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und zu der Herrin eilte.

Das Mädchen war in seltsamer Aufregung, seine schönen blauen Augen glänzten diesmal freudig, als es in die wohnung des türkischen Despoten zurückkehrte, dessen Machtspruch sie den Ihren entrissen. Die Gräfin, zu deren Dienst man sie bestellt, hatte die abergläubische Warnerin am Mittag auf einige Stunden fortgeschickt, als sie Graf Pisani erwartete, und Marutza kehrte jetzt von dem haus ihres Vaters zurück, wohin sie, diese Zeit benutzend, geeilt war.

Die junge Bulgarin warf sich am Ruhebett der Dame nieder, für die, obschon kaum vierundzwanzig Stunden verflossen waren, seit sie sich in ihrer Nähe befand, doch bereits ihr ganzes Herz mit jener zähen Ergebenheit schlug, die eine eigentümliche Tugend dieses Volkes ist.

"Weine nicht, schöne Herrin," flüsterte sie schmeichelnd, "der Unheimliche ist fort und ich bringe frische Hoffnung. Du sollst frei werden, noch ehe die Sonne wieder die Minarets von Widdin bescheint."

Die Gräfin presste die Hand der jungen Trösterin.

"Ich weiss es, aber Du weisst nicht, welches Opfer es mich kostet. Er hat versprochen und hält sein Wort."

"Er! – Wen meinst Du, Herrin?"

"Nun, Graf Pisani, der mich eben verliess."

"Den Sohn der Hölle? – Unglückliche Herriner Dich retten? Er ist der Wudkoklak und Alles, was er tut, wird Dich nur in den Abgrund ziehen. O, sieh her! – kennst Du dieses Tuch?"

Sie reichte der Gräfin ein feines Kantentuch, das diese forschend und ängstlich prüfte. Es trug ihren Namenszug mit dem Wappen darüber in eleganter Stickerei.

"Mädchen, um der Heiligen willenwoher hast Du dies Tuch? Es ist das meine, und dennoch brachte ich es nicht hierher?"

"Erinnerst Du Dich an die grosse Sultansstadt an der Donau, von der die Schiffe mit dem Rauch hier vorbeifahren?"

"Wien?"

"Ja, so heisst sie. Es ist ein grosser Garten darin. Doch habe ich den Namen in der Eile vergessen."

"Der Prater?"

"Es mag sein. Ich soll Dich fragen, ob Du des Tages gedenkst, an welchem in diesem Garten Deine Pferde mit dem Wagen durchgingen, und des Mannes, der damals mit Dir war und von Dir schied?"

"Marutza!" – die Hand der Gräfin presste krampfhaft den Arm der jungen Bulgarin. "Mädchenweiterweiter!"

"Er nahm dies Tuch damals mit sich als Andenken und trug es in den Schlachten seines Volkes. Er ist kein Moslem, obschon er die Kleidung der Mörder trägt."

"Er ist hier?"

"Vor einer Stunde gab mir der Fremde das Tuch. Er ist ein Freund Michael Miloje's, meines Bräutigams. Er sagt, er müsse Dich sprechen um jeden Preis, und wenn Dir hier Gefahr drohe, werde er nicht weichen, bis er Dich gerettet."

Die Gräfin rang die hände.

"Der Wahnsinnige, in welche Gefahr hat er sich gestürzt! Und ichin demselben Augenblick meine Ehre, mein Leben in die Hand eines Andern gegeben, in die Hand seines Feindes!"

"Ich warnte Dich vor dem Wudkoklak!"

Ihre Blicke fielen auf das Schreibzeug, das der Oberst zurückgelassen, und sie stürzte wie auf einen rettenden Ausweg darauf zu.

"Kannst Du zu ihm gelangen?"

"Ich soll ihn in der Locanda Alexo's des Wirtes erwarten, wenn der Abend kommt; in einer Stunde ist die Zeit da."

Die Gräfin schrieb eilig einige Zeilen auf eines der Blätter, die zurückgeblieben waren.

"Aber wird Dein häufiges Gehen und Kommen nicht Verdacht erregen?"

Marutza lachte schlau.

"Ich habe dem Schwarzen, der dieses Hane bewacht, eine Flasche vom Feuertrank meines Vaters mitgebracht und ihm das Goldstück gegeben, das ich von dem Fremden erhielt. Das Eine verschliesst seinen Mund, das Andere trübt seine Augen! Marutza kann frei aus- und eingehen, nur Du, Herrin, bist die Gefangene!"

Die Gräfin hatte geendet. Sie faltete das Blatt zusammen und gab es an die Bulgarin, die es in den Busen steckte, ihr Kleid küsste und eilig verschwand.

Welche Gebete, welche Gedanken Helenens begleiteten sie! –

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Am Vormittag desselben Tages hatten zwei Männer in der phantastischen und willkürlichen Tracht der Baschi-Bozuks, – wie die Binden um Arm und Kopf zeigten, Beide nicht ohne leichte Wunden in der Schlacht davon gekommen, – durch das nördliche Tor, das nach Negotin und dem Timok führt, dem serbischen Gränzfluss, die Stadt betreten. Bei dem fortwährenden Umhertreiben zahlloser Nachzügler und dem Leben und Drängen, das überall herrschte, konnte ihre Erscheinung Niemand auffallen, obschon ein schärferer Beobachter leicht bemerkt haben würde, dass dem Einen wenigstens das unnachahmliche Phlegma des Orientalen fehlte, und sein Schritt oft hastig den straffen militairischen gang zeigte, während sein Auge scheu und aufmerksam umherschweifte. Er trug den linken Arm in einer alten Turbanbinde, seine Wange aber zeigte die kaum geschlossene Wunde eines leichten Hiebes.

Ohne viele Worte zu wechseln, schritten Beide durch die Stadt und auf dem Wege nach Ternowo hin, bis sie zum Hane des Bulgaren Gawra kamen. Der grüne Zweig vor der Tür war jetzt entfernt und der Wirt sass missmütig auf der Schwelle seines Hofes unter den Pferde- und Ochsenschädeln und rauchte den Schibuck.

"Dobar stschast,"