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seine Schulter.

"Höre wohl an, was ich Dir sage. Es handelt sich um Tod und Leben, – um die Ehre der Oczakoff! – Ich kann nicht glauben, dass Fürst Iwan sein Wort gebrochenich kenne ihn, sein Wort ist ihm heiliger, als das Leben. kommt er nicht, so muss ein unvorhergesehener Zufall, ein Unglück geschehen sein. Der Zug geht ab, ich mit ihm. Das Wort und die Ehre der Oczakoff müssen rein bleiben im vaterland!"

Ihr Busen hob sich keuchend, sie rang mit der ErregungWassili, der leibeigene Milchbruder, horchte schweigend den Worten.

"Hier ist meine Börse, Wassilifür's Erste genug. Du bleibst hier und weichst nicht aus Paris, bis Du Iwan ermittelt und gefunden. Ich kenne Dich, Wassili, und weiss, dass sein Leben das Deine ist. Sage ihm, er solle rasch und heimlich folgen, ich hätte unterdessen seine Ehre gewahrt. Kein Wort im Hotel, Wassili, von dem Verschwinden des Fürstenbei Deinem Leben! bei dem Leben Deiner Schwester: Iwan ist abgereist mit mir!"

Die Glocke erklang zum dritten Malekein Iwan zu sehen! – sie sprang in den Waggon, – mit gekreuzten Armen stand der Diener vor der Tür, die der Conducteur eben schloss.

"Lebe wohl! Treu und verschwiegen!"

Dahin brauste der Zug! – –

Die Blutbrüder.

Unterhalb Ragusa, wo Richard Löwenherz auf der Rückkehr aus Palästina landete, um österreichische Treue zu erfahren, – wo Dalmatien im prachtvollen Golf von Cattaro endet, hat der Kaiserstaat im Wiener Congress eine schmale Küstenstrecke bis zur Bucht von Antivari sich vorzubehalten verstanden, die ein tapfres, in der neueren geschichte vielgenanntes Heldenvolkdie M o n t e n e g r i n e r oder C z e r n a g o r z e n – von der natürlichen Gränze seiner Berge, dem adriatischen Meere, trennt. Die Politik der europäischen Staaten hat damit ein Volk, das seit vier Jahrhunderten den Kampf gegen den Halbmond führt, isolirt und von seiner zeitgemässen entwicklung abgeschnitten: – sein Heldentum, seinen in dieser Zeit der Verflachung und des Eigennutzes spartanisch erhabenen Charakter vermochte sie ihm nicht zu nehmen, und Oesterreich selbst unterlag noch vor wenigen Jahren im Kampfe gegen das kleine Bergvolk.

C z e r n a g o r a , – das Land der schwarzen Berge, – M o n t e n e g r o in der Sprache der Italiener und der Diplomatie, bildet mit der Berda das kleine, kaum 80–90 Quadratmeilen grosse, Berg- und Felsengebiet, das zwischen der Herzogewina im Norden, Bosnien im Osten, Albanien und dem Paschalik von Scutari im Süden, hundert Angriffen der Türken siegreich widerstanden hat und schon seit dem Jahre 1703 als gänzlich von der Pforte losgerissener unabhängiger Freistaat zu betrachten ist. So nahe den sogenannten civilisirten Staaten Europa's, ist dies Volk doch in Sitten, Denken und Fühlen ein ganz anderes, verschiedenes. Nur das corsische ähnelte ihm, ehe die französischen Präfecturen es um seine Eigentümlichkeit und Selbstständigkeit betrogen haben.

Die Bevölkerung von Czernagora, U s k o k e n – die Geächteten, – wie sie sich mit Stolz nannten und noch nennen, stammt von den flüchtigen Serben, die dem Blutbade von Kossowo und auf dem Amselfelde entronnen, mit dem Sultan Amurat I. am 5. Juni 1389 das grosse serbische Reich vernichtete. Seitdem sind die schwarzen Berge der Zufluchtsort aller kühnen Flüchtlinge aus Bosnien, Serbien, Albanien, und nicht bloss der gemisshandelte Rajah, dessen rächende Hand den tyrannischen Unterdrücker erschlug, auch der abenteuernde Moslem selbst, der für seinen Kopf oder seine Freiheit fürchtet, flüchtet hierher und findet Schutz und Aufnahme. So ergänzt sich diese kühne Bevölkerung, fortwährend decimirt durch ihre inneren und äusseren Kämpfe, durch ihre Blutrache und ihre Privatfehden, immer wieder durch neuen Zuwachs aus den kühnsten und kräftigsten Elementen des Slaventums. Der Nationalzug, das historische Erbe des Volkes, ist der nie ruhende, fortglühende Hass gegen den Halbmond; seine Historie, welche seine Piesmen1 besingen, besteht in den Schlachten und Kämpfen mit diesem. I w o der Schwarze, von dem das Land den Namen führt, schlug schon 1450 den furchtbaren Mohamed II. bei Keinowska und erbaute den Hauptort des Landes, C e t i n j e . Von jener Zeit ab dienten die Czernagorzen dem Norden Italiens als Damm gegen die Eroberungen des damals so furchtbaren und gefürchteten Halbmondes. Mit ihrer sicilianischen Vesper, der schrecklichen Blutnacht zu Weihnacht des Jahres 1703 unter dem Vladiken Danilo Petrowitsch Nieguschi, in der alle Moslems im land erschlagen wurden, befreiten sie sich von dem Zeichen der Abhängigkeit, dem Haradsch oder Kopfgeld. Seitdem wütete der gegenseitige Kampf fast ununterbrochen fort. Der Aufruf Czar P e t e r s d e s G r o ss e n an die orientalischen Christen zur Teilnahme am Kriege gegen den Sultan machte das Volk zuerst in Europa bekannt. Die Czernagorzen allein hatten damals den Mut, sich zu erheben, und das Heer des Seraskiers Achmed Pascha, an 50,000 Mann stark, wurde von den tapferen Bergbewohnern bei Czarew-Laz geschlagen. Von jener Zeit her schreibt sich der russische Einfluss und die Sympatie für das Czarenreich in Montenegro. Seitdem auch suchte und erhielt der V l a d i k a , das geistliche und politische Oberhaupt des Landes, seine Bischofsweihe in Petersburg.