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Desto tobender und lärmender war die Gesellschaft in dem anderen teil. Hier sassen und standen um zwei oder drei Tische an Zwanzig der türkischen kosacken in ihrer kleidsamen Uniform, dem blauen, mit scharlachroten Aufschlägen und eben solchem Futter in den langen aufgeschlitzten Hängeärmeln versehenen Dolman, dem Pelztschacko mit dem grossen Halbmond von Messingblech daran und den weiten blauen Pantalons mit breiten roten Galons. Dazu die Cartouche und der Säbel in der blinkenden Scheide, obschon auch ihnen die gewöhnlichen Feuerwaffen fehlten, da der strengste Befehl gegeben war, dass ausserhalb des Dienstes Flinten und Pistolen nicht getragen werden durften, um möglichst Unheil bei dem heissen Blut der Parteien zu verhüten.

Die Gruppen um die Tische waren mit Trinken und Spielen beschäftigt. Während bei den Offizieren in der Lokanda Alexo's das Pharo die Taschen leerte, klapperten hier die Würfel unter den Verwünschungen, den wüsten Spässen und dem Gelächter der Freiwilligen.

In der Mitte des Gemaches vor dem grossen Kamin war die Kula mit einer ihrer Töchter eifrig mit der Kaffeebereitung beschäftigt. Gawra, der Wirt, und ein Neffe von ihm, fast noch ein Knabe, bedienten die Gäste.

An dem Tisch in der Nähe des Kamins sass die Hauptgruppe der Spieler um einem Fremden, der, so sehr er ihnen auch in dem verwegenen und kühnen Aussehen glich, doch keiner der Ihren war und nicht die Uniform trug. Der Leser kennt ihn bereits – S t a L u c i a , den corsischen Banditen, der nach seinem letzten Verbrechen in Stambul im Heerlager an der Donau Sicherheit gefunden hatte und hier den Diener des sardinischen Obersten spielte.

"Mashallah!" murrte Ali, der Arnaut, zu seinem Nachbar, einem zerlumpten Asiaten, indem er mit dem Mundstück seines Schibuks nach den Spielern deutete, "sieh diese Söhne der ungläubigen Hunde, wie das blanke Gold durch ihre unreinen hände rollt. Ein weiser Mann hat mir gesagt, dass man durch dieses Spiel aus einem Beschlich11 im Handumdrehen zwanzig goldene Ghazi's erwerben kann."

Die Augen des Asiaten funkelten lüstern.

"Weisst Du, o Ali, wie man das Geld gewinnt?"

"Ich habe mir sagen lassen, dass man ein Geldstück einsetzt, man wirft die bleiernen Kugeln und erhält so viel Geld, als sie schwarze Punkte zählen."

"Inshallah! – was für Narren sind diese Christen! Es ist nur ein Gott und Mahomed ist sein Prophet. Ich möchte ihnen wohl ihr Geld abnehmen."

"Bei meinem Bart," schwor der Arnaut, "ich habe die gleiche Lust. Aber mein Beutel ist leer."

Abdallah, der Syrier, nestelte an einem solchen von Ziegenhaar.

"Ich fand bei dem Moskow, den wir bei dem Ueberfall erschlugen, ausser dem Golde auf seinen Schultern zehn Stücke in seiner tasche. Wenn ich wüsste, dass Allah mein Tun segnen würde, möchte' ich einen grossen Beschlick in diesem Spiel wagen."

"Hussah, Schurke von Wirt! Istem teremtéte! Rum her, Branntwein!"

"Bergantre12! Wo steckt der Bursche, dass er Caballero's warten lässt?"

"Villao13! Branntwein her!"

"Caballeros, Euer Spiel! – Acht auf der Tafel."

"Pesta! ich werfe mehr! Zehn!"

"Psia twoja mać! Hundsmutter die Deinige! Das Geld ist verloren."

Der Pole griff sich wild in die Haare und starrte mit funkelnden Augen auf sein verlorenes Geld, das der Spanier ruhig zu dem seinen zog. – –

"Allah sende ihm Unglück! Hast Du es mit Deinen eigenen Augen gesehen?"

"Was lachst Du mir in meinen Bart, o Beg? Auf mein Haupt komme es. Bin ich ein Mann oder bin ich eine turkomanische Kuh? Sind das Augen oder sind sie es nicht? Ich habe gesehen, wie er über die Tür seines Hofes die drei Kreuze gemacht hat, die das Zeichen der Christen sind, und die unsere Brüder auf's Krankenlager werfen, bis die Reihe an uns kommt."

Der Moslem, an den die Rede gerichtet war, schüttelte zur Bejahung sein Haupt.

"Wir wollen den Derwisch Ibrahim herbeirufen, der dort steht, er wird uns sagen, ob dieser aussätzige Bulgar dafür an seine eigene Tür genagelt werden soll!"

"Khaweh, Khaweh! Tschibuk, Khaweh dschetir! Bringt Pfeifen und Kaffee herbei!"

"Höre, Freund Gawra, reiche mir die Guzla14 dort von dem Nagel. Wo ist Marutza, Deine Tochter, dass sie mein Lied begleitet? Warum bedient die Moma15 Deine Gäste nicht?"

Der Bulgare reichte eifrig dem Italiener die Citer.

"Die Marutza fürchtet sich vor der zahlreichen Gesellschaft, Aga, sie wirtschaftet in den Ställen mit dem Vieh."

"Schaff' sie herbei, pitoccone16! Meinst Du, wir sind hierher gekommen, um Dein schlechtes Gesicht anzuschauen?!"

"En avant, Monsieur Gawra, bringen Sie uns Mademoiselle Maruzza!"

"Die Moma! die Moma!" heulte der Chor.

Der Bulgare war bereits demütig verschwunden. –

Die Moslems schauten finster auf die Lärmer; um Hadschi-Achmet und den Derwisch hatte sich eine Gruppe gebildet und horchte eifrig seinen Worten.

"Dieses Schwein von einem Bulgaren tut, als ob wir nicht in der Welt wären. Ich will die Gräber seiner Väter besudeln!"

Der Redner schüttelte verächtlich den Zipfel seiner Jacke.

"Corpo di Bacco! Ruhe da oben! Ich will mein Lied