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Junok fiel in die hände der Ihren, und der schwarze Haran Hassan wollte ihn tödten. Da kam sie in der Nacht zu seinem Lager und sprach: Haran Hassan, Du hast um mich vergeblich geworben und Geschenke mir gesandt, – hier bin ich, nur von dem Linnen bekleidet, und will Dein Lager teilen, wenn Du den jungen Krieger ungefährdet zu den Seinen lässest." ...

Der Offizier rang mit den grauenhaften Phantasieen, die auf ihn einstürmten und seine Sinne verwirrten; aber immer kälter und fester legten sich die Bande der Erstarrung über seinen Körper und das Leben schien nur noch in seinem Herzen und seinem Gehirn concentrirt.

"Agnes," flüsterte der junge Deutsche, "Dein Bild mit dem kind steht vor mir! Wie Du so lieb und rein warst! – kannst auch Du mir vergeben? – Ich werde zurückkehren zu Dir und dem kind, ein treuer Mann werde ich sein, – ich sehe Dich, mein Weib, mit den goldenen Locken des Knaben – o wie glücklich! – Allmächtiger Gott im Himmel, der Krampf, der Krampf! Hilfe, Hilfe –"

Und der Unglückliche wand sich in seinen Zuckungen, und die Bilder der verzeihenden Lieben hatten ihn getäuscht und die gebrochenen Herzen schlugen hunderte von Meilen von seinem Sterbelager, – vielleicht ihn im selben Augenblick verwünschend, vielleicht ihm vergebend. – Gott der Herr allein weiss es!

"Ai gusum! wie so süss Deine Küsse sind gleich dem Honig von Chios. Wie sie mich umdrängen die Houri's, tausend Beine, tausend Busen, tausend Lippen, alle auf ein Mal! – o tödtende Lust des Paradieses!" – – –

"GoldGold! – Der glühende Strom umfliesst mich und verzehrt meine Gebeine! Wie soll ich trinken das flüssige Metall!" –

Und wiederum erklang die geheimnissvolle stimme und die Sprache wechselte in den italienischen Wohllaut:

"Ich sehe vor mir die süsse Nacht, die Brautnacht, die der Geier hält mit der Taube. Nacht rings um, – o wie sie zittert und sich wehrt die arme blutende Taube; aber der Wudkoklak ist über ihr. Er hat sie betrogen und Junok, ihr Geliebter, ist dennoch dem Blutbann verfallen. Er wird sterben, wenn der Wudkoklak ihr Blut bis zum letzten Tropfen gesaugt."

"Die Kerle machen einen Höllenlärmen. Haltet Euer Maul, Canaillen, oder es geht Euch schlimm!" tobte der trunkene Barbier.

"Delhi der! es sind Tolle, – sie wissen nicht, was sie reden."

"Aiawas das Brautbett schön und süss ist, – wie der Vampyr die Moma umschlingt und die gierigen Lippen auf ihren Busen heftet! Bleich ist ihr Gesicht in der Stunde der Liebe, und der Segen des Weibes ist ihr Fluch. Die Moma opferte das Herz und den Leib für den toten Freund! Fahre wohl, schöne Awra, denn der Tod ist über Dir, ehe zwanzig Mal der Mond sich gerundet!"

"Himmlische Houri, nimm mich auf in Dein Paradies!"

Das Schmerzensstöhnen des jungen Deutschen hatte sich in ein leises Röcheln verwandelt, – nach und nach verstummte auch dieses. Noch ein Mal vernahm das gereizte Ohr des Capitains den Namen Agnesdann war Alles still auf jener Seite.

Auch der junge Mulassim war zu dem Paradiese Mahomed's eingegangen, wo die tausend gazellenäugigen Houri's seiner harrten.

Die krampfhaft erregten Züge gruben sich zu starren Furchen unter der erkältenden Hand des grossen Würgers.

Nur Abdallah, der Geizhals, konnte nicht sterben, – all' seine zähe Lebenskraft klammerte sich an das elende Metall und den Jammer, dass er es im Hane des Bulgaren verloren.

Und fort und fort klang die Todtenklage des Slavoniers aus dem von giftigen Dünsten erfüllten Dunkel des langen Ganges.

Die beiden Gehilfen des Doctors untersuchten die Kranken, indem sie dieselben mit Hilfe eines Stockes aufstörten.

"Leuchte hierher, Mustapha, Du schwarzer Hund!" sagte der Barbier zu dem begleitenden Mohren. "Dader ist für Euchund hier der On-Baschi auch, der so viel geschrieen und gejammert hat. Der Kerl geberdete sich wie eine junge Dirne, die mit einem Alten die Brautnacht feiern soll."

"Mein Bruder schaue den Mann, den der HekimBaschi uns empfohlen, – ich glaube, auch seine Zeit ist gekommen."

"Per baccowahrhaftig; da hätten wir Einen über die fünfzig! – He, Freund, lebst Du oder bist Du tot?"

Er stiess den kapitän mit dem Stock an. Der Körper rührte sich nicht, das Auge blickte starr wie das einer Leiche.

Und dennoch wohnte Leben und Bewusstsein in dem toten Körper, dessen Glieder wie durch Starrkrampf oder vollständige Letargie gefesselt waren.

"Schleppt das Aas weg, – fort mit ihm in die Todtenkammer. Für was haben wir uns nun abgemüht mit dem Burschen?"

"Allah wollte seinen Tod. Gieb mir die Flasche, mein Bruder."

Die Neger, die bereits die beiden andern Leichen expedirt, rissen den Körper vom Lager und zerrten ihn durch die Reihe der Kranken nach dem Verschlag am Ende des Gangesder Vorratskammer der Leichen.

Dort liessen sie ihn auf dem kalten Boden liegen. –

Dunkle Nacht rings um, – die Augen, die er nicht zu schliessen vermochte, schauten nur schwarze Finsterniss; auf der Brust, die der Atem nicht mehr hob, lastete dennoch wie ein schwerer