Bergen, der Schakal streift hinab zur Ebene und der stattliche Rotirsch mit dem sechszehnendigen Geweih streicht in zahlreichen Heerden durch die Wälder. Der Eber wälzt sich im Sumpf, das wilde Pferd galoppirt durch die Ebene. Sieben Felsenpässe brechen durch die gigantischen massen der Berge und führen zu seinem südlichen Hange, – die beiden bekanntesten: das trajanische und das eiserne Tor, von denen das erste nach Sophia, das andere über Kasanlik und Schumla nach Varna und dem Schwarzen Meere mündet, – zur Landschaft Zagora, die sich vom Meeresstrande bis zum Berge Atos erstreckt, die reichste üppigste Provinz der Türkei.
Wie, wenn man aus dem nördlichen Deutschland kommend, die Felsenmauer der Alpen bei Botzen überstiegen hat und von Meran hinunterschaut auf die Fluren der Lombardei – gleich mit einem Zauberschlage eine andere Zone dem Pilger entgegenweht, so auch an den Felsenpässen des Hämus. Die volle südliche hesperische natur umgiebt den Wanderer, – die Olive mit ihrem dunklen feuchten Grün, – die Feige, die Cypresse und Platane, – der Oleander aus zackigen Felsspalten, an deren Wand sich der Wein und die Melone rankt! die Orange duftet und der Südwind, der aus der Bai von Enos an der grünen Maritza herauf über die tracischen Ebenen streicht, trägt ihm die wonnigen Düfte der weiten Rosenfelder von Edrene entgegen. über die endlosen Ebenen mit dem hohen Gras und den goldenen Getreidefeldern – nur unterbrochen von den Hunka's3 der pelasgischen Vorzeit, dem spitz emporspringenden Minaret oder der byzantinischen Wölbung einer verfallenden christlichen Kapelle – streift tagelang der Reiter, einsam und allein mit Alogon4, dem stummen Freunde. Zahlreiche Städte bevölkern das herrliche Land, aber ausserhalb ihrer schmuzigen Ringmauern ist Alles eine poetische Wüste. Wo der Griechen-Slawe allein wohnt, ist er noch schutzloser der Willkür seiner Herren preisgegeben.
Die Tätigkeit und Betriebsamkeit, welche dem Bulgaren innewohnt, hat ihn, die Maritza entlang bis zu den Küsten des ägeischen Meeres, bis an die Tore Constantinopels getrieben. Ueberall ist er Ackerbauer, Viehzüchter, Fabrikant, Handwerker und Kaufmann, und es liegt eine unermessliche Quelle von zivilisation und Wohlstand in diesem demütigen, sinnenden und empfänglichen volk. Still beugt es seinen Nacken unter dem drückenden Joch des Spahi's, der von seinem Fleisse prunkt, seine Töchter entführt und seinen Glauben verhöhnt, und die traurige Klage, die seines Herzens tiefsten Kummer dem selten das Land durchpilgernden Fremdling öffnet, ist der kindlich naive Ruf: "Du bist glücklich, Bruder; in Deinem vaterland gibt es Nichts als Bulgaren5!"
Dennoch ist auch dies demütige gutmütige Volk schon häufig durch die furchtbare Last der türkischen Misshandlungen emporgerüttelt und ihm die Waffe zum kräftigen zähen Widerstand in die Hand gezwungen worden. Nur die eigene Gutmütigkeit und die verräterische Schlauheit der Gegner hat ihm das Schwert wieder aus der Hand gewunden und das Joch auf's Neue auf seinen kräftigen Nacken gelegt.
Die Nation zählt, – wenn man die wirklich von ihr bevölkerten Landstriche nimmt und nicht bloss das kleine Gebiet des alten bulgarischen Königreichs, dem die Türken diesen Namen gelassen, – gegenwärtig vier und eine halbe Millionen Seelen, und man darf annehmen, dass jetzt – wo sich die europäischen Mächte wenigstens dem Massemorden entgegensetzen werden – die Zahl bald derart wieder sich vermehren wird, dass sie die türkische Bevölkerung eben durch ihr Gewicht still und ohne Kampf zurückdrängt. Dass sie trotz der Gräuel, welche noch dies Jahrhundert bis auf die neuesten zeiten entweihten, trotz der Ströme bulgarischen Blutes, die vergossen wurden, diese Ziffer erreichen konnte, verdankt sie dem Umstand, dass der Osmane die Nation bisher als Christen verächtlich von seinen Heerzügen ausschloss und dass das Wüten der Pest hauptsächlich nur die fatalistischen Moslems danieder mähete, während sie die reinlichen vorsichtigen bulgarischen Landbewohner verschonte. Es ist erwiesen, dass jede grosse Pest der Türkei fast eine Million Menschen raubt. Die vom Jahre 1838 tödtete in Bulgarien allein 86,000, fast lauter Türken. Charakteristisch erzählen die Bulgaren, dass der furchtbare "Schwarze Tod" damals durch die schänderische Gier ihrer Herren entstanden sei. Junge Türken in Bajardzik hätten sich über den kaum erkalteten Leichnam einer schönen Armenierin geworfen und, an ihm ihre viehische Gier befriedigend, den Krankheitsstoff in sich aufgenommen und weiter verbreitet.
Wir haben gesagt, dass die Bedrückung des Volkes es von Zeit zu Zeit zu einem kräftigen Widerstand getrieben. Jede Gemeinde hat ihren Spahi oder türkischen Grundherrn, der sein Spahilik durch den Kiaja oder Stellvertreter verwalten und durch diesen den Zehenten von allem Besitztum, Getreide, Wein, Früchten und Vieh erpressen lässt. Nur im Herbst besucht der Türke zuweilen sein Landgut und haust dann in seiner weissen Kula6, und der Bulgar empfindet nur an den vermehrten Lasten, an der grösseren Gefährdung seiner Frauen und Töchter die Nähe des Grundherrn7. Ausser dem Zehenten hat der Rajah dem Spahi einen dreitägigen Erntefrohn zu leisten. Doch sind das nur die geringeren Lasten, – noch drückendere legt ihm die Regierung auf. Neben den extraordinairen Erpressungen der Pascha's muss er den Haratsch – die Kopfsteuer – mit 15 bis 20 Piastern jährlich für den Kopf, die Poresa oder Grundsteuer, die sich nach alten festen Sätzen unverändert richtet, und fast für jeden Gegenstand seines Besitzes Steuer zahlen. Besitzt der Bulgare Nichts als sein Weib, so muss er für den Niessbrauch dieses Gutes allein schon mindestens 100 Piaster geben! Ausserdem ist der Pascha berechtigt, ungemessene Frohnen von jedem Bauer zu den öffentlichen arbeiten zu fordern, und diese Dienste nehmen in der Regel mehr als 30 Tage vom Jahre in Anspruch.