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die Rum- oder Rakihflasche lugte aus den Taschen ihrer Sürtouts, und der schwankende gang, das gerötete Antlitz des Jüngeren, wie der starre blick des Anderen verkündeten, wie häufigen Gebrauch sie bereits davon gemacht.

Bei dem vorletzten Bett in der Reihe nach dem allgemeinen Lager hin blieben sie stehen, – es war durch die Vorsorge des Oberarztes in einem etwas besseren Zustand als seine Nachbarn. Neue reine Linnen waren über eine frische Strohunterlage gebreitet, eine zottige siebenbürgener Decke schützte den Kranken gegen die Kälte.

Dieser Kranke war der russische kapitän, Baron von Meiendorf.

Bald nach seinem Transport in das Lazaret war der Offizier von dem Arzt durch die Anwendung narkotischer Mittel aus dem krampfhaften Zustand erweckt worden. Als er zur Besinnung kam, betäubt und angegriffen, war der deutsche Arzt an seinem Lager mit den beiden Männern, seinen Gehilfen, die eben jetzt wieder dem Bett sich nahten. Ein rasches Zeichen der Verständigung hatte dem Offizier Schweigen empfohlen, und er hörte mit an, wie der Doctor jenen seine Krankheit als eines der furchtbaren Faulfieber beschrieb, die namentlich in den russischen Lazareten zu wüten pflegten.

Hier lag nun der Offizier den ganzen Tag, so viel als seine Tätigkeit es erlaubte von dem arzt unterstützt, der unter der Form von Medizin ihm häufig starken Wein zur Erfrischung brachte. Alles Elend der Welt schien sich um ihn concentrirt zu haben, und wie der Aufentalt unter den Wahnsinnigen selbst den gesundesten Geist an sich selbst irre macht, so weckten die wilden Fieberphantasieen der Kranken und Sterbenden um ihn her zuletzt seine eigene zu wirren ausschweifenden Bildern, denen er sich mit Aufbietung aller Seelenkräfte kaum zu entreissen vermochte.

Noch schrecklicher, gespensterhafter wurden diese Umgebung, als der Abend nahte. Der Doctor hatte ihm angekündigt, dass er ihn verlassen müsse, um Alles zu seiner Flucht vorzubereiten, und dass er zu einer bestimmten Stunde ein neues ihn nach und nach betäubendes Mittel erhalten solle, das ihn in jenen Zustand versetzen würde, den er zur Ausführung seines Planes nötig hatte.

Jetzt war die Stunde gekommen, und die Gehilfen des Doctors, die während seiner Abwesenheit die Aufsicht und Wache hatten, nahten in ihrem an und für sich schon schauerlichen Aufzuge, gegen den die ärzte im Vorgemach des Lazarets ihre Oberkleidung vertauschten, seinem Lager.

"Es sind ihrer heute nur achtundvierzig gestorben, Brüderchen," sagte der junge Gehilfe mit schwerer Zunge, indem er sich auf den Moslem stützte. "Schade, dass das halbe Hundert nicht voll ist. Aber ich rechne darauf ehe der Doctor kommt. Schau den da an, – was nutzt ihm die Medizin, die wir ihm noch geben sollen? – morgen früh tanzt er doch mit Deinen Houri's im Paradiese."

"Was für Kot sprichst Du da, Freund," erwiderte der Türke. "Die Gläubigen sind nicht da um zu tanzen, das überlassen sie den tollen Christen und den Alme's. Die Gläubigen sitzen auf weichen Kissen und lassen sich von zehntausend der schönsten Houri's bedienen und schlürfen den goldenen Wein von Cypern."

"Das muss höllenmässig schön sein! Als ich noch Schneider und Bartkratzer in Livorno war, hätte ich mir's im Leben nicht träumen lassen."

"Unsere berühmtesten Wessire waren in ihrer Jugend Barbiere," entgegnete andächtig der Türke. "Mashallah! was willst Du noch mehr? Ich Habe gesprochen."

"Und diavolo, ich durste ganz verzweifelt in dieser abscheulichen Luft. Banabak, Freund Ali, gieb mir Deine Flasche her, die meine ist leer. Du hast sie mir ausgetrunken."

"Eh Gusum, Du tatest es selber!"

"Das ist eine Lüge! Du hast's getan!"

"Du bist kein Esel, Freund, besinne Dich!"

"Höre, Ali, – ich bin Dein Vorgesetzter, gieb die Flasche!"

Ein wilder, verzweifelnder Schrei furchtbaren Schmerzes gellte zwischen den eklen Zank, – ein junger Soldat vom Corps der türkischen kosacken, der zwei Betten von dem kapitän entfernt lag, hatte ihn ausgestossen.

"wasserbei der Barmherzigkeit Gotteswasser!"

Der ehemalige Barbierbursche stiess trunken seinen gefährten an.

"Ich kenne das, – erst haben sie Durst, dann kommt das Delirium und dann holt sie der Teufel. Es ist was Trübseliges, solchen Durst zu haben. Nummer neunundvierzig!"

Er dachte nicht daran, dem Flehenden die Labung zu reichen.

"Gott will es."

Der Jammerruf des Soldaten wiederholte sich und verstummte dann in ein stöhnendes, wimmerndes Gurgeln.

"Es ist Zeit, dass wir dem Burschen da die Medizin geben, sonst schilt uns Signor Wellando und sieht uns auf die Finger wegen des verbotenen Rums."

"Ich spucke auf seinen Bart."

"Den Teufel tue ich! – er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich's gefallen lassen würde. Gieb mir die schwarze Medizin da her, Ali. Ich möchte nur wissen, weshalb unser College so viel Umstände mit dem Lumpenkerl hier macht."

"Du irrst Dich, Effendi, – er soll die Weisse haben."

"Manigoldo!7 willst Du ihn mit Gewalt umbringen? Die Weisse ist Gift."

"Ne apalum! was kann ich tun? Die Schwarze entält das Gift."

"Wirst Du schweigen, babuasso!8 ich sage Dir, die Weisse ist's."

"Gott ist gross. Wenn es sein Kerim ist,