1855_Goedsche_156_396.txt

, hören Sie meine Beteuerung. Nicht die Selbstsucht eines Mannes, dessen Ergebenheit und Huldigung wohl Anspruch auf Ihre Gerechtigkeit hat, – die bittere notwendigkeit allein zwingt mich, Ihnen das einzige Mittel zur raschen Befreiung vorzulegen. Ich muss irgend ein persönliches Recht haben, Ihre sofortige Auslieferung von dem Pascha zu fordern. Ich muss ein Recht haben, sei es auch nur scheinbar, auf das gestützt ich nötigenfalls die Offiziere und Führer des Heeres zu meinem Beistande gegen die Willkür Sami's aufrufen kann! O, missverstehen Sie mich nicht, Helene, – Ihre Rettung allein legt mir das Wort in den Mund."

Die Gräfin war noch bleicher geworden, als die Angst sie gemacht, all' ihr Blut schien zum Herzen zurückgetreten, an das sie die kleine Hand presste, – der erste giftige Odemzug des Wudkoklaks erstarrte sie.

"Wie meinen Sie dies, Graf?"

"hören Sie mich an, Helene! Sie wissen, dass ich Sie liebe, auch ohne dass ich wie ein törichter Knabe zu Ihren Füssen gelegen. Ich bin ein Mann und Soldat und werbe wie ein solcher um das Weib meines Herzens. Dass der Besitz Ihrer Hand das Ziel meiner höchsten Wünsche ist, fühlten Sie längst, wenn ich auch vermieden habe, diese Wünsche Ihnen geradezu auszusprechen, denn ich weiss, dass Sie Nichts für mich empfinden und nur den Freund, den Mann von gleicher politischer Gesinnung, den Verteidiger Ihres tapfern und unglücklichen Volkes in mir sehen, der gegen die Fesseln der Tyrannei und für den erhabenen Gedanken der Freiheit kämpft, für die Sie in diesem Augenblick unwürdig leiden. Ich bin zu stolz, um von Ihrer Verlegenheit einen Nutzen zu ziehen für das Erreichen meiner Wünsche, – aber es ist notwendig, unbedingt notwendig zu Ihrer Befreiung, dass Sie eine kurze Zeit für meine erklärte Braut gelten. Dies allein gibt mir ein Anrecht auf Ihre person, und kein Offizier wird sich weigern, Sie, wenn es sein muss, mit Gewalt dem Pascha abzuzwingen."

Ihre zarten hände bedeckten das Gesicht, – sie schluchzte, – nur das Weib war von der kühnen stolzen Patriotin geblieben.

"Ich weiss," fuhr der Graf mit schmerzlichem Tone fort, "wie schwer auch nur dieser Gedanke auf Ihnen lastet, und dass das Bild eines Glücklicheren denn ichdas Bild eines Despotensöldners in dem Herzen wohnt, das doch für die Befreiung seiner Nation schlägt. Aber hören Sie wohl, Gräfin, ich gebe Ihnen hiermit das Ehrenwort eines Edelmannes und eines Offiziers, dass die Erklärung, die Sie zu meiner Braut macht, nie gegen Sie benutzt werden soll, es sei denn," – er hielt einige Augenblicke inne – "Sie wünschten und verlangten selbst deren Erfüllung."

Die Gräfin sah das spöttische Lächeln des Triumphes nicht, das sein männlich schönes Gesicht verzog. Seine schwarzen Augen ruhten mit jener magnetischen Gewalt der Schlange auf ihr, die das Opfer in ihre Kreise bannt. Ein unerklärliches Gefühl drückender Angst lastete trotz des Versprechens schwer auf ihrem Herzen; dennoch empfand sie, dass sie den Vorschlag annehmen müsse, dass er der einzige Ausweg sei aus der schrecklichen Lage.

"Ich tue Ihnen weh, mein Freund," sagte sie abgewandt und reichte ihm die Hand, "und dennochich kann jetzt nicht über Ihre Bewerbung entscheiden, ich muss Ihr Wort als Unterpfand meiner freien Entschliessung annehmen."

"Sie willigen ein?"

"Wenn ich vor mir selbst frei bleibeja!"

Der Graf küsste ihre Hand. Dann entfernte er sich für eine kurze Zeit, während der die junge Frau, mit den bangen Ahnungen ihres Herzens kämpfend, das Antlitz in den Kissen des Divans verbarg. Pisani kehrte mit Schreibgerät zurück und legte ein Blatt Papier vor die Gräfin.

"Es ist nötig, gnädige Frau, dass Sie einige Worte zur Bestätigung meines Rechtes niederschreiben. Mit ihnen in der Hand werde ich sofort die nötigen Schritte tun."

Ihre Hand zitterte, als sie die Feder ergriff.

"Was muss ich schreiben?"

"Erlauben Sie mir, Ihnen die kurzen Worte zu diktiren, Sie sind zu aufgeregt, um selbst das Zuviel und Zuwenig zu vermeiden."

Er sagte sie ihr in französischer Sprache und ihre Finger schrieben sie langsam nieder, während aus den schönen Augen ein Tropfen auf das Papier fiel. Die Worte lauteten:

"Helene Gräfin von Laszlo überträgt dem Ober

sten Grafen Antonio Pisani, als ihrem Verlobten,

den Schutz und das Recht an ihrer person und an

ihrem Eigentum."

"Die letztere Bestimmung ist nötig," sagte der Oberst nachlässig, "um der Habsucht Sami-Pascha's Schranken zu setzen."

Die Gräfin hatte der Worte kaum geachtet. Sie unterzeichnete und reichte dem Sarden das Blatt. Als er es berührte, zuckte es wie ein electrischer Strahl kalt und schneidend durch ihre Nerven.

"Ich habe Ihr Wort?"

"Wie weh tun Sie mir, Helene, mit diesem Rückhalt! Morgen spätestens werden Sie frei sein!"

Er beugte das Knie vor ihr und küsste zärtlich ihre Hand, die sie ihm schauernd überliess. Dann erhob er sich und verliess sie. fest trat sein Fuss auf, trotzig hob sich der Kopf und die dunklen Augen funkelten in der Gewissheit des Sieges, als er die Tür der Gemächer und den Eunuch-Khawass, der an ihr Wache hielt, hinter sich gelassen. Er bemerkte kaum die Dienerin, die aufgeregt, scheu an ihm vorüber schlüpfte