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Gesicht uns verfolgt und sich in unsere Gedanken nistet, als könnten wir es nicht los werden, – so auch hier. Der Oberst hatte noch keine zehn Schritte getan, so beschäftigte er sich schon wieder mit dem Bilde des Baschi-Bozuks, und selbst ungeduldig darüber und um auf etwas Anderes zu kommen, näherte er sich einem haus, aus dessen engem Fenster ein Lichtstrahl fiel, und besah das Papier, das er in der Hand hielt. Es war ein zusammengefalteter Brief ohne Aufschrift; der erste blick jedoch, den er auf seinen Inhalt warf, schien wie ein Blitzstrahl in seinem geist zu zünden. – "Corpo di bacco! wo hatte ich meine Augen? bin ich blind? – Er ist es, er muss es sein, diese Worte beweisen es, wenn ich meinen Augen nicht trauen wollte! – Der Tor wagt sich in die Höhle des Tigers und er soll es bereuen! – Sie stehen in Verbindung, und in diesem Augenblick schon ist vielleicht all' meine Mühe umsonst und der glücklich angelegte Plan ist vergebens!"

Seine Augen funkelten in Wut und Aerger, dann machte die leidenschaft jedoch der gewohnten kalten überlegung Platz und im nächsten Moment schon zuckte ein blick teuflischen Triumphes nach der Festung zurück. – "Bin ich ein Tor geworden," flüsterte er für sich, "dass ich nicht gleich begriffen, welche Macht damit in meine Hand gegeben ist? – Jetzt, Gräfin Helene, bist Du mein und Dein Stolz soll gebrochen zu meinen Füssen liegen! – Lucia!"

Der Bandit, der mit Erstaunen auf das aufgeregte Benehmen seines sogenannten Gebieters geblickt, sprang herbei.

"Was gibt es, Signor Conte?"

"Geschwind zurück nach dem Tor des Konaks und lege Dich in irgend einem Winkel in Hinterhalt. Du hast den Baschi-Bozuk gesehen, der eben der bulgarischen Dirne folgte. Habe Falkenaugen, dass er nicht wieder aus dem Konak entwischt, ehe ich bei Dir bin! Der Mann trägt den linken Arm in einer Binde, als wäre er verwundet, und einen hellen Turban. kommt er, so wirf ihn zu Boden und ruf' die Wache zu Hilfe!"

Er eilte davon, nach der Locanda Alexo's zu, wo er die Offiziere wusste, den verhängnissvollen Brief in seiner Hand, den Brief, den Gräfin Helene an den kapitän geschrieben, den dieser durch einen unglücklichen Zufall bei dem Zusammenstoss mit seinem Feinde aus dem Wams verloren hatte.

Sta Lucia, der Corse, lief zum Eingange des Konaks, vor dem er sich gleich einem Cerberus lagerte, mit scharfem blick jeden Ein- und Auspassirenden musternd. – –

Es war gegen acht Uhr Abends, – drei Uhr etwa nach der türkischen Sonnenrechnung, – als aus einem alten Cisternenwinkel des inneren Festungshofes eine lange Gestalt in einem grünen Frauenmantel, den Yaschmak dicht über den Kopf gezogen, hinter der schönen Bulgarin herschlich, die wasser am Brunnen des Hofes geholt. Aus dem um das Haus laufenden Tschardak führte eine Treppe zu dem Teile, den die Gräfin als Gefangene bewohnte, und in einer Art Vorgemach, aus dem ein gang in das Innere des Hauses lief, kauerte der alte Mohr, dem die Bewachung der Dame anvertraut war, neben dem Kohlenbecken, an dem er abwechselnd hände und Füsse wärmte. An seiner Seite stand die längst geleerte hölzerne Flasche, die ihm Marutza am Mittag mitgebracht, und er war eben beschäftigt, sich seinen Kaffee zu bereiten. Es würde für einen kräftigen Mann ein Leichtes gewesen sein, den Alten zu überwältigen, aber der geringste Hilferuf desselben, jedes ungewöhnliche Geräusch hätte zwanzig seiner gefährten herbeigeführt, von denen die Höfe und die meisten Teile des weitläufigen Baues belebt waren.

"Mashallah, Mädchen," sagte der alte Khawass, "Du bist zwar eine Christin und die Tochter einer Hündin, aber unter den Schweinen sind die Bulgaren noch die besten, und es ist freundlich von Dir, dass Du mir diese Flasche da gebracht hast. Ich wollte, es wäre nur mehr darinnen gewesen, und ich hoffe, Du wirst sie mir auf's Neue füllen."

"Morgen, Ali, wenn ich zur Hane gehe, ich verspreche es Dir. Doch nun halte uns nicht auf; dies ist die Massaldschi6 aus der Stadt, welche uns den Abend erheitern soll; Du weisst, die Khanum bedarf es, denn sie weinte den ganzen Tag. Die Massaldschi wurde so lange im Harem unsers Gebieters aufgehalten und ich fand sie erst jetzt an unserer Tür."

Der Khawass betrachtete einen Moment die fremde Gestalt mit schläfrigen und von dem scharfen Rakih verdunkelten Augen, dann wandte er sie wieder zu seiner Beschäftigung.

"Geht hinein, Ihr Weiber, aber bedenkt, dass die Tore der Festung schon in einer Stunde geschlossen werden. Wallah! Auf Euer Haupt komme die Versäumniss."

Die Beiden verschwanden in dem Eingang des ersten Gemachs.

Die Gräfin lehnte in dem ihren auf dem Divan, den Kopf in die Hand gestützt. Von Marutza hatte sie das glückliche Ueberbringen des Briefes erfahren, das Mädchen ihr jedoch, nach dem Wunsche des Capitains, noch Nichts von dem Wagstück verraten, das dieser unternommen, um sie zu sehen.

Als die Tür sich öffnete, glaubte die Dame daher nur ihre Dienerin eintreten zu hören, und sagte, ohne den Kopf zu wenden:

"Setze Dich zu mir, Marutza, und erzähle mir jedes Wort, das er gesagt. Mein Herz ist schwer von Angst