Hierzu kommt noch der Gazdalik oder die Verpflichtung, jeden Gast, der auf einen Ferman oder in kaiserlichen Angelegenheiten reist, zu beherbergen und zu bewirten. Mit der grausamsten Strenge werden diese Abgaben eingetrieben, und die Rechte, die der Bulgar dafür gewinnt, sind Null. Seine Dorfkirchen sind gewöhnlich elende Schuppen oder finstere, halb in die Erde versenkte Grüfte. Es ist durchaus untersagt, ein Kloster oder eine den Einsturz drohende Kirche auszubessern, ohne zuvor für schweres Geld die erlaubnis des Divans erwirkt zu haben. Neue zu bauen, ist ganz verboten.
Auf den Hochebenen des Balkans, zwischen Seres und Sophia, Philibeh und Ternowo, wohnt eine grössere Freiheit, denn die unzugänglichen Schlupfwinkel der Berge nehmen die Flüchtigen auf, und von den Höhen her beherrschen mit dem Schrecken ihres Namens die freien Söhne der Bulgarei, – die Räuber des Gebirges, – die H a i d u c k e n , das Niederland. Es gibt wenige zahlreichere Familien, von denen nicht einige Glieder unter diese Freischaaren gegangen wären; "der Pascha plünderte mich aus und ich schickte meinen Sohn unter die Haiducken," sagt gelassen der Familienvater. Die Haiducken sind der Schrecken der Türken und das einzige, was ihre Gewalttaten gegen das Land noch in Schranken hält. Diese "Freien" verteilen sich in mehr oder weniger zahlreiche Banden unter Hauptleuten, welche, wie die alten Barone in den zeiten des Faustrechts, die Engpässe besetzen, die türkischen Karavanen und die Steuereinnehmer des Landes entfallen und den Blutegeln den Raub wieder abjagen. Man erzählt Wunder von ihrer Tapferkeit und Stärke und ihrer Grossmut gegen den harmlosen Reisenden. Dennoch wagte noch beim Ausbruch des orientalischen Krieges kaum ein Kaufmann wenige Meilen durch das Binnenland am nördlichen Abhange des Balkans zu reisen, und ein sicherer Verkehr fand allein auf der Donau statt.
Der erste Ausstand der neueren Zeit am Balkan, der die Pforte erbeben machte, war der Paswan Oglu's, des Bosniaken, mit seinen Kerdschalis im Jahre 1792. Zugleich mit ihm – nach dreihundertjährigem Hinträumen – erhoben sich die bulgarischen Haiducken. Aber während Czerni Georg, der Held von Serbien, 1804 sein Land befreite, sahen die Bulgaren untätig zu und wechselten nur ihren Herrn, denn der Divan – unfähig, Paswan Oglu, den Verteidiger der Janitscharen und Alttürken, zu vernichten – musste ihn als rechtmässigen Wessir von Bulgarien anerkennen. Hoch belebten sich wieder die Hoffnungen durch die Kriege der Russen 1810 und 1811 an der Donau, aber der Vertrag von Bukarest (28. Mai 1812) liess die zum teil bereits aufgestandenen Bulgaren im Stich und wehrlos in der Gewalt der Osmanli's, und Tausende wurden aus Rache zu tod gemartert. Während Fürst Milosch in Serbien herrschte, lag schwer die Hand Hussein-Pascha's auf dem land, und seine Plünderung des armen Volkes häufte jene Schätze zusammen, die bis zum Jahre 1843 seinen Hofhalt in Widdin zu einem der glänzendsten im Orient machten. Die bulgarischen Haiducken kamen nicht eher wieder zum Vorschein, als bis 1821 der griechische Freiheitsruf auf ihren Bergen wiederhallte. Da erhoben sie sich aus ihrem Schlaf und zogen schaarenweis nach Macedonien und bis zum Peloponnes, und Bulgaren waren es, welche die Akropolis von Aten im Sturm nahmen. Der Slawe Botschar aus Wodina, der nach Suli auswanderte, ist der Held Marco Botzaris, dessen Blut den heiligen Boden von Missolunghi tränkte.
Als 1829 Diebitsch in den Pässen von Kuleutscha das Heer Reschid's schlug und am 19. August in Adrianopel einzog, schien der Stern des christlichen Bulgariens auf's Neue zu glänzen und die ganze Bevölkerung begrüsste jubelnd die Befreier. Wiederum täuschte Russland ihre Hoffnungen, wenn es auch seitdem nicht aufhörte, im Stillen den erwachten Geist des Volkes zu schüren. Die bulgarische Hetärie, von den Didaskalen, den Dorfschulmeistern, gegründet, verzweigte sich über das Land, und die Sommernächte der Jahre 1834 bis 1838 fanden die Eingeweihten gar oft auf den Kirchhöfen der Klöster, auf den Felsenplateau's der Berge, im wilden Kolo8 sich für die Stunde der Freiheit begeisternd. Der Verrat des Neffen Hadji Jordan's, der so vielen wackeren Männern das Leben kostete, brachte den lang vorbereiteten Aufstand zum Ausbruch und 20,000 Mann lagerten um die Feste Jarkoï, bis der trügerische Milosch statt der versprochenen Hilfe sie mit dem Versprechen der Befreiung vom Frohndienst und eigener Stareschinen9 zum Abzug bewog. Zu spät sahen sie ein, dass man sie betrogen.
Der Raub der schönen Agapia durch den Neffen des Pascha's von Nissa rief im Frühjahr 1841 auf's Neue das Volk in die Waffen. Unter Miloje erhoben sie sich, und als erst die Irregulairen Hussein-Pascha's 150 Dörfer zwischen Sophia und Nissa zerstörten, die Männer spiessten, die Frauen schändeten und in die Flammen ihrer brennenden Hütten warfen oder in die Sclaverei verkauften, – strömten die Landleute von allen Seiten in die Gebirge, und von 2000 Spahi's, die sie zu verfolgen wagten, kehrten kaum 30 zurück. Miloje hielt Nissa mit seinen Männern belagert und verteidigte, endlich geschlagen, heldenmütig mit 1500 Streitern die Kula Kamenitza, bis Alle um ihn gefallen und er selbst sich mit einem Pistolenschuss das Leben nahm, um seinen letzten sechs gefährten die Flucht zu erleichtern.
Seit jenem Aufstande, bei welchem man wieder vergeblich auf die Hilfe Russlands und Europa's geharrt hatte, herrschte die Ruhe des Todes in der Bulgarei – nur der Einzelne, der in die Berge geflüchtet und mit seinen Brüdern sich dort