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fluchte der Bandit, "es ist Not, dass Sie uns ablösen, Signor Conte, die Zeit wurde uns verflucht lang. Der Bursche spürt, was ihn erwartet, und hat in den letzten Stunden gestöhnt, als fühlte er bereits den Strick um den Hals. Jetzt erst ist er ruhig geworden."

Der Gesellschaft der Offiziere hatte sich wie zufällig Doctor Welland angeschlossen. Als der Graf den Bericht seines Dieners hörte, empfand er eine jähe Freude, indem der Gedanke in ihm aufblitzte, kapitän Meiendorf könnte selbst seinem Leben ein Ende gemacht haben, um der Verurteilung als Spion zu entgehen.

"Oeffne die Tür!" gebot er.

Sta Lucia schob die Riegel fort und stiess die Tür auf; der Bei, Pisani und einige Offiziere mit den beiden Wächtern traten ein. –

Ein unerwarteter schrecklicher Anblick bot sich ihren Augen.

Auf dem Divan lang ausgestreckt lag der Gefangene, die hände krampfhaft geballt, die Augen starr weit aus den Höhlen hervorgetreten, von blauen Rändern umgeben, sonst das Gesicht todtenbleich mit einzelnen roten Flecken auf Stirn und Wangen. Leichte krampfhafte Zuckungen erschütterten zuweilen die ganze Gestalt.

"Przeklęcie!" rief der Bei, "hier kommen wir zu spät, der Bursche hat die Pest oder den Typhus!"

Er blieb schaudernd an der Tür stehen.

Durch die erschrockene Gruppe drängte sich der Arzt und trat zu dem Kranken, dessen Puls er alsbald ergriff.

"So hat der Tod seine Beute und erspart Ihnen eine Mühe," sagte der Sardinier hämisch, indem er die traurige Gestalt seines Opfers aus der Ferne betrachtete. – "Lassen Sie den Leichnam verscharren, ehe er durch Ansteckung noch Unheil schafft."

"Nein," sagte fest der Bei und trat trotz des Schauders in seiner Brust einen Schritt näher, "ich bin zwar jetzt ein Moslem, aber Niemand soll sagen, dass Ilinski die Christenpflicht gegen einen wackern Feind vernachlässigt. Ich erkenne ihn wieder trotz der Verkleidung und Entstellung an der Wunde auf der Wange, die meine eigene Säbelspitze ihm schlug: es ist der tapfere Offizier, der im Gemetzel des Hohlwegs von Czetate mir Stand hielt, und vielleicht mein Leben rettete. Doctor, – wie steht's mit dem Mann?"

"Ich fürchte, er ist ein Kandidat des Todes, das Faulfieber ist bei ihm ausgebrochen."

"Dennoch soll er nicht sterben wie ein Hund, ohne dass ein Versuch zu seiner Rettung gemacht worden, obschon es das Beste für ihn wäre, statt des Schimpfes, als Spion zu enden. Sorgen Sie nach Kräften für ihn."

"Dann muss ich ihn in's Lazaret bringen lassen, hier kann er nicht bleiben ohne Gefahr, Ansteckung zu verbreiten."

"Tun Sie das, Doctor, – ich werde sogleich Befehl geben, dass Träger bereit seien."

Der tapfere Bei blickte noch ein Mal mitleidig und schauernd auf den Kranken und verliess das Gemach; Alle folgten ihm eilig, bis auf den Arzt, derdie Hand des Gefährdeten in der seinen, – einen dankbaren blick zum Himmel warf. – – – –

Stunden waren vergangen, wiederum war der Abend gekommen. –

In seinen Mantel gehüllt, schritt Doctor Welland durch die schmuzigen Gassen der Stadt hinauf zur Festung. Ein Billet Oberst Pisani's hatte ihn dringend ersucht, um diese Stunde sich einzufindendie ursache war ihm noch unbekannt. Nur kurze Zeit war er während des Tages in seiner wohnung, in der Lokanda, gewesen, um Nursah einige Aufträge zu geben; die übrige hatte er in dem Lazaret zugebracht.

Pisani war anfangs in Zweifel gewesen, ob er die plötzliche Erkrankung seines Nebenbuhlers für einen glücklichen Zufall halten sollte, der ihm eine schlimmere Tat ersparte; die Meinung des Arztes jedoch, dass der russische Offizier in der höchsten Gefahr schwebe und die Kenntniss vom Zustande der türkischen Heilanstalten liess keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der Tod ihn von dem Gegner befreien werde, und so richtete er sein Augenmerk allein auf die Täuschung der Gräfin.

Gleich nach der Fortschaffung des Kanken hatte er sich zurück in's Selamlik begeben und dort leicht von Sami-Pascha, mit dem er in sehr genauem Verkehr stand, die Begnadigung des vom Kriegsgericht als Spion Verurteilten erlangt. Die Ordre dazu wurde auf seinen Wunsch in türkischer und französischer Sprache niedergeschrieben, und da die person darin im Allgemeinen nur als der des Spionirens angeklagte Gefangene bezeichnet worden, war es ihm leicht, sie zu seinen Zwecken zu benutzen.

Mit dem Papier in der Hand betrat er das Gemach der Gräfin, in dem dieselbe am Morgen von den zu ihrem Dienst befohlenen türkischen Frauen am Boden gefunden und mit Essenzen wieder zum Bewusstsein gebracht worden war. Stillschweigend legte er es vor ihr nieder, und als ihre Hand hastig danach griff, ihr Auge den Inhalt überflog und ein leiser Schimmer von Rot wieder die blasse Wange färbte, verriet Nichts in seinem Gesicht die Gefühle von stolzem Frohlokken und bitterm Groll, die in seiner Brust tobten.

"Sie haben Ihr Wort gelöstvollenden Sie Ihr Werk und geben Sie dem Unglücklichen die Freiheit wieder. Er möge fern sein, ehe ichdas meine halte. Ich bin bereit dazunur gönnen Sie mir Zeit bis zum Abend undlassen Sie uns dann sogleich diesen Ort verlassen."

Er versprach mit kurzen Worten, ihre Wünsche zu erfüllen, und schlug ihr vor, dass sie sich nach der Trauung sofort nach Belgrad auf den Weg machen und dann auf