, gingen am 4. März bei Kalarasch auf das linke Ufer des Flusses und zerstörten zum teil die gegen Silistria dort errichteten russischen Batterieen. Ebenso versuchte Fürst Gortschakoff vergeblich und mit grossem Verlust noch ein Mal bei Oltenitza die zwischen den beiden Ufern liegende Insel den Feinden zu entreissen. Die Russen waren in diesem Augenblick auf allen Punkten an der Donau im Nachteil und ihr Führer offenbar mit einem neuen Operationsplan beschäftigt.

Ein ziemlich grosses Arbeitskabinet, – schwere dunkle Vorhänge vor den Fenstern, durch welche man auf die glänzende Erleuchtung der Ströme von Gas schaute, welche allabendlich den herrlichen Quai der Tuilerieen mit Tageslicht erhellen; – das prächtige Bild einer Frau mit aschblonden Haaren und dunklen spanischen Augen aus dem berühmten Pinsel Désandré's; – einige Karten an den mit dunklem Seidenstoff und darein gewirkten goldenen Bienen beschlagenen Wänden; – in einer Ecke die Uniform- und Waffenstücke der neuen "Hundert Garden"; – Bücher und Brochüren auf allen Tischen und Schränke mit einer ausgesuchten Handbibliotek an den Seitenwänden, in welche drei Türen mündeten; – auf dem grossen Tisch in der Mitte das überaus schön von Stahl und Messing gearbeitete Modell eines Geschützes nach neuem noch unbekanntem System; – das ist der Ort, wohin wir den Leser am Abend des 26. März führen.

An dem Tisch in der Mitte sass ein Mann von etwa 46 Jahren mit hoher Stirn und vorspringenden, energischen und kräftigen Zügen, denen wir schon ein Mal zu Anfang unseres Buches begegnet sind. Der aus hundert Abbildungen bekannte Schnitt des Bartes, der feste stolze Ausdruck des Gesichtes, aus welchem das ursprünglich ziemlich matte Auge unter buschigen dunklen Brauen häufig scharf und durchdringend aufflammte, konnten unmöglich die hohe Persönlichkeit verkennen lassen. Seine rechte Hand ruhte auf der Lehne des Fauteuils, während seine linke ab und zu eine Cigarre zum mund führte.

Er schien aufmerksam auf den abwechselnden Vortrag zweier Herren zu hören, die an der andern Seite des Tisches ihm gegenüber standen und von Zeit zu Zeit ihm ein Papier hinüber reichten, das der Sitzende alsdann flüchtig durchsah.

Der Eine der Beiden trug die glänzende Uniform eines Marschalls von Frankreich, sein breites Gesicht sah aufgedunsen und ungesund aus; der Kopf des Andern in Civil mit dem Grosskreuz der Ehrenlegion und zahlreichen ausländischen Orden am Cordon seines schwarzen Fracks war geistreich und anmassend.

"Colonel de Méricourt hat die Berichte über die Einschiffung der Truppen bis zum 22. von Marseille gebracht. In Oran und Algier stehen die designirten Zuaven-Regimenter bereit und warten auf die Schiffe des Admirals Dufresne. Ducos sagt mir, dass dieselben heute an der afrikanischen Küste sein werden. Das ganze Contingent wird demnach bis zum 30. auf der See sein und vor Mitte des nächsten Monats in Gallipoli ausgeschifft. Wann, Sire, werde ich abreisen?"

"Es eilt nicht, Marschall, jedenfalls vor den Engländern. Einstweilen genügt Canrobert. Haben Sie Nachrichten von der Donau, Drouin?"

"Sehr wichtige, Euer Majestät, ich erlaubte mir nur, dem Herrn Marschall Oberbefehlshaber den Vortritt zu lassen."

"Geschwind, geschwind! Depeschen über Wien? Sie wissen, dass ich sie auf der Stelle erhalten will."

"Beide sind seltsamer Weise wieder zusammen eingetroffen, also offenbar in Oesterreich verspätet worden. Ich habe unsern Gesandten darüber bereits geschrieben, aber er behauptet, dass es ausser seiner Macht stehe."

"Der Inhalt?"

"Ein russisches Corps ist unterhalb Hirsova über die Donau gegangen und hat die türkischen Schanzen erobert. Am 23. sollte die Belagerung gegen Hirsova beginnen. Fürst Gortschakoff hat auf die Verschanzungen von Matschin ein starkes Feuer eröffnet und sucht offenbar den Uebergang bei Braila zu erzwingen; ebenso General Lüders bei Galacz und General Uschakoff von Ismael aus nach Tultscha."

"Ah, da haben wir