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das Nest verlasse. Ich werde morgen zu den Juden gehen und Geld schaffen."

"Könnt Ihr mir nicht lieber ein Unterpfand geben, Aga? ich bin ein armer Mann und muss mich sicher stellen. Seine Hoheit der Vali14 gönnt mir ohnehin kaum das Leben."

"Bah! ich habe Nichts, meine Ringe sind fort, meine Uhr auch. Willst Du mein Patent?"

"Was tue ich mit Eurem Patent? das lasst Ihr im Stich, jeder Mann weiss, dass Ihr der Offizier Seiner Excellenz des Muschirs seid."

"Nun, Schuft von einem Slavonier," sagte der Leichtsinnige, in seiner Brieftasche kramend, "hier ist was Besseres, das ich höchstens auf einige Tage entbehren kann. Die Generalordre des Muschirs zum Durchlass auf allen Posten und zur Lieferung von Pferden. Ohne dies Papier kann ich nicht von der Stelle; ist Dir das sicher genug?"

Graf Pisani hatte, während die Uebrigen, unbekümmert um die gewohnte Verhandlung, fortpointirten, mit halbem Ohr auf das Gespräch gelauscht. Sein rascher bedeutsamer blick traf gedankenschnell den Slavonier und winkte ihm, zuzuschlagen.

"Bei den heiligen Märtyrern, an die Ihr nicht glaubt, Aga," schwor der Wirt, "ich muss Euch anvertrautes Gold geben und tue es bloss auf Euer ehrliches Gesicht. Lasst das Papier da, Aga, und Ihr braucht Euch nicht zu eilen, ich verwahre es sicher und hoffe, Ihr werdet mich bei den Zinsen nicht vergessen!"

Der junge Tollkopf folgte dem schlauen Händler aus dem Gemach. Wenige Minuten nachher erschien er wieder am Spieltisch, die Taschen voll Gold, und von den Genossen jubelnd begrüsst.

Die Dukaten rollten. Mit beiden Händen auf den Tisch gestemmt, folgten Iskender-Bei und OsmanAga den Chancen des Spiels. Die Augen funkeltenwilde Ausrufe und Verwünschungendas triumphirende lachen des Gewinns klang von ihren Lippennur der Sardinier spielte wie ein Gentleman.

Osman'a verlorder kühne Führer der Baschi-Bozuks triumphirte im Gewinn.

"Fünfzig Dukaten!"

Der junge Verschwender schob den ganzen Rest auf das Coeur-Ass.

"Schwarz! Auf den Buben, Kamerad!" rief der Bei.

Die Karten fielen rechts und linksRot hatte verloren, Schwarz gewonnen. Mit einem grimmigen Fluch hob der Adjutant die nächste Flasche an den Mund und trank sie bis zum Boden leer, Iskender-Bei aber zog das Gold zu seinem Gewinn.

"Wein, Alexo, Champagner! Noch eine Taille, Kamerad?"

Aber der Graf hatte sich bereits erhoben und hielt ihm die Uhr vor.

"Die Zeit ist um, Herr Graf, ich cedire dem nächsten. – Viel Vergnügen, meine Herren, mich rufen noch Geschäfte; vielleicht find' ich Sie später noch hier und gebe dann weitere Revange."

Er steckte den Goldhaufen, der vor ihm lag, in die tasche und griff nach dem Kasket. Aber ein jammerndes Geschrei voll Schmerz und Angst fesselte seinen Fuss und er blieb ein unwillkürlicher Zuhörer der nachfolgenden Scene.

Die Tür des Gemachs wurde aufgerissen, ein bulgarisches Weib und ein Mädchen erschienen auf der Schwelle, weinend und zagend, als sie die vielen Männer sahen. Aber Doctor Welland, der sie führte, zog sie, ihnen Mut einsprechend, herein und gerade auf Iskender-Bei zu. Nursah, der schwarze Sclave des Doctors, hatte das Mädchen an der Hand, dessen Gewand zerrissen war, dessen langes blondes Haar, häufig eine grosse Schönheit der bulgarischen Frauen, ihr wirr herab bis fast auf die Knie niederhing.

"Was Teufel, Doctor, bringen Sie uns da für Gäste? Haben Sie eine Otmitza15 gehalten und Braut und Schwiegermutter zugleich erobert? Herbei mit dem Popen!"

Die ganze Gesellschaft brach in ein tobendes Gelächter aus, Welland aber fasste eifrig des Bei's Arm.

"Helfen Sie den Aermsten, die Schutz bei Ihnen suchen," bat er; "sie sind geflüchtet aus ihrem haus, wo Ihre Baschi-Bozuks Mord und Todschlag üben. Mein Neger fand die Weiber jammernd vor der Tür der Lokanda und führte sie zu mir."

"Bah! was wird es sein? – eine Lappaliedas Volk hier ist an Prügel gewöhnt! Warum geh'n sie den wilden Teufeln nicht aus dem Wege? ich kann mich nicht mit der Beschwerde jedes Bauern oder jeder Dirne befassen."

Die Baba16 war vor dem Bei niedergefallen und umfasste seine Knie.

"Was gibt's, Weib?" herrschte er ihr auf Türkisch zu.

"O Hoheit, sie morden meinen Mannsie haben meinen Neffen erschlagen und ermorden sich unter einander!"

Die Stirn des türkischen Guerillaführers verfinsterte sich.

"Wer bist Du, Frau? wo ist Dein Haus?"

"An der Dromoi17, Hoheit, die nach Belgradzik führt, dem Adlernest der Haiducken. Die Zelte Deiner Krieger liegen keine tausend Gänge davon und mein Mann hält ein Hane18."

"Auf's Pferd, Jacoub'a," befahl der Bei, "und sieh' zu, was es gibt. Meine Kopfabschneider sollen dem volk wenigstens nicht an's Leben kommen, sie werden morgen bessere gelegenheit finden, ihre Tollheit zu kühlen. Jage die Hunde in ihre Zelte und Du, Weib, störe mich nicht länger."

Er wandte sich wieder zu dem Spiel, während Jacoub-Aga den Säbel umschnallte und das Gemach verliess, indem er sich von dem