Ihre Vergangenheit sind mir nicht unbekannt, und ich habe das Recht. Sie zu dem kleinen Dienst aufzufordern, den ich von Ihnen verlange. Sehen Sie dies!" Die Hand, die er in die Brustöffnung seiner Uniform gesteckt, zeigte dem Arzt einen kleinen Gegenstand.
Der Doctor fuhr unwillkürlich zurück.
"Immer dies unselige Zeichen!" sagte er schmerzlich und unwillig. "Wohin ich mich auch wende, überall verfolgt es mich. Doch, was Sie auch denken mögen, Herr Graf, ich bin es müde, meine Ehre und mein Gewissen unter einem Zwange zu beugen, den mir eine Torheit der Jugend auferlegt hat."
"Sie verweigern den Gehorsam?"
"Ich weigere mich, eine Lüge zu sagen. Alles, was mir Ehre und Pflicht gestatten, bin ich bereit, zu tun."
Der Graf, der offenbar noch andere Aufträge beabsichtigt hatte, bedachte sich einige Augenblicke.
"Ihre Weigerung, die Sie natürlich zu vertreten haben, kann in meinen Absichten nur wenig ändern. Es bleibt dabei, dass Sie sich zu der Kranken begeben, die eine in die türkische Gefangenschaft geratene Dame von jenseits der Donau ist. Ich will Ihnen nicht weiter wehren, ihr zu sagen, dass Graf Pisani Ihnen bekannt und hier am Orte ist, aber ich habe das Recht, Sie zu ersuchen, dass Sie jedes nähere Eingehen auf meine Verhältnisse und etwaige Aufträge ablehnen."
Der Arzt verbeugte sich schweigend.
"Die Dame," fuhr der Graf fort, "mag ihre Wünsche mir auf andere Weise zugehen lassen; ich habe selbst nichts dawider, dass Sie ihr meine Adresse geben. In einer halben Stunde wird mein Diener Sie auf dem Tschardak der Locanda erwarten. Adieu, Signor Dottore." – – –
Der Morgen sog die frischen Nebeldüfte von der wallenden wogenden Fläche des Stromes. Zu den Füssen der Gräfin Helene kniete Marutza, die walachische Dienerin.
"Deine Befehle sind erfüllt, o Excellenza, meine süsse Herrin," berichtete das Mädchen in schlechtem Italienisch, "aber mein Herz ist schwer geworden bei Bestellung der Botschaft und meine Wange bleich. – Hast Du von dem Wudkoklak gehört, o schöne Herrin?" flüsterte sie scheu.
"Ich verstehe Dich nicht, Kind. Wird Graf Pisani mir Hilfe leisten in dieser eigentümlichen Not? wird er kommen? Sprich – gieb mir Antwort."
"Er wird nicht säumen, Herrin," sagte ängstlich das Mädchen; "wann hätte der Wudkoklak je gezögert, wenn es galt, auf seine Beute zu stürzen? Weisst Du auch, wem ich Dein Blatt gebracht?"
"Dem Oberst Pisani, jetzt in türkischen Diensten, einem alten Freunde von mir. Er allein kann mich retten."
"Was kümmert mich sein Name in der Welt! Er ist ein Wudkoklak – ich sah es an dem Faltenmaal auf seiner Stirn, an seiner Leichenfarbe und dem höhnischen Zug um seinen Mund!"
"Ich verstehe Dich nicht – wer ist Dein Wudkoklak?"
Das Mädchen blickte sie scheu an:
"Das ist der Vampyr, der als Mensch unter den Lebendigen wandelt und die junge Braut sucht, die er zum ewigen Verderben umstricken und deren Blut er aus den blauen Adern trinken muss."
Die Gräfin schauderte.
"Du bist ein törichtes Kind und hängst an dem Aberglauben Deines Volkes!" ––––––––––––––––––––––––––––
Der Oberst sass an ihrer Seite, seine Stirn bewölkt, während ihr angstvoller blick an seinem Antlitz hing.
"Um Gotteswillen, Sie können mich doch nicht in der Gewalt dieser Menschen lassen? Nehmen Sie die Hilfe der österreichischen Behörden in Anspruch!"
Der Sarde lächelte verächtlich.
"Bei dem langsamen Wege der diplomatischen Reclame würden Sie dann längst verloren sein. Die Sache ist schwieriger, als Sie denken, teure Freundin. Die Stellung der europäischen Offiziere unter diesen halbasiatischen Horden ist eine ganz andere, als wir sie gedacht haben, unser Einfluss durch das Misstrauen gegen alle Christen äusserst gering. Dazu ist Sami-Pascha unbeschränkter Gebieter in Widdin und von der Armee ganz unabhängig. Der alte Schuft ist ein eingefleischter Türke und hat nach den Sitten der Moslems ein unbestrittenes Anrecht auf Ihre person. Er hat Sie als Kriegsgefangene gekauft. Es ist ein Unglück, dass es den schurkischen Ueberläufern eingefallen, Sie wahrscheinlich in der Hoffnung eines reichen Lohnes oder Lösegeldes mitzuschleppen, und ein noch grösseres, dass ich nicht Kunde davon erhielt, ehe der schändliche Handel geschlossen war."
"Aber so bieten Sie ihm das Zehn-, das Zwanzigfache dieser Summe!"
"Das ist längst geschehen, doch der alte Lüstling weigert sich, die – ich muss es aussprechen, so hart das Wort klingt – die Christensclavin zu verkaufen. Es ist eine besondere Gunst und nur seiner Furcht vor meiner person oder seinem Trotze auf sein Recht nach dem muselmännischen Gesetz zuzuschreiben, dass er mir den Zutritt zu Ihnen bewilligt hat. Selbst der Arzt, der, wie ich höre, zu Ihnen gerufen wurde, musste geloben, tobt und raub zu sein für Alles, was er innerhalb der Wände seines Haremlik erfährt."
Die Gräfin rang verzweifelnd die hände.
"In welche Schmach, in welches Entsetzen habe ich mich verstrickt! Ihr Rat, Oberst, führte mich nach Krajowa und zu der schimpflichen Stellung, die mein Unglück geworden. An Ihnen ist es, mich zu retten."
"Und ich will es," sagte ernst der Mann an ihrer Seite. "Aber hören Sie mich, Helene