, die täglich 500 Kranke hatte ausser den Verwundeten. Was nutzten aber den Günstlingen der ärzte, den On-Baschi's und Mulassim's, die darauf Anspruch hatten, diese Lagerstätten bei dem Schmuz und der Unreinlichkeit des türkischen Wesens? Zwischen die Leinentücher, auf die feuchte, modernde Matratze, auf der eben der Eine in ekler Krankheit gestorben war, musste eilig der Zweite gelegt werden, – der Tod hatte keine Zeit für Wäsche und Reinigung.
Der Typhus ist eine schreckliche, die Säfte des Lebens zersetzende Krankheit, aber auf die Seele wirkt er gleich dem Traum der Fata Morgana und das Delirium führt die Phantasie in die unermessenen Räume. Visionen, Wahrsagungen, erotische Bilder, somnambüle Kräfte und Erscheinungen wechseln bunt in der Glut des Fiebers oder der Abspannung der Nerven.
über alle diese schrecklichen Erscheinungen siegte jene furchtbare Resignation des Leidens und des Todes, die der ächte Moslem besitzt, denn seine Religion ist von Jugend auf: "Es war mein Kismet!" und ruhig – wenn die Fieberglut gewichen und die unfreiwillige Exaltation erschöpft hat – streckt er sich zum Sterben. Selbst in dieser Exaltation, in diesen rasenden Phantasieen schwebt ihm dieser Glaube vor.
Welcher furchtbare Unterschied in diesem apatischen Hingeben mit dem verzweifelnden Ringen des Renegaten an seiner Seite, – des Kranken, der Glaube und Vaterland verlassen, der keinen Trost mehr hat, als die schreckliche Hoffnung auf das ewige Nichts. – –
Was sollten unter diesen fünfhundert Kranken höchstens zwei wirklich wissenschaftlich gebildete ärzte, von denen noch dazu der eine als Oberarzt die Station der Verwundeten zu beaufsichtigen hatte? Die Anstrengungen, die Doctor Welland gemacht hatte, um einige Ordnung in dies Chaos von Leiden und Schmuz zu bringen, waren riesenhaft, aber sie erlahmten an der gänzlichen Unfähigkeit seiner europäischen Gehilfen und der Gleichgültigkeit und dem Egoismus der türkischen. Wir haben bereits erwähnt, dass die Unterärzte und Apoteker im glücklichsten Fall aus verlaufenen Barbiergesellen bestanden, dass das aber eben nur Ausnahmen waren und grösstenteils Leute aus den verschiedensten Ständen, ohne alle und jede Kenntniss zu Aerzten und Wundärzten geworden waren, bloss weil sie die Eigenschaft eines Franken besassen und der Türke glaubt, jeder Franke sei ein Hekim-Baschi.
Dennoch richtete selbst ihre Unwissenheit – und sie starben hin wie die Fliegen in diesem traurigen Beruf – weniger Unheil an, als die Nichtswürdigkeit und die Betrügerei der türkischen Lieferanten – zum grossen teil G r i e c h e n . Die Feldapoteken waren auf das Jämmerlichste versorgt. Bis auf einige Brechmittel, Chinin und Calomel war fast Nichts darin zu haben. Zum Glück war Chinin und Calomel grade die Arznei, die am besten gegen den Typhus, selbst in der unkundigen Hand, wirkt; aber das Chinin war pulverisirte Eichenrinde und das Calomel mit Kreide und Kalk vermischt.
über die Lieferung der Lebensmittel haben wir bereits gesprochen.
Man muss es dem Muschir zum Ruhme nachsagen, dass er in der Organisation der Armee, ihrer Bewaffnung und Einübung, Riesenhaftes leistete, aber an der Verpflegung und namentlich an dem Medizinalwesen, von dem er gar Nichts verstand und das überhaupt in der türkischen Armee wenig beachtet wird, – was kümmert sich ein türkischer Heerführer um einige tausend Menschenleben! – scheiterte selbst seine Energie. Von Zeit zu Zeit griff er zwar mit energischer Hand ein, einige Lieferanten wurden erschossen, andere erhielten fünfzig oder hundert Stockprügel, aber das Alles änderte Nichts in dem durch und durch corrumpirten System.
Weil die Executionen vor der Front der Truppen vollzogen wurden, glaubte der Soldat an eine rächende Hand über seinen Peinigern, und stellte in wahrhaft heroischer Geduld in Ertragung der Leiden das Weitere dem Kismet und dem Muschir anheim. Wäre nicht der Scherz hier ein zu schneidender Hohn, man möchte sich an die Antwort des berliner Gassenjungen mit den erfrorenen Händen erinnern: "Des is meinem Vater schon janz recht, warum koft er mir keene Handschken nich!"
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Die dunklen Gestalten der sogenannten Wärter, – meist Mohren, – huschten durch das Lazaret. Ihre Ohren waren taub gegen das Flehen des Einzelnen um einen Trunk wasser, um irgend eine Erleichterung seines hilflosen Zustandes. Von Strecke zu Strecke stand ein Bütte mit trübem Donauwasser, – die Moslems krochen still dahin und tranken, wer nicht mehr die Kraft hatte, verdurstete. Aber die dunklen Wärter waren nicht ohne Beschäftigung. Der Tag hatte aufgeräumt unter den Kranken und die Leichen mussten entfernt werden, um den neuen Ankömmlingen am Morgen Platz zu machen. Die Umstände mit den toten waren gering. Ein eiserner Haken in den Bund oder das Gewand – wenn nicht in's Fleisch – geschlagen, ein Strick daran oder um die Füsse gebunden, so wurden sie durch den langen gang der Mitte bis zum Ende des Gebäudes geschleift, wo ein grosser Verschlag zur Aufnahme der Leichen bestimmt war, bis am andern Morgen die Todtengräber der Armee auf ihren Karren sie holten und in die weiten Gruben auf dem offenen feld warfen, die zu diesem Ende von den bulgarischen Bauern gegraben werden mussten.
Um sie her irrte des Nachts der Schakal, den der Schnee, die Kälte und die Witterung aus den Gebirgen herab in die Ebene führte, und sein klagendes Geheul war das einzige Todtenlied der Begrabenen! –
Zwei Männer, ein älterer Moslem und ein blutjunger, kaum achtzehnjähriger Franke schritten im Gespräch durch die Aristokratie dieses Jammers, die Abteilung der Feldbetten. Beide waren in lange talarartige Wachstuchmäntel gehüllt und trugen einen Schwamm mit Essig getränkt in der Hand. Aber ein besseres, beliebteres Hilfsmittel,