die Gräfin über den Strom geführt und in die Festung gebracht. Sie war so erschöpft, dass sie willenlos Alles mit sich geschehen lassen musste. In einem abgelegenen Gemache des Selamlik liess Sami-Pascha seine schöne Gefangene einstweilen einschliessen, indem er wegen der Pläne des Obersten seine Gründe hatte, sie in das Haremlik selbst nicht aufzunehmen.
Mit Schrecken gewahrte Gräfin Helene, dass alle Hoffnungen auf sofortige Befreiung sie täuschten, die sie gefasst, als sie sich in die hände der Türken geliefert sah. Sie blieb eine Gefangene, zwischen den öden Mauern eines türkischen Zimmers eingeschlossen, von schwarzen Sclaven bedient, und erst am Nachmittag erhielt sie eine weisse Dienerin, M a r u t z a , die Tochter des Handja's, die der Pascha, als am Tage vorher Vater und Tochter nach dem Befehl IskenderBei's von den Khawassen vor sein Gericht geführt worden, zum Dienst im Haremlik bestimmt hatte, während Gawra mit einer harten Geldbusse und dem Verbot der Hanewirtschaft belegt ward. Das Mädchen verstand ein Wenig italienisch, und so konnte die Gräfin sich wenigstens verständlich machen und erfuhr, dass sie in den Händen des Pascha's von Widdin sei.
Durch Marutza, welche frei aus- und einging, liess die geängstete Frau alsbald eine Unterredung mit dem Pascha verlangen, aber der Erfolg derselben hatte nur dazu gedient, ihre Angst und ihre Verlegenheit zu erhöhen. Der alte Moslem fand sich in der Tat gegen Abend bei ihr ein, von einem seiner Eunuchen begleitet, und nahm seinen Sitz mit aller Bequemlichkeit eines türkischen Haremsherrn auf dem Divan des Gemachs, indem er mit lüsternen Augen die selbst noch in dem Zustande der Abspannung fesselnden Reize der schönen Ungarin betrachtete. Zu ihrem Schrecken erfuhr diese jetzt, dass sie nicht bloss eine Gefangene, sondern von den Dorobandschen als Beute an SamiPascha verhandelt worden, und dass dieser sie als eine Erwerbung seines Harems betrachtete. Vergebens berief sie sich auf ihren Stand, auf ihre Bemühungen für die türkischen Interessen, auf Graf Pisani, dessen Herbeiholung sie verlangte, der alte Moslem erwiderte ihr, dass er sie ehrlich gekauft und bezahlt habe, dass er ihren Stand nicht kenne und dieser ihm auch gleichgültig sei, dass er von keinem Anrecht auf türkischen Schutz wisse, und wich mit grosser Schlauheit den fragen und dem Verlangen nach dem Sardinier aus.
"Mashallah!" sagte der dicke Pascha, sich den Bart streichend, "was geht dieser Dschaur mich an? Ich kenne ihn nicht, und wenn ich ihn kenne, bin ich nicht der Herr in meinem Haremlik, und was hat er dort zu schaffen? Ich weiss nicht, ob er in Widdin ist, oder in Kalafat, oder in der Schlacht gefallen. Wallah! was kümmert einen Gläubigen ein Kreuzträger?"
Gräfin Helene vermochte keine entscheidende Antwort zu erzielen. Der Pascha verliess sie, indem er ihr nochmals andeutete, dass sie sich als ein Mitglied seines Harems anzusehen habe. Die einzige Hilfe, die der Verzweifelnden beifiel, war, einen europäischen Arzt zu verlangen. –
Doctor Welland hatte den Morgen nach der Schlacht bis zum späten Nachmittag im Lazaret zugebracht, Hunderten der armen Verwundeten, die sich zurück zum türkischen Lager zu schleppen vermocht hatten, Hilfe bringend und die traurigen Leistungen der ihm beigeordneten Unterärzte und Chirurgen beaufsichtigend. Zum tod erschöpft, langte er in der Locanda Alexo's an, wo Nursah, der schwarze Diener, der jeden seiner Wünsche ihm an den Augen abzulauschen schien, ihn mit bereit gehaltenen Erfrischungen erwartete.
Nur Einem hatte seltsamer Weise der Sclave sich immer bisher zu entziehen gewusst: seinen Herrn in die türkischen Bäder zu begleiten und ihn dort zu bedienen!
Der Doctor war noch mit seinem Mahle beschäftigt, das von mehreren der türkischen Offiziere geteilt wurde, und lauschte den Einzelnheiten der blutigen Schlacht, als ihm von Alexo, dem Wirt, gemeldet wurde, dass ein höherer Offizier ihn zu sprechen wünsche.
Es war Graf Pisani, der ihn im selben Zimmer erwartete, in welchem er mit Apollony, dem walachischen Agenten, die für das Schicksal der Gräfin Laszlo so unheilvolle Unterredung gepflogen.
Der Arzt kannte den Grafen seit den wenigen Tagen seines Aufentalts in Widdin nur von Ansehen. Der innere Instinct seiner ehrlichen Seele warnte ihn vor dem glänzenden Tiger und er erwartete stillschweigend die Anrede.
"Verzeihen Sie, Signor Dottore, dass ich Sie nach den vielen Anstrengungen noch in Anspruch nehme. Im Selamlik des Gouverneurs befindet sich eine kranke Dame, die Ihrer Hilfe bedarf. Sie ist durch Schreck und Furcht in grosse Nervenaufregung versetzt und es wird nötig sein, ihr ärztlichen Beistand zu leisten. Darf ich Sie um diesen bitten? Sobald es Ihnen genehm, wird mein Diener Sie dahin geleiten."
Der Arzt verbeugte sich.
"Ich werde in einer halben Stunde bereit sein."
"Ich habe bei dem Besuch eine Bitte an Sie, Doctor," bemerkte der Graf. "Man wird Sie nach mir fragen und Sie wahrscheinlich mit einer Botschaft an mich beauftragen. Ich bitte Sie nun, der Dame gegenüber zu tun, als sei ich Ihnen gänzlich unbekannt. Es versteht sich von selbst, dass ich Ihre ärztliche Mühwaltung honoriren werde."
Die ruhigen ernsten Augen des deutschen Mannes hatten sich finster gefaltet.
"Ich biete gern meine Hilfe, Herr Graf," sagte er gemessen, "wo sie verlangt wird. Zu Intriguen und Lügen bin ich unfähig."
Der Oberst lächelte verächtlich.
"Wir missverstehen uns, Signor Dottore. Ihre person und