1855_Goedsche_156_410.txt

obschon ich es für das Beste glaube, dass Sie vorerst hier noch verweilen, statt dass ich Sie etwa in das Haus des österreichischen General-Consuls führe. Ihr Aufentalt hier ist nur Wenigen bekannt geworden, und Sie werden auf diese Weise aller lästigen Neugier der österreichischen Behörden entgehen. Die Gräfin Pisani wird Niemand mit einer Frage belästigen."

"Ich überlasse Ihnen alle Bestimmungen, nureilen Sie!" Ihre stimme klang gebrochen.

"Leben Sie wohl, Helenemeine Braut!" Er drückte ihre kalte Hand an's Herz und verliess das Gemach, in dessen Mitte sie gleich einer Statue der Resignation stand, – die Augen ausdruckslos hinter ihm d'rein starrend.

Dann zuckte ihre Hand nach dem Herzen und mit einem leisen Schrei sank sie zu Boden. –

Der Wudkoklak hatte den scharfen Zahn in sein Opfer geschlagen. –

In der Lokanda Alexo's waren bereits zeitig viele Offiziere versammelt, um dem Verhör und Kriegsgericht über den Gefangenen beizuwohnen. Da er in Widdin ergriffen worden, gehörte die Sache zur Entscheidung Sami-Pascha's, des Gouverneurs; auf den Betrieb Pisani's jedoch, der die Sache möglichst aus der Nähe der Gräfin zu entfernen wünschte, hatte der Pascha, statt selbst die Untersuchung zu führen, nur einige Offiziere abgeordnet, um dem Kriegsgericht beizuwohnen, und Iskender-Bei um dessen Abhaltung ersuchen lassen.

Als Pisani die Lokanda betrat, lag zwischen seinen dunklen Brauen eine tiefe, unheimliche Gedanken verkündende Falte. Es fiel ihm nicht ein, den verhassten Nebenbuhler entwischen zu lassen, aber es galt List und Schlauheit, der Gräfin den Beweis zu bringen, dass er sein Wort gehalten und der Gedanke, dass ihm dazu eine Verwechselung der person beider Gefangenen helfen konnte, während die Gräfin nur an den russischen Offizier dachte, lag sehr nahe. Bei der rauhen wilden Geradheit des ehemaligen Grafen Ilinski fühlte er übrigens, dass er vorsichtig zu Werke gehen musste, um nicht des doppelten Erfolges verlustig zu gehen.

Das Kriegsgericht war bereits vorüber, man macht in der Türkei nicht viel Umstände mit einem Menschenleben, – und Mungo, der bei seinem Leugnen geblieben war, kauerte zwischen seinen Wächtern im Tschardak, zum zweiten Mal unter dem traurigen Todesurteil sich beugend, nur mit dem Unterschied, dass ihm dies Mal die Kugel statt des Stricks zuerkannt worden. dafür sollte die Execution schon in einer Stunde vollstreckt werden, und keinen helfenden Freund vermochten seine sehnsüchtigen Blicke zu entdecken.

Der sardinische Graf nahm den Polen, der den linken Arm noch in der Binde trug, bei Seite.

"Ich habe Sie gestern bereits auf einen bessern Fang vorbereitet, Bei," sagte er ihm, "als Ihre Wachen an dem elenden Kerl dort getan haben. Der russische Offizier, auf dessen Fährte ich Sie gestern brachte, und der sich als Spion in die Festung eingeschlichen, ist durch einen glücklichen Zufall selbst in meine hände gekommen, und mein Diener bewacht ihn. Ehe ich jedoch denselben Ihnen überliefere, möchte ich Sie um einen anderen Dienst bitten."

"Sprechen Sie, Freund," sagte der Bei, dessen Augen bei Erwähnung des gefangenen Russen funkelten.

"Der Bursche, den Sie eben verurteilt haben, behauptet, wie ich höre, ein walachischer Zigeuner und nur auf das bulgarische Ufer gekommen zu sein, um hier Beschäftigung und Unterhalt zu suchen. Der Kerl mag immerhin ein russischer Spion sein, aber er ist jedenfalls sehr untergeordneter natur und schwerlich den Strick oder das Pulver wert, das an ihn verschwendet wird. Ich habe wichtige Gründe, dass er am Leben bleibt und bitte Sie, begnadigen Sie ihn und lassen Sie ihn laufen."

"Zum Henker! was haben Sie mit dem Lump? Sie wissen, dass nur der Oberbefehlshaber oder der kommandirende General dies jetzt noch tun kann."

"Ich werde bei Sami-Pascha das Nötige besorgen. geben Sie nur den Befehl, die Execution zu verschieben."

"Das ist leicht, mir liegt an dem Halunken Nichts." Er rief Jacoub-Aga und erteilte ihm den Befehl.

"Und nun zu Ihrem Russen!"

"In Beziehung auf diesen habe ich Ihnen gleichfalls Einiges zu sagen. Die Offiziere sind noch versammelt und das Kriegsgericht wird daher keine Weitläuftigkeiten weiter veranlassen und kann im Augenblick stattfinden. Ich wünsche jedoch, mein zeugnis davon ausschliessen zu dürfen, das meines Dieners wird genügen, und bitte Sie, die ganze Sache möglichst der Oeffentlichkeit zu entziehen, da Gründe vorliegen, welche das zu frühe Bekanntwerden der Gefangennahme und des Schicksals des Russen sehr nachteilig machen."

Der Bei schielte ihn von der Seite an; er kannte sehr wohl die geheimen propagandistischen Verbindungen des Sarden, wenn er auch selbst nicht zu den Eingeweihten gehörte, da seiner rauhen Soldatennatur das Intriguiren im Dunkeln zuwider war.

"Meinetwegen. Ich sehe Nichts, was Ihren Wünschen entgegenstände Aber wo ist der Spion?"

"In der Lokanda selbst, – ich lasse ihn in einer der hintern Kammern bewachen."

"Vorwärts denn, ich will ihn sehen, und dann wollen wir ein kurzes Ende machen. Meine Aga's, haltet Euch bereit zu einer zweiten Auflage unserer Justiz!"

Er winkte Hidaët und ein Paar Offizieren und folgte mit ihnen dem Sardinier, der sie mit Alexo, dem Wirt zu dem Anbau des Hauses führte, in dessen Gemach der unglückliche Offizier eimgeschlossen war.

Sta Lucia und Apollony hielten noch immer hier Wache.

"Diavolo!"