1855_Goedsche_156_409.txt

wollte vor der Gefahr, die mir in Krajowa droht durch die Entdeckung meines Tuns, zu dem ich mich durch Sie verleiten liess."

"Ich weiss von Nichts," sagte stolz der Oberst, "ich weiss nach meiner Soldatenpflicht nur, dass ein Mann, der verkleidet in dem feindlichen Lager ergriffen ist, in der ganzen Welt als Spion behandelt werden wird, die Gründe, die ihn zu dem kecken Unternehmen bewogen, seien, welche sie wollen. Wenn Gräfin Helene es für gut findet, ein Opfer, das sie ihrer politischen überzeugung gebracht, ihrem treuesten Freunde jetzt als Schuld beizumessen, so habe ich Nichts dagegen zu sagen. Ich kam, um Ihnen, Gräfin, anzuzeigen, dass Sie frei sind, Ihre Befehle in Empfang zu nehmen für Ihr Bleiben oder Gehen, und Ihnen dies traurige Blatt zurückzugeben, mit dessen Hilfe allein es mir gelang, Ihre Befreiung aus dieser unwürdigen Lage so rasch zu bewirken."

Er legte das verhängnissvolle Papier auf den Tisch und trat mit einer kalten Verbeugung nach der Tür zurück. Die Dame stürzte ihm nach und erfasste leidenschaftlich seinen Arm.

"Bleiben Sie, – ich muss Alles wissen. Was ist aus Marutza, meiner Dienerin, geworden?"

"Die Dirne muss mit den Helfershelfern des Gefangenen entwichen sein, den offenbar noch andere Zwecke hierherführten, als die Besorgnisse eines Liebhabers. Das Verschwinden des Mädchens beweist, wie gute Freunde und Verbindungen der Russe hier hatte. Sie selbst, Gräfin, haben ihn in's Verderben geführt, indem Sie ihn in diese Mauern beriefen."

Ein stolzer blick antwortete der bittern Rede. Im nächsten Moment jedoch schon siegte die Angst des Weibes.

"Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, was wird sein Schicksal sein?"

"Der Gefangene," sagte der Oberst langsam und sein Auge betrachtete lauernd das Opfer, "wird heute noch vor ein Kriegsgericht gestellt undeine Stunde darauf erschossen werden."

Sie rang verzweifelnd die hände.

"Ich habe seinen Tod veranlasst! Allmächtiger Gott! gieb mir das Mittel seiner Rettung! Graf, ich beschwöre Sie, bei Allem, was Ihnen heilig, bei Ihrer Liebe zu mir, helfen Sie, retten Sie!"

Sie sank auf die Knie und streckte die hände flehend zu ihm empor. Er hob sie auf und führte sie zu dem Divan zurück, auf den er sie niederliess.

"Was verlangen Sie von mires ist unmöglich!"

"Nein, es ist nicht unmöglich, wenn Sie wollen," flehte die verzweifelnde Frau. "Ich weiss, welche mächtige Verbindungen Sie überall besitzen, ich habe oft genug die Beweise davon gesehen. O, retten Sie mir den Frieden meiner Seele, retten Sie i h n !"

"Um ihn einst glücklich in Ihren Armen zu sehen," sagte bitter der Graf, – "nein, Helene, dieses Opfer wäre zu schwer. Er selbst hat sich in dies Verderben gestürzt, ohne dass ich das Geringste dazu getan, ich lasse nur das Schicksal seinen Weg gehen und es befreit mich von meinem gefährlichsten Gegner. Ihn selbst zu retten wäre eine Torheit."

"Graf, das ist unedelmütig gedacht!"

"Ich verachte einen unnützen Edelmut, wo es sich um Ihren Besitz handelt. Toren können alle ihre Hoffnungen und Wünsche zum Opfer bringen und selbst vernichten, ein Mann von Verstand wird es nie tun. Ich mache mich nicht besser als ich bin vor Ihnen, Gräfin, aber den Feind ohne Zweck zu retten, ist ein Frevel gegen sich selbst."

"Ja, das ist die Lehre des hohlen Egoismus," sagte finster die junge Frau, – "die unser Frevel gegen Alles, was würdig und heilig war, in die Gemüter gepflanzt!" – Ihre Hand hatte unwillkührlich das Papier ergriffen, das der Graf vorhin neben sie niedergelegt, und ihre Finger entfalteten es bewusstlos, während ihr starrer blick darauf haftete.

Plötzlich zuckte sie zusammen.

"Bei Ihrer Ehre und Seligkeit, Graf, so ist er verloren?"

"Er ist esnur aussergewöhnliche Mittel vermöchten ihn zu retten."

"Undglauben Siewenn ich Sie dazu bewege, – ihn retten zu können?"

"Ich hoffe es."

Sie war blass aber ruhig und gefasst während der folgenden Worte, nur ihre Hand zitterte leicht, als sie ihm das verhängnissvolle Papier reichte.

"Nehmen Sie, ich bin bereit, den Inhalt zu erfüllen, unter der Bedingung, dass Sie den Unglücklichen retten."

Sie sah nicht den Blitz wilder Freude, der über das Antlitz des Sardiniers flog, ihre Augen waren starr auf das Papier geheftet.

Dennoch nahm er es nichtmit der Berechnung eines Schauspielers seine Rolle verfolgend, wich er zurück und sagte leise:

"Gräfin Helene würde es später bereuen, und ich mag sie nicht an die Erfüllung ihres Wortes erinnern."

Ihre stolzen Augen blitzten ihn unwillig an.

"Was ich gesagt, werde ich halten. In dem Augenblick, wo Sie mir die Nachricht seiner Rettung bringen, bin ich bereit, Ihre Gattin zu werden. – Ist Ihnen dies genug?"

Er beugte sich auf ihre Hand und küsste sie zärtlich.

"Ehe der Abend da ist, hoffe ich, den Priester zu Ihnen führen zu dürfen, der diesen Tag zum glücklichsten meines Lebens macht. – Ich werde sofort das Nötige anordnen, damit Sie wieder weibliche Bedienung erhalten,