, wie die Gräfin zu jenen Verrätereien bewogen worden, wenn sie auf der andern Seite ihm auch wiederum die Entführung und die jetzige Gefangenschaft der Dame als Rätsel erscheinen liess. Dennoch lebte das undeutliche Gefühl einer grossen über der geliebten Frau schwebenden Gefahr in seinem Herzen, und er beschloss, womöglich den Versuch zu machen, sie zu sprechen, und wenn es ihr Wunsch, sie zu befreien.
Freilich waren die Mittel dazu sehr gering und beschränkten sich auf die Hilfe seines Begleiters, des Haiducken und etwa Alexo's, des Wirts, dessen Zuverlässigkeit erst noch geprüft werden sollte. Der junge Knees indess erklärte das Wagestück ausführbar, und dass er zugleich die ihm verlobte Braut mit entführen und beide Frauen über die serbische Gränze bringen wolle. Der Haiduck war in Widdin geboren und kannte daher jeden teil der Festung, in der das Konak des Pascha's liegt, auf das Genaueste. Marutza gab ihm die Nachrichten, in welchem teil der Gebäude das Gemach der Gräfin lag und es wurde beschlossen, dass sie beim Anbruch des Abends die Verbündeten nochmals aufsuchen sollte, um die weiteren Pläne zu hören.
Während Miloje mit seinem Schwiegervater Gawra das Nötige verabredete und diesem das Versprechen abnahm, mit vier Pferden am Tor von Ternowo zu ihrem Dienst bereit zu sein, hierauf türkische Kleider anlegte und unter deren Schutz sich keck und frei in die Festung selbst wagte, wandten der Offizier und sein Gefährte sich zu der Locanda Alexo's, des Wirts, deren Umgebung stets von Offizieren und Soldaten aller Art umlagert war. Hier gelang es der Schlauheit Mungo's leicht, dem Wirt ein Zeichen zu geben und sich mit ihm zu verständigen. Durch die hintere Pforte seines Gehöfts wurden die beiden Abenteurer eingelassen und in dasselbe Gemach quartiert, in dem die Entführung der Gräfin beschlossen worden.
Der Slowake, treulos gegen alle Parteien und nur auf seinen Geldgewinn bedacht, hielt es für wichtig und nötig, seine russischen Verbindungen wenigstens nicht durch einen unnützen Verrat preiszugeben, und es gelang ihm leicht, in Betreff der Spionage der Gräfin sich zu rechtfertigen, indem er jede Kenntniss davon leugnete. Da er die Belohnung des Obersten bereits in der tasche hatte, war er zu jeder neuen Intrigue gegen goldene Vergütung gern bereit und schaffte willig Alles an, was man von ihm verlangte. Die gelegenheit sollte ihm zeigen, auf welcher Seite sich ihm der meiste Vorteil bot.
Während der kapitän hierauf allein in dem Versteck zurückblieb und Mungo in der Nähe umherstrich, um Kundschaft und den Haiducken aufzusuchen, hörte der Offizier es in der von Alexo ihm angegebenen Weise an die Tür pochen und öffnete. Zu seinem Erstaunen stand ein schwarzer Knabe vor ihm, der eilig in das Gemach schlüpfte und wieder die Tür verschloss.
Die Brust des Knaben hob sich ängstlich und hastig.
"Signor," sagte er auf italienisch, "ich habe Alles gehört, denn meine Schlafkammer ist über diesem Gemach und nur durch eine dünne Bretterdecke von ihm geschieden. Du bist ein Russe?"
"Was willst Du damit, Bursche?" fragte der Offizier und fasste rasch entschlossen den Arm des Mohren, um sich seiner zu bemächtigen.
"Lass mich; Du siehst, ich bin Dir nicht feind, sonst wäre ich nicht hier. Ich komme, Dich zu warnen. – Der Wirt dieses Hauses, dem Du Dich anvertraut, ist ein Verräter an der Sache Deines Glaubens und Deines Volkes; misstraue ihm!"
"Wer bist Du, Knabe?"
"Ich bin der Diener eines fränkischen Arztes, Signor, und Deiner Nation ergeben. Lies hier den Beweis." Er holte aus einem seidenen Beutelchen, das an einer Schnur unter den Kleidern auf seiner Brust hing, ein Papier. "Kennst Du Signor Oelsnero in Constantinopel?"
Der kapitän las.
"Ich weiss, dass er einer der Unsrigen ist und sehe, dass ich Dir trauen darf. Aber was soll ich tun?"
"Der Wirt ist habsüchtig. Biete ihm gelbes Gold, mehr als Deine Feinde, und er wird Dir helfen. Ich wollte Dich nur warnen, ihm nicht zu viel zu trauen. Lebe wohl, Signor; Nursah wird über Dir wachen."
Der Knabe entschlüpfte. –
In tiefem Nachdenken erwartete der kapitän die gefährten, die der Wirt mit Marutza ihm, nachdem die Dunkelheit bereits eingetreten, zuführte. Das Mädchen übergab ihm das von der Gräfin geschriebene Blatt. Beim spärlichen Schein einer Lampe las der kapitän die folgenden von einem geängsteten Frauenherzen diktirten Worte:
"Ich weiss, dass Sie hier sind, und die Gefahr, in die Sie sich um meinetwillen gestürzt, erhöht die Schmerzen, die mein Herz zerreissen. Bei den Worten der Liebe, die Sie mir einst im Prater von Wien gesprochen, beschwöre ich Sie, verlassen Sie sogleich Widdin und das türkische Gebiet, Sie wissen nicht, welchem Feinde Sie hier begegnen könnten. Sorgen Sie nicht für mich, – ich werde morgen frei sein, – der Himmel wird mich schützen und ich sehe Sie in Krajowa wieder. Fliehen Sie, bei Ihrer und – meiner Liebe, fliehen Sie!
Helene."
Die letzten Worte des Blattes liessen ihn alles Andere vergessen und er presste es stürmisch an seine Lippen.
"Um keinen Preis darf sie zurückkehren! Ich muss sie selbst sehen, sprechen, und weiche nicht eher von diesem Boden. – Höre, Wirt – auf ein Wort mit Dir!" Er zog ihn in eine Ecke. "Ich weiss