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Gegenwart eines der Zeugen der Beleidigung Ihre Entschuldigung zu machen."

"Ich bedaure, Herr von Sazé," sagte der Fürst.

Doch der Andere unterbrach ihn:

"Einen Augenblick noch, Durchlaucht, ehe Sie Ihre unwiderrufliche Meinung aussprechen. Sie wissen, dass es nicht Sitte der Franzosen ist, in einem Ehrenstreit die Hand zu bieten, und namentlich eine solche Beleidigung, wie dem kapitän widerfahren, anders als durch Blut zu sühnen. Ich bitte, würdigen Sie also das wackere Benehmen Ihres Gegners, der in Berücksichtigung der bisherigen Verhältnisse mit jeder billigen Erklärung zufrieden sein will."

Der Fürst entgegnete steif und frostig:

"Obschon noch sehr jung, mein Herr, bin ich doch vollständig mit den Gesetzen eines Edelmannes vertraut und würde gerade in Berücksichtigung der Verhältnisse dem Herrn Vicomte nicht zumuten, mit einer Entschuldigung zufrieden zu sein, die ich ohnehin nicht zu machen gesonnen bin. Darf ich Sie um Ihre weiteren Aufträge bemühen?"

"Ich habe die Ehre, Ihnen die Forderung des Capitains de Méricourt zu überbringen."

"Ich bin zum ersten Male in Paris und mit Ihren Gewohnheiten daher noch einigermassen unbekannt. So viel ich weiss, pflegt man dergleichen Angelegenheiten rasch abzumachen?"

"gewöhnlich ehe die nächste Sonne untergeht; sollten Sie jedoch Zeit wünschen ..."

Der junge Mann richtete sich steif empor.

"Ich bitte, Herr Marquis!"

"Also heute, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Ihre Waffen?"

"natürlich Pistolen, ich verstehe mich nur wenig auf Ihre Degen."

"Ich werde die Ehre haben, mit Ihrem Secundanten das Weitere zu ordnen. Wollen Sie mir Ihre Befehle deshalb erteilen?"

"Sie sind sehr freundlich, Herr Marquis. Graf W a s s i l k o w i t s c h hat in Erwartung eines solchen Besuchs meine Vertretung bereits übernommen und wird die Ehre haben, Sie in seiner wohnung zu empfangen."

"So bleibt mir nur noch, mich Ihnen zu empfehlen, Durchlaucht. Leben Sie wohl; ich bedaure, diesmal sagen zu müssen, à revoir!"

Der Fürst zwang sich, zu lachen.

"Unter Freunden, Marquis, sollte man sich dergleichen Bedauern eigentlich übel nehmen. Wollen Sie nicht eine Cigarre? – Sie wissen, ich führe echte Manilla."

Der Marquis nahm die gebotene Cigarre und steckte sie in Brand, Fürst Iwan folgte seinem Beispiele und geleitete ihn nach einigen gleichgültig geplauderten Worten bis in's Vorzimmer. Als er hierauf rasch in sein Kabinet zurückgekehrt war und Wassili ihm wenige Augenblicke nachher folgen wollte, fand er in der Mitte des Zimmers die Fürstin, bleich, die Hand auf das klopfende Herz gedrückt. Sie hob den Finger drohend in die Höhe.

"Bei Deinem Leben, Wassili, keinen laut, dass Du mich hier gesehen!"

Damit verschwand sie.

kapitän Méricourt bewohnte den Garten-Pavillon hinter dem haus seines Schwagers in der Rue Avenue de Bourdonnaye, wenn er sich in Paris aufhielt. Ein Vorzimmer, ein kleiner Salon, mit Waffen aller Art und Jagdtrophäen, darunter mehreren riesigen Löwenhäuten, geschmückt, und zwei Kabinets nebst einem Gemache für den arabischen und französischen Diener des Vicomte, bildeten das Gelass dieses Hauses, in dessen unmittelbarer Nähe eine Gartenpforte durch die Mauer nach einer kleinen Seitenstrasse führte und so den Bewohnern des Pavillons den ungenirten Ein- und Ausgang gewährte.

Es war kaum eine Stunde nach dem obigen Rencontre, als ein Fiaker in der Seitenstrasse vor dem Zugang des Gartens hielt und zwei tief verschleierte Frauen ausstiegen. Die Eine von ihnen läutete auf das Zeichen der Andern die Glocke und nach kurzem Harren öffnete M u l e i , der junge arabische Diener des Capitains, die Pforte. Als er zwei Frauen vor sich sah, verneigte er sich nach maurischer Sitte und nötigte sie, einzutreten.

"Ist kapitän de Méricourt zu sprechen?" fragte die Zweite der Verschleierten, anscheinend die Gebieterin.

"Der Bei befindet sich in seinem Zimmer, Herrin. Wen befiehlst Du, dass ich ihm verkünden soll?"

"Sage Deinem Herrn," erwiderte die Verschleierte, "dass eine Dame ihn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte, die keinen Aufschub gestattet. Ich würde ihm nur wenige Minuten rauben."

Der Maure verneigte sich nochmals mit über die Brust gekreuzten Händen und bat die Frauen, ihm in das Vorzimmer zu folgen. Dann verschwand er hinter dem schweren persischen Teppich, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück und nötigte die Fremden in den Salon. Beide traten ein.

Das Gemach bildete ein nur mittelgrosses Achteck und empfing sein Licht von der Kuppel, von der ein schöner Bronceleuchter herabhing. Löwen- und Panterfelle bildeten die Teppiche vor den orientalischen Divans, welche die vier Seitenwände einnahmen, die nicht durch Türen unterbrochen waren. Prächtige orientalische Waffen, von der langen Luntenflinte des Arabers bis zum kostbaren Handjar von tunesischem Stahl, die Keule des Ashanten und der lange Bogen der Dayaks, mit dem wallenden Burnus und dem verschlungenen Turban des Kabylen, Antilopenhörner und Büsche von Straussfedern, die Schädelketten der Bewohner von Bornu mit mächtigen Elephantenzähnen, dazwischen Gruppen prachtvoller moderner und antiker europäischer Waffen, türkische Sättel und Zaumzeug mit prächtigen Teppichen und zahllosen fremdländischen Gerätschaften bildeten in einzelnen Gruppen-Decorationen an den Wänden den eigentümlichen Schmuck des Gemachs. Auf den Tischen zur Seite standen und lagen zwischen Schaalen und tunesischen Kunsterzeugnissen türkische Pfeifen, Schibuks und Nargilehs in buntem Gemisch.

Nach wenigen Augenblicken trat der kapitän aus dem Nebengemach ein.