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ihre Güter am Maros begeben wollten, um dort die Verhältnisse zu ordnen, indem er eines Urlaubs weiter nicht bedürfe. Sie willigte in Alles und fügte nur die Bitte hinzu, den deutschen Arzt ihr mitzubringen, dessen offenes redliches Gesicht ihr Vertrauen eingeflösst zu haben schien. Der Oberst versprach, dass er einer der Zeugen sein solle. Dann entfernte er sich und überbrachte die Begnadigung SamiPascha's dem Bei, derkurz gebunden in seinen Beschlüssen, – dem Zigeuner eine genügende Tracht Schläge mit den Steigbügelriemen aufzählen und ihn dann durch zwei Soldaten aus der Stadt transportiren liess mit dem Bedeuten, dass, wenn er sich je wieder darin blicken lasse, ihm Kugel oder Strick gewiss sei.

Nursahder schwarze Knabefolgte von fern dem kleinen zug. – –

Der Wind vom Flusse her strich eisig durch die winkligen Strassen und über die Wälle und Mauern her, als Welland das Konak des Pascha's betrat. Der grosse Hof war durch fackeln erhellt, eine Anzahl von Soldaten und Dienern des Gouverneurs auf den Beinen, und der Arzt bemerkte nicht ohne eine heimliche Freude, eine bespannte Araba, möglichst bequem mit einem Deckschirm eingerichtet und in ihrer Nähe eine Eskorte von zehn türkischen kosacken unter einem On-Baschi haltend, denn er hoffte nicht mit Unrecht, dass das Fuhrwerk die ungarische Dame aus Widdin führen solle. Noch ahnte er nicht, in wessen Begleitung.

Es war dem Golde und den Bemühungen des Obersten gelungen, einen bosnischen Franziskaner-Geistlichen, der sich in Widdin aufhielt, aufzutreiben und diesen durch ein reichliches Geschenk zu vermögen, die Trauung zu vollziehen; denn er kannte den Wert des Augenblicks und der günstigen gelegenheit zu gut, um sich durch irgend eine Schwierigkeit zu einem Aufschub bewegen zu lassen.

Der Doctor wurde auf die Frage nach dem Grafen in das Gebäude zur Seite gewiesen, vor dessen Tschardak die Araba hielt. Als ihn Sta Lucia, – der hier Wache zu halten schien, – erblickte, eilte er in's Haus und der Oberst kam ihm alsbald entgegen und führte ihn in ein Seitengemach.

"Welche Nachricht, Doctor, bringen Sie von dem Kranken?"

"Er ist in diesem Augenblick vielleicht schon verschieden."

"Sie haben mir gestern zwar eine Bitte ziemlich rauh abgeschlagen, ich hoffe aber, dass Sie eine andere aus Rücksicht auf die Nerven einer Dame erfüllen werden. Wenn die Gräfin sich nach dem Gefangenen erkundigt, so verschweigen Sie ihr, in welcher Lage er sich befindet und sagen ihr vielmehr, dass er gerettet sei."

"Ich werde Ihren Wunsch erfüllen."

"Haben Sie irgend ein flüchtiges Salz, eine Essenz zur Stärkung der Lebensgeister bei sichdie Gräfin ist nicht wohl und bedarf Ihres Beistands?"

Der Arzt bejahte.

"Wohl, so bitte ich Sie, mir zu folgen. Doch erinnern Sie sich, dass Siewenigstens im Schweigen mir Gehorsam schuldig sind."

Er führte ihn in ein grösseres Gemach, in dem bereits mehrere Personen versammelt waren, IskenderBei mit seinen beiden Adjutanten und der Kolassi Wersbitzki, der Kommandant der türkischen kosacken mit einem seiner Offiziere. Alle grüssten ihn freundlich und der Bei erkundigte sich sogleich nach dem russischen kapitän.

Der Doctor wiederholte die Worte, die er dem Grafen gesagt.

Es blieben ihnen nur wenige Augenblicke der Unterhaltung, – dann führte der Oberst, der sich durch eine zweite Tür entfernt hatte, an seiner Hand die Gräfin Helene in das Gemach. Hinter ihnen d'rein kam der Franziskaner; – erst jetzt bemerkte der Doctor, dass in einer Ecke des Zimmers ein weissbehangener Tisch mit Lichtern und einem Krucifix aufgestellt war.

Die schreckliche Ahnung der Wahrheit überkam ihn.

Mit fester klarer stimme nannte der Oberst den Namen der Dame und stellte ihr die anwesenden Männer vor, welche siedie türkischen Manieren abstreifendmit aller Courtoisie ihrer Nationalität begrüssten und die peinliche Pause der Vorbereitungen mit einer leichten Unterhaltung zu füllen suchten.

Helene Laszlo war bleich und ruhig, nur der aufmerksamste Beobachter hätte bemerken können, dass in dem unruhigen Heben ihres Busens, in dem Zucken der blassen Lippe der Schmerz kämpfte. Ein feiner türkischer Schleier von dem Scheitel ausgehend und die zierliche Gestalt fast bis zu den Füssen in leichter Wolke umfliessend, war das einzige, was sie schmückte.

Plötzlich schien sie einen Entschluss zu fassenund den Gegenstand der Conversation abbrechend, wandte sie sich an den Bei und sagte rasch:

"Sie haben heute Morgen ein trauriges Geschäft gehabt, Herr, eine Verurteilungich höre, der Gefangene ist jedoch begnadigt?" Ihre stimme zitterte bei der Frage.

"Begnadigt und frei, – ein höherer Wille machte, dass er seiner Strafe entging!"

"Auf Ihr Ehrenwort alsoer ist frei?"

"Gewisswahrscheinlich schon längst über die Donau. Aber was interessirt Sie der russische Spion, Gräfin –"

Der Oberst unterbrach ihn, besorgt, dass ein Wort zu viel gesagt werden könne.

"Die Gräfin hörte davon und ersuchte mich aus Mitleid um meine Verwendung. – Doch es ist Zeitwollen Sie Ihren Zeugen wählen, Helene?"

Die Renegaten traten unwillkührlich einen Schritt zurück, die Heiligkeit des verlassenen Glaubens überkam sie, – nur der Major der kosacken mit seinem Adjutant und der Arzt waren Christen unter der Gesellschaft.

Zu dem Letzteren trat die Gräfin und bot ihm die Hand. Er stand etwas entfernt von der Gruppe der Offiziere und hatte die schöne Frau mit grosser Aufregung betrachtet, offenbar