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2 grüsste der Jüngere der beiden Bozuks in seiner eigenen Sprache den Wirt. Dieser schaute erstaunt deshalb auf, denn er war solcher Höflichkeit von einem Moslem eben nicht gewöhnt.

"Da bog dai!"3 lautete seine Antwort. "Bist Du denn ein Bulgar, junger Mann?"

"Wir Beide sind Fremde. Aber ich sehe den Zweig nicht auf Deinem Tor, o Handja. Wir wollen einkehren bei Dir und Deinen Gaourt4 und Rakih5 kosten."

"Wo kommst Du her, Freund," sagte mürrisch der Wirt, "dass Du nicht weisst, wie drinnen im haus ein Mulassim sitzt, den ich bezahlen muss, und den Seine Hoheit der Pascha zur Aufsicht in mein Haus gelegt hat, dass ich keine Herberge mehr halte. Geht Eurer Wege, Freunde, ich bin Nichts als ein Pferdehändler und in der Ungunst des Herrn."

Die Beiden rührten sich jedoch nicht von der Stelle.

"Bist Du Gawra, der Wirt, so wirst Du mir sagen können, wo Michael, Dein Neffe, zu finden ist?"

Der Alte schaute erschrocken auf.

"Was kümmert mich der Landstreicher. Ich bin ein treuer Untertan des Sultans, unsers Herrn."

Der Bozuk schlug rasch mit dem Daumen das griechische Zeichen des Kreuzes und sein listiger blick verständigte den Bulgaren.

"Rede keine Torheit, Handja, Du hast es mit Freunden zu tun und brauchst Dich nicht zu verstellen. Der Knees wollte mich bei Dir erwarten, und ich habe mit ihm nötig zu sprechen."

Die Gefühle des Wirts in Betreff seines künftigen Eidams schienen sich in den letzten achtundvierzig Stunden sehr geändert zu haben. Der Haiduck hatte ihm die Strafe, die der Pascha ihm auferlegt, reichlich ersetzt und Gawra wusste, dass er ihm sein Leben zu danken hatte. Ueberdies hielt er, durch die letzten Ereignisse gewarnt, jetzt selbst für notwendig, dass der junge Mann bei erster günstiger gelegenheit das schöne Mädchen in die sichern Berge mit sich führe. Der Haiduck befand sich daher, trotz der drohenden Nähe seiner Feinde, in diesem Augenblick nicht weit von den Sprechenden. Gawra selbst hatte ihm die Rolle gegeben, die er spielte.

"Siehst Du den Knecht dort, welcher am Brunnen die Pferde Deiner Brüder, der Soldaten, tränkt, die sie in meine Ställe gestellt haben? – Rede mit ihm, vielleicht kann er Dir Antwort geben."

Sein Daumen zeigte nach einem jungen Mann in dem wollenen Kittel des armen Bulgaren, ohne alles Auffallende in seiner Erscheinung, als seine kräftige Gestalt, der mit zwei andern Knechten im hof mit einer Anzahl türkischer Pferde beschäftigt war.

Die Baschi-Bozuks schlenderten in den Hof, wo bereits mehrere ihres Gelichters umherlungerten und der Tätigkeit der Bulgaren träge zuschauten. Sie traten wie von ungefähr zu dem Schimmel, welchen eben der junge Mann striegelte, den Gawra, der Wirt, ihnen angedeutet.

"Wallah! ein kräftiges Pferdich möchte es unter den Beinen haben auf einem Ritt gegen die Moskows. – Ich grüsse Dich, Knees Michael Miloje."

Die letzten Worte wurden flüsternd zu dem bulgarischen Knecht gesprochen.

"Bei den vierzig Märtyrern!" entgegnete der Bulgare, indem er sich, die Füsse des Pferdes zu reiben, niederbeugte, "Du hast lange auf Dich warten lassen, und ich wäre bereits zu dem Hochgebirge zurückgekehrt, wenn mich nicht eine Otmitza hier gefesselt hielte. – Sprich, was bringst Du für Hoffnungen für die Kinder der Berge vom schwarzen Czar, unserm Vater?"

Mungo, – denn er und der kapitän, der erst nach vielen Vorstellungen vom General-Lieutenant Anrep die Zustimmung zu dem gefährlichen Wagestück der Selbstprüfung der Verhältnisse in Widdin erhalten, steckten in den Trachten der Baschi-Bozuks, – machte sich mit dem Pferde zu tun.

"Schau den Mann an, der mich begleitet, o Knees, er ist einer der vornehmen Aga's der Russen und herübergekommen, mit Dir und Deinen Brüdern zu verhandeln. Er hat ausserdem ein persönliches Geschäft und möchte wissen, ob und wie eine Dame von jenseits des Stromes durch Ueberläufer gestern oder vorgestern in's Lager gebracht worden ist? Wann und wo kann er Dich sprechen?"

Der Bulgare kraute sich am Kopf.

"Ich weiss Nichts von Deiner Dame, als dass meine MomaFluch dem Pascha! – seit zwei Tagen eine fremde Christin im Harem oder Selamlik des Gouverneurs bedienen muss. Bei den Gebeinen der Heiligen! da kommt sie selbst über die Ebene von der Stadt her. Nimm dies Pferd und führe es mit Deinem gefährten nach dem hintersten Stall im Hof. Dort ist ein Verschlag, in den Ihr Euch begeben mögt, – ich werde in wenig Zeit bei Euch sein."

Mungo tat, wie er gesagt, und gab dem kapitän einen Wink, zu folgen, indess Michael dem Mädchen entgegen ging.

Eine Stunde darauf sassen die beiden kühnen Späher, der Haiduck und die Moma in einer der Hütten, die dem Handja für seine Haustiere und Vorräte gedient, jetzt aber längst von den Türken geleert waren und besprachen sich eifrig, indem Mungo, so weit es nötig, den Dolmetscher machte. Dem kapitän blieb kein Zweifel mehr, dass die Dame im Selamlik des Pascha's die Gräfin Laszlo war und mit Schmerz hörte er von Marutza, die eben jenes Schreiben an den sardinischen Obersten besorgt, in wessen Händen die Geliebte sich befand. Die Anwesenheit Pisani's im türkischen Feldlager machte ihm klar