scheinbare Fürsorge hatte einzig darin ihren Grund, dass er erst noch seine Pläne reiflich überlegen wollte, ehe er den Gefangenen aus seinen Händen gab. Das Schicksal desselben war ihm dann gewiss und er spielte wie der Tiger mit seiner Beute. Um sie gegen alle Zufälle zu sichern und da er den widerspenstigen selbstwilligen Charakter Lucia's genugsam kannte, liess er durch den Wirt noch Apollony herbeiholen und vertraute Beiden die Bewachung der Tür während der Nacht an, Alexo zugleich erklärend, dass er selbst ihm mit seinem Kopf für den Gefangenen verhaftet bleibe. Beruhigt dann über die Erfolge, die der Zufall so glücklich begünstigt, kehrte der Graf nach der Festung zurück, in welcher er sein Quartier bei Sami-Pascha genommen. –
Im engen Zimmer des Gefangenen brannte mit ihrem matten Schein die Lampe; Speise und Wein, die Alexo in Begleitung Lucia's gebracht, standen unberührt auf dem Tisch, und der unglückliche Bewohner der Zelle sass noch immer in derselben Stellung auf dem Divan, die arme über die Brust gekreuzt, die Augen starr vor sich hin geheftet. Der Schlag, der ihn nach dem beseligenden geständnis durch jenes Dokument getroffen, wirkte vernichtend und raubte ihm die ruhige überlegung, die sonst gar leicht ihm die vielfachen Widersprüche in dem Benehmen des Grafen gezeigt und ihn zu einer genaueren Prüfung der Umstände und zu wohl begründeten Zweifeln geführt haben würde. Nur ein Gedanke erfüllte ihn: verloren Alles – Liebe – Leben und Ehre, denn der drohende Tod eines Spions befleckte ihm selbst den Glanz der letzteren.
Ein – zwei Stunden vergingen, – der flackernde Schein der Lampe zeigte ihr Verlöschen an, – was kümmerte es ihn, ob es Nacht um ihn her ward, – lag doch eine tiefere, drückendere Finsterniss auf seiner Seele, die Nacht der begrabenen Hoffnungen!
Da weckte ein Geräusch, das er in seiner Betäubung schon lange vernommen zu haben sich erinnerte, ihn aus dem starren Sinnen. Es klang wie das schneiden oder Sägen eines Messers an Holz, um eine Oeffnung zu machen oder zu vergrössern. Er horchte jetzt aufmerksam und machte eine Bewegung. Sogleich hörte das Geräusch auf, und statt dessen fragte eine flüsternde stimme über ihm:
"Bist Du wach, Signor? – Antworte leise."
"Wer ist es? was will man von mir?"
"Nursah, der schwarze Knabe," flüsterte wieder die stimme. "Tritt hierher, Signor, rechts an die Wand, ich habe Dir viel zu sagen."
Der kapitän folgte dem Wunsche. Im letzten aufflackernden Schein der Lampe sah er, dass der junge Mohr eine Ritze der Decke mit seinem Messer handbreit erweitert hatte und durch diese zu ihm sprach. Er trat dicht unter die Oeffnung, die etwa zwei Ellen über seinem kopf war, so dass die Unterredung bequem in leisem Tone geführt werden konnte.
Die Lampe war erloschen – tiefe Dunkelheit umgab ihn.
"Was willst Du, guter Knabe? mein Schicksal ist besiegelt."
"Verzweifle nicht, Signor, noch hoffe ich, Dich auf irgend eine Weise zu retten. Kannst Du mir angeben, was ich dazu tun kann und ob Du Freunde in der Nähe hast?"
"Meine Freunde," sagte der kapitän schwermütig, "sind fern und können mir nicht helfen. Ich danke Dir für Deinen guten Willen, aber das Leben hat für mich keinen Wert mehr und ich wünsche den Stunden Flügel, damit sie mir sein Ende bringen."
"Ich weiss, Du liebst," sagte die stimme mit weichem mitfühlendem Klange. "Du liebst die fremde Dame, die von jenseits der Donau entführt wurde und im Selamlik des Pascha's gefangen gehalten wird. Gieb die Hoffnung nicht auf, nur mit dem Leben darf sie verlöschen."
"Armer Knabe mit der schwarzen Haut und dem warmen Herzen, meine Hoffnung ist erloschen!"
"Traue dem mann nicht, der vorhin Dich besucht, er ist Dein Feind, wie er der Feind jener Dame ist; denn ich weiss, dass gerade sein Diener Dich gefangen nahm und noch in diesem Augenblick in Gemeinschaft mit dem mann bewacht, der die Dame stahl. Auch das geschah in seinem Auftrage."
"Ich weiss es; Graf Pisani selbst sagte es mir und gab mir den Beweis seiner Rechte dazu."
"Er ist falsch, wie die Hölle der weissen Männer! Ich hörte ihre Unterredung, aber ich hörte auch, wie der Raub vor vier Tagen in diesem Zimmer hier verabredet wurde. Der Conte hat kein Recht auf die Dame; er befahl seinem Werkzeuge ausdrücklich, mit Nichts zu verraten, dass er die Hand im Spiel habe, und ich weiss vom Dottore, meinem Gebieter, dass er auch später noch sorgfältig bemüht war, sich vor ihr zu verbergen und sie glauben zu machen, dass sie die Gefangene des Pascha's sei."
"Bei allen Heiligen, Knabe! rede die Wahrheit. Ich sah selbst, von ihrer Hand geschrieben, die Erklärung, die sie zu seiner Braut macht."
"Dann hat der Bösewicht sie ihr abgezwungen, vielleicht unter dem Vorwande, dieses Papiers zu ihrer Befreiung zu bedürfen."
Der kapitän erinnerte sich, dass das Blatt keinen Datum getragen, er erinnerte sich der ihm damals unverständlichen Worte und Besorgnisse der Gräfin, und so Vieles ging im Augenblick durch seine Seele, das ihm klar und deutlich bewies, wie der Sarde ihn getäuscht und dass er es sein musste, welcher seine