1855_Goedsche_156_416.txt

dass sie ihm nicht schaden soll, wird sie ihm nicht schaden."

Der Barbier goss schwankend die dunkle Flüssigkeit in ein Gläschen, als einer der Mohren ihn anstiess, der eben mit seinem Gehilfen eine Leiche an ihm vorüber schleppte.

"Marzocco!9 Du hast mich die ganze Medizin verschütten lassen!"

Er schlug ihn mit der Flasche in's Gesicht, dass der Schwarze heulend den toten fallen liess und die Leiche in dem Gange liegen blieb.

"Delhi der! Nimm die weisse Medizin jetzt, o Hekim-Baschi."

"Es wird sich gleich bleiben," sagte der Trunkene. "Sterben muss er doch."

Damit nötigte er dem kapitän die Medizin ein. Zum Glück hatte dieser die Instruction des Arztes mit angehört und wusste, dass es die richtige war.

Die Trunkenbolde zogen weiter; die Leiche blieb liegen dicht neben dem Lager des Offiziers, und die grossen verglasten Augen schienen ihn in dem Halbdunkel gespensterhaft anzustarren.

Erst überkam ihn nach der Medizin ein eigentümliches Gefühl des Wohlbehagens, – eine gewisse Ruhe und Apatie legte sich auf seine erregten Nerven. Nach und nach ging dies Gefühl in eine leichte, jedoch nicht unangenehme Kälte über. Ihm war wie einem im Schnee Erfrierenden, dessen Glieder langsam und unmerklich absterben. Dabei aber bleiben einzelne Sinne tätig, ja schärfen ihre Functionen.

Sein Gehör vernahm selbst die flüsternden Laute der Leidenden in grosser Entfernung. Der verzweifelnde Ruf nach wasser gellte wie Sturmesbrausen in sein Ohr.

Der türkische Kosak ihm zur Linken schien jetzt nicht mehr zu dürsten, – Träume der Heimat umgaukelten sein Sterbelager. Es war ein Deutscher, – ein junger Mann aus guter Familie, dem an seiner Wiege nicht das schreckliche los gesungen war. Aber die Verderbniss einer grossen Stadt hatte auch ihn verdorben von Stufe zu Stufe, bis der Vater nach oft wiederholter Verzeihung ihm endlich um der andern Kinder willen jeden weitern Beistand entzogen. Die Steckbriefe der Behörde verfolgten ihn auf der Flucht aus der Heimat, – so war erein Verlorener und verlorenauf den Schauplatz gekommen, der so Viele seines Gleichen verschlang.

"Es ist nur ein Gott und Mahomed ist sein Prophet!"

Das Gebet Abdallah's, des Damasceners, klang wie eine Gotteslästerung in das Toben und Reden des Deliriums, in das die sinkende Abendstunde Viele versetzt hatte.

Die von dem corsischen Banditen verwundete Hand hatte den Asiaten in das andere Lazaret geführt und dort ihn der Typhus befallen.

"Gold, heiliger Prophet, – rotes blinkendes Gold! Ich sehe das Paradies offen mit seinen sieben Himmeln, – die Stufen hinauf sind von Gold, von reinem klarem Gold ..."

"Fluche mir nicht, Mütterchen," wimmerte der junge Mann zur Linken, – "o, ich weiss wohl, Mutter, dass ich Dir das Herz gebrochen, und die Tränen der Schwestern und die strengen Augen des Vaters klagten mich an, als Du so weiss im schwarzen Sarge lagst, – o, fluche mir nicht, Mutter, eine Mutter kann dem Erstgeborenen nicht fluchen, den sie unter dem Herzen trug."

Auf seinem Lager von moderndem Stroh hatte sich ein Mann emporgerichtet, – der lange Haarbusch des Albanesen fiel über sein todbleiches Gesicht, aus dem nur die schwarzen Augen mit unheimlicher Lüsternheit funkelten.

"Heiliger Prophet, Du erfüllst meine sehnsucht. Ich sehe sie vor mir in all' ihrer Herrlichkeit, Fatinitza, die Wölfin von Skadar, der ich nur ein Mal in's Antlitz geschaut, wofür meine Füsse die Bastonade litten bis sie zu Brei wurden. Heiliger Prophet, ich sehe Fatinitza, die Houri, und siebentausend Houri's um sie her. Wie ihre brennenden Augen Wollust strahlen und das Gehirn in meinem haupt versengen! Ihre Lippen sind wie die Rosen von Eden, ihr Busen wie der Marmor von Skyos. Ihr Atem ist Duft und ihre Hüften sind wie Kissen, – heiliger Prophet, lass mich ruhen in ihrem Arm!"

"Ich sehe das Gold und die blitzenden Steine, – wo ich hinsehe, ist Goldrotes Gold, und der flüssige Strom kommt auf mich zu, – o, dass ich tausend tausend hände hätte – –"

Eine singende stimme wie aus weiter Ferne schlug an sein Ohr, – er konnte den Kranken nicht schauen, aber er fühlte das Unheimliche dieser stimme, die klang wie ein Grabgesang. Der Unbekannte mit dem Traumgesicht sang sein Todtenlied bald in italienischer, bald in slavonischer Sprache, – unheimlichfurchtbar klangen die Worte, – eine Piesme, gleich dem Bardensange Ossians, wie ihn die Sänger und Seher mit dem zweiten Gesicht in den Felsenschluchten Schottlands oder in den Nebelbänken der Orkneis klagen.

"Der Geier schwebt über dem Lamm, – der Wudkoklak wetzt seine weissen Zähne, um sie in das Blut des lebendigen Weibes zu schlagen. Ich schaue Dich, Frau, wie Dein weisser Körper sich windet in den Krallenarmen des bösen Vampyrs. Aber seine teuflischen Augen haben Dich berauscht und Deine Kraft vernichtet!" .......................................................

Und wiederum auf's Neue begann die stimme:

"Awra, das zarte Weib, liebte Junok, den Tapfern, aus feindlichem Stamm. Aber