1855_Goedsche_156_418.txt

Alp der Ekle Dunst der Verwesung.

So lag er stundenlangüber sein Antlitz und seine hände huschte die feuchte Kälte der Ratteum die dünnen Wände des Verschlages heulte draussen der Schakal, vom Leichengeruch getrieben, und dem Lazaret stöhnte und wimmerte der Schmerz.

Dann flimmerte ein matter Lampenschein durch das Gemach, – zwei der Neger schlichen herein und begannen die Leichen zu durchsuchen. Es ist eine bekannte Sitte, dass der arme türkische Soldat seinen geringen Sold und seine Beute in jeder Weise zusammenspaart und hungert und dürstet, um seinen kleinen Schatz zu vermehren, den er stets am leib verborgen trägt. Der Geiz und die Habsucht sind hervorstechende Eigenschaften der Türken, neben einer prahlerischen Verschwendung und Schaustellung auf der andern Seite. Obgleich die Soldaten der Donauarmee Monate lang keinen Sold empfangen, gab es doch Viele der Nizams und der Irregulairen, die mehrere hundert Piaster an ihrem Körper in Silber und Goldstücken mit sich trugen.

Deshalb durchsuchtenobschon es streng verboten war, – nochmals die Wärter des Lazarets die Leichen und die eklen Lagerstätten. –

Der Schein ihrer Leuchte fiel auch auf das Antlitz des Capitains und ihre gierigen hände plünderten seine Taschen. Wir wissen, dass er seine Habe dem Knaben Nursah anvertraut, die Leichenräuber fanden daher Nichts als einen kleinen Ring am Goldfinger seiner linken Handder Widerstand, den er unwillkürlich zu leisten suchte, als sie den Reif mit Gewalt abzogen, sprengte endlich die Erstarrung seines Körpers und während sie mit der gewonnenen Beute sich entfernten, fühlte er wieder Leben und die Fähigkeit der Bewegung in seine Glieder treten. Es war wieder dunkel um ihn her, als er sich mühsam auf den Ellenbogen aufrichtete und seine geistigen Kräfte zu sammeln suchte, auf denen es wie ein dumpfer Nebel gelegen, durch den hindurch er alle Vorgänge um sich bemerkt. Er vermochte wenigstens aus der grässlichen Nachbarschaft der toten Körper sich zu schleppen.

Der tapfere Offizier fühlte, wie das furchtbar Schauerliche seiner Lage, die entsetzliche Umgebung, desto mehr auf ihn wirkte, je mehr er zu vollem klarem Bewusstsein zu gelangen suchte, und dass, wenn er noch lange in dieser Situation bliebe, Wahnsinn und Tod sein los sein musste. Mit Gewalt kämpfte er gegen die wüsten Bilder, die wieder seinen Geist zu verwirren drohten, gegen die schaurige Kälte, die durch die Glieder herauf an sein Herz griff.

Da wiederum öffnete sich die Tür des Lazarets und nochmals fiel der düstere Schein einer Lampe auf die Stätte des Todes. Der Offizier hatte noch so viel Kraft, sich wieder auf den Boden zurück und in die Lage eines toten zu werfen, aber diesmal war es nicht mehr nötigder Eintretende war Doctor Welland.

Ein tiefer schwerer Seufzer löste sich von der Brust des Offiziers, als er den Retter erkannte und führte sogleich diesen an seine Seite. –

"Um Gotteswillen, kapitän, wie fühlen Sie sich? – Die betrunkenen Schurken, meine Gehilfen, haben Sie, meinen strengen Befehlen entgegen, an diesen Ort des Entsetzens eher bringen lassen, als es nötig war. Ich wurde verhindert, früher wieder hier zu sein. Mut! Mut! und raffen Sie Ihre Kräfte zusammen."

Er hatte die Lampe auf den Boden gestellt und hielt ihm ein Flacon mit scharfen äterischen Salzen unter die Nase, die eine heftige Erschütterung der Nerven hervorriefen. Dann übergoss er ihn mit einer Flut von Eau de Cologne und wusch ihm Stirn und Schläfe damit.

"Können Sie sich erheben, kapitän?"

"Ich hoffe eseine Stunde länger in diesem scheusslichen Aufentalt wäre mein Tod gewesen."

Er richtete sich mit Hilfe des Arztes empor, doch musste er sich schwer auf diesen stützen, seine Beine versagten ihm fast den Dienst, schwer wie Blei lag es in seinen Gliedern und auf seinem Gehirn.

"Das ist die wirkung des Laudanums, die frische Luft wird Ihnen gut tun. Kommen Sie, Herr."

Er schleppte ihn nach einer gegenüberliegenden, in's Freie führenden Tür. Dort hob er den Holzriegel, der sie von Innen verschloss, löschte die Lampe und öffnete dann die Pforte; die frische scharfe Winterluft von der Donau her drang ihnen entgegen.

Der Arzt zog den Befreiten um die Ecke des Gebäudes, wo Nursah, in eine wollene Decke gehüllt, kauerte.

"Verweilen Sie hier und lassen Sie unbehindert die Nachtluft durch Ihre Kleidung streichen, und riechen Sie von Minute zu Minute an dieser belebenden Essenz. Ich muss die Spuren Ihrer Flucht vertilgen und dieses Lazaretkostüm ablegen, dann hole ich Sie hier ab."

Damit verschwand er in der Tür des Leichenhauses und verschloss dieselbe wieder von Innen.

Der Russe lehnte erschöpft an die Wand des Gebäudes, während der Knabe Nursah seine Hand erfasste und ihm Mut zusprach. Nach einer Viertelstunde, während der die rauhe Nachtluft den kapitän durchkältet, dagegen auch die Betäubung seines Geistes einigermassen erleichtert hatte, kehrte der Arzt, in seinen Mantel gehüllt, um die äussere Seite des langen Gebäudes zurück.

"Nun fort, denn ein unglücklicher Zufall könnte hier unsere ganze Mühe vereiteln. zuvor noch einen tüchtigen Schluck aus dieser Flasche, kapitän, und dann hüllen Sie sich in die Decke Nursah's und stützen Sie sich auf mich. Voran, Nursah, Du weisst den Weg."

Damit fasste er den kapitän unter den Arm und führte ihn mit sich fort, während der schwarze Knabe etwa 200 Schritt vor ihnen her ging, querfeldein von der Donau und der Strasse nach Negotin ab.

Sie