ungewiss, was er beginnen sollte.
"Wollen Sie mir Ihren Beistand leihen, mein Herr, auf diesem – schweren Gange?"
"Um Gotteswillen, Gräfin, haben Sie meinen Brief durch meinen schwarzen Diener nicht erhalten?"
"Ich habe Nichts erhalten, mein Herr! – Oder täuscht man mich," ihre Augen belebten sich, – "ist er nicht gerettet, – ist er gemordet?"
"Er ist gerettet, Gräfin, auf das Wort eines ehrlichen Mannes, aber ....."
"Das ist genug," unterbrach sie ihn bitter, – "weder Sie noch ich ändern mein Schicksal, das ich freiwillig gewählt, – so kommen Sie denn!"
Sie reichte fest und entschlossen dem misstrauisch herantretenden Obersten den Arm. Im Vorübergehen traf sein dämonisches Auge finster und drohend den Arzt, der schon den Fuss erhoben, die Lippe geöffnet hatte, um sie nochmals zu warnen. Er fühlte, dass er hier kein Recht mehr habe, dass jedes Wort ihn selbst und den Mann, der sich ihm anvertraut, verderben konnte.
Ein bitterer teilnehmender Schmerz wühlte in seinem redlichen Herzen, während er die stimme des Mönchs die Gebete der katolischen Kirche murmeln hörte. –
Der Wudkoklak hatte sein Opfer! –
Ich führe den Leser in die Hölle auf Erden, an einen so grausigen, so schauerlichen Ort, dass Dante's berühmte Inschrift: "Voi ch'entrate, lasciate ogni speranza!" allein ihn würdig bezeichnen kann, – in ein türkisches Militairlazaret.
Es ist Wahrheit – es sind schauerliche Tatsachen, die ich schildere – kein Gebild einer dämonischen Phantasie; denn die Wirklichkeit des Lebens ist schwärzer, furchtbarer, denn alles Reich der Träume! ––––
In einem scheunenartigen Gebäude, das früher zu einem Kavalleriestall gedient, war das Lazaret für die Truppen von Widdin und Kalafat aufgeschlagen. Das Gebäude bestand aus einem nach der Donau zu offenen Quadrat in der Nähe des Tores von Negotin. Erst dem energischen Einschreiten des deutschen Arztes war es gelungen, diese Räume einigermassen zu sichten und in zwei Abteilungen zu sondern. Die eine war jetzt für die Verwundeten – die andere grössere für die Kranken bestimmt. Ich wiederhole, es ist Tatsache, dass in den sechs Monaten der Besetzung von Kalafat Z e h n t a u s e n d M a n n hier am Typhus und anderen schrecklichen Krankheiten starben!
Wir haben es mit diesem teil des Lazarets zu tun – der Faden unserer geschichte wird uns leider noch oft genug in jene Höhlen des Schmerzes führen, wo B l u t die Losung ist, und Messer und Säge ihre schreckliche Melodie knirschen. –
Ein Binsendach deckte den wohl hundert Schritt langen Raum, von nackten Balken getragen, die sich auf die leeren Wände stützten. Hin und wieder hingen an diesen noch die Krippen und Raufen der Pferde.
Es war kalt – schauerlich kalt in der Januarsnacht in diesem öden Raum! Rechts und links in zwei langen Reihen befanden sich lange Strohlager, mit Dekken und Mänteln überdeckt – hin und wieder einzelne Kissen.
Aber das Stroh war faul – modrig, – stinkend, es wurde in Wochen kaum erneuert, und durch Decke und Wände pfiff der Wind, brach Regen und Schnee herein. Die Feuchtigkeit rieselte in der Mitte zusammen und bildete modrige Tümpel.
Draussen unter dem Sternendach des Winterhimmels lag eine frische durchsichtig dunkle Luft über der Erde – im inneren dieser Höhle des Jammers aber lagerte eine dumpfe schwüle Atmosphäre, der giftgeschwängerte Dunst des Todes und der Ansteckung, ein gelbgrauer Nebel, den die zahlreichen Lampen, die im inneren des Gebäudes brannten, nur matt zu erhellen vermochten.
Man hatte im Anfang den Versuch gemacht, die Einrichtung der europäischen Lazarete nachzuahmen und über den Kranken schwarze Tafeln anzubringen, welche das Stadium der Krankheit und die angewendeten Heilmittel notificiren sollten – es war jedoch bei dem Versuch geblieben; denn die täglich wachsende Anzahl der Kranken und die Fahrlässigkeit und Ignoranz der türkischen ärzte hatte der Anordnung gespottet.
Auf diesem Stroh in langer Reihe neben einander lagen in diesem Augenblick dicht zusammengedrängt an vier- bis fünfhundert Menschen in jedem Stadium der körperlichen Auflösung. Das Lazaret lieferte durchschnittlich 40 bis 50 tote.
Der Schmerz in jedem Ton – vom leisen Wimmern bis zum gellenden Aufschrei des Unerträglichen; – das Leiden von der Apatie bis zur gotteslästerlichen Verzweiflung; – das Sterben von dem stillen Hinschwinden aller Kräfte bis zum wütenden Kampf der Muskeln und Nerven gegen den Allesverschlinger, – Alles war vereint in dieser feuchten, pestschwangern Atmosphäre.
Grösstenteils in ihren Kleidern – Lumpen, die vom leib faulten, von Ungeziefer wimmelten, – lagen die Kranken; glücklich, wer eine Decke gewann, in die er sich hüllen konnte gegen den Frost. Vom leib des Sterbenden riss sie die Hand des Nebenmannes, – dem tapfern Kameraden, der vielleicht noch vor wenigen Tagen in der blutigen Schlacht den toddrohenden Hieb aufgefangen, gönnte der Gerettete jetzt nicht die – letzte Bequemlichkeit des Sterbens!!
Da lagen sie mit den hohlen Gesichtern, den dunklen Ringen um die starrenden Augen, und die gräuliche Krankheit färbte alle Nüancen der Völkerfarben – Braun und Gelb, Weiss und Schwarz – mit dem furchtbaren Aschgrau.
Wo die Flügel des Gebäudes, die beiden langen Gänge voll Leiden und Verwesung zusammenstiessen, standen nach jeder Seite hin fünfzig eiserne Feldbettstellen mit Matratze und Decke. Die türkische Verwaltung musste doch Etwas tun, und diese hundert Lagerstätten waren für das Lazaret einer Armee von 40,000 Mann bestimmt, einer Armee