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das erkannte Unrecht gut machen."

Sie hatte sich erhoben und ging leidenschaftlich im Salon umher.

Der Vicomte schwieg und folgte ihr mit trauerndem blick.

Plötzlich blieb die Fürstin vor ihm stehen, ihre grossen Augen voll und klar auf ihn gerichtet.

"Das Duell darf nicht vor sich gehen, es darf nicht! – Er ist mein einziger Bruder, der Letzte aus dem haus der Oczakoff, einer der neun Familien, die von Ruriks Stamme sind, edler selbst als die Romanoffs. Ich darf ihn nicht sterben lassen! – Eugen," es war das erste Mal, dass sie ihn bei diesem Namen nannte und es durchzuckte den jungen Mann wie ein electrischer Strahl, – "Eugen, werden Sie zum Engel des Erbarmens an uns, wie Sie bereits zum Helden geworden sind. Fliehen Sie das Duellweigern Sie dem Toren, ihn zu strafen, kommen Sie, fliehen Sie mit mir. – Eugen, ich liebe Sie, und jeder Atemzug meines Lebens soll Ihrem Glück gewidmet sein!"

Der junge Offizier sank vor ihr nieder, er presste stöhnend im bittern Kampf ihre zarten hände auf sein brennendes Gesicht.

"Sie verlassen Ihr Frankreich," fuhr Iwanowna fort, "Sie gehen mit mir in das herrliche Land, wo mildere, süssere Lüfte wehen, als hier, wo der Oleander blüht und die Orange sich in den blauen Fluten des Meeres spiegelt. Nach Taurien folgen Sie mirnicht bloss der Kaiser hat dort seine erhabene Phantasie, das Paradies Orianda, – an den Felsenvorsprüngen der YailaAlpen prangen noch viele Stätten eben so herrlich, eben so schön, von deren Klippenhöhe vielleicht Iphigenia einst hinüberschaute zum fernen vaterland, wo Orestes die Schwester von der grausen Pflicht befreite. O, mein Freund, werfen Sie es von sich das Vorurteil dieser sogenannten zivilisation, die von Ihnen verlangt, das Blut Ihres Bruders zu vergiessen, des einzigen Wesens, was gleich Ihnen mir teuer ist – –"

Der Vicomte hatte sich emporgerichtet, auf der ehernen Stirn stand der eherne Männerentschluss.

"Sein Sie ruhig, Iwanowna, diese Hand wird nicht gerötet sein von dem Blute Ihres Bruders!"

"Sie gehen mit mir, Sie opfern mir Alles, Alles, Eugen?"

"Ich g e b e Ihnen Alles, was ich habe, Iwanowna, nur Eines bewahren Sie mir, das ist, den unbefleckten Namen der Méricourt, den Namen meines Vaters. Es gibt noch ein anderes Mittel, – bei meiner Liebe zu Ihnen, Ihr Bruder wird unverletzt von dannen gehen!"

Die Fürstin stürzte auf ihn zu.

"Was sinnen Sie? – Das ist Mord an Ihnen selbst! Meinen Sie denn, dass der törichte Knabe Ihren Edelmut würdigen wird? Sein Leben wäre Ihr Todgeht das Duell vor sich, so oder sosind wir auf ewig getrennt."

Der kapitän wandte sich ab.

"Es ist kein anderer WegSie haben einen Namen zu verteidigen, Iwanowna, auch der meiner Väter ist mir heilig und darf nicht entehrt werden, selbst um den himmlischen Preis nicht, den Sie mir gezeigt haben."

Sie warf sich schluchzend am Divan nieder; er setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand in die seine.

"Warum trauern, Iwanowna," sagte er freundlich, "nachdem Sie mich so unaussprechlich glücklich gemacht? Warum trauern, dass uns ein persönliches Missgeschick trennt, wo uns das Geschick der Völker in jedem Augenblick unwiderruflich zu trennen drohte. – Denken Sie, wie unendlich leichter es mir sein wird, jetzt der Kugel Ihres erbitterten Bruders die Brust zu bieten für Sie, als wenn das eherne Geschick der Schlachten uns gegenüber gestellt und die kalte Berechnung der Politik Ihres Kaisers und seiner Nesselrode's und Kisseleff's den Freund dem Freunde, den Bruder dem Bruder den Stahl in's Herz stossen hiesse!"

Die Worte, die Namen, schienen die Fürstin berührt zu haben, – einen Augenblick schwieg sie wie nachdenkend, dann raffte sie sich rasch empor. Sie schien ihre volle, eine kurze Zeit von der doppelten Aufregung gestörte Energie wiederzugewinnen.

"Wann soll das unglückliche Duell vor sich gehen?"

"So viel ich weiss, gegen Abend, – um sechs Uhr."

"Eugen, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?" sie hob die hände gegen ihn.

"Jede, die sich mit meiner Ehre verträgt."

"Sie ist auch die meine und wird unverletzt aus Allem hervorgehen." Sie drängte ihn freundlich zum Seitentisch, auf dem das schreibe-Necessaire stand. "Schreiben Sie an Herrn de Sazé, nur einige Zeilen, dass das Duell erst morgen früh um dieselbe Stunde stattfinden könne, – nehmen Sie irgend einen Vorwanddie Ordnung Ihrer Angelegenheiten –"

"Aber ich darf nichtich kann nichtSie sinnen eine List ..."

"Bei dem grab meiner Mutter, ich sinne Nichts gegen Ihre Ehre! Ist das Leben zweier Menschen nicht einen kurzen Aufschub von zwölf Stunden wert? – Galt Ihnen das geständnis meiner Liebe so wenig?"

Er reichte ihr die Hand.

"Es ist unnötig, dass ich schreibe, – der Marquis hat versprochen, in einer halben Stunde hier zu sein und ich gebe Ihnen mein Wort, dass Ihr Wille erfüllt werden soll, dass Arrangement wird sich leicht treffen oder ändern lassen, ohne aufzufallen. – Fürstin, ich ahne Ihren GrundSie wollen Ihren Bruder bewegenmöge Gott