Schlinge stecken? Diese Teufel von Türken haben keine Eingeweide; sie schneiden einem Christen den Kopf ab und stellen ihn zwischen seine Beine, ehe er ein Kreuz schlagen kann, wenn es ihre Weiber gilt. Ueberdies ist für Sie der Boden von Constantinopel doppelt gefährlich, wenn Ihr Name entdeckt würde, und ich traue meinen eigenen Leuten nicht mehr."
"Wie meinen Sie dies?"
"Lesen Sie. Ihr Bruder, der Capitano Caraiskakis, hat die Fahne des Kreuzes in Tessalien erhoben, und die Griechen strömen von allen Seiten ihm zu. Mögen die Heiligen ihnen besseres Gelingen geben, als uns hier!" Der Fanariot warf ihm eine Nummer der Elpis und eine Proclamation in griechischer Sprache zu, wie in diesem Augenblick Tausende als Flugblätter durch Griechenlanb und das südliche Rumelien, selbst nach Constantinopel hin verbreitet wurden. "Ich habe Beides so eben durch einen Bundesbruder erhalten."
Gregor sprang empor; alle Schwäche, alle Gedanken an seine eigenen Verhältnisse waren verschwunden, als er den berühmten Aufruf seines kühnen und tapferen Bruders in der Hand hielt. Derselbe lautete:
"A n d i e g e k n e c h t e t e n G r i e c h e n v o n
Tessalien, Macedonien, Tracien
und Epirus, Klein-Asien, Candia
und allen Inseln des
Archipelagus.
Brüder und Landsleute! Zu den Waffen, zu den Waffen! Seit vier Jahrhunderten seufzt Ihr unter türkischem Joch. Die glückliche Stunde ist gekommen. Erhebt Euch und verliert keine Zeit; der Halbmond verschwinde vor dem Kreuz! Eure Sache ist eine heilige, und der Allmächtige wird Euch beistehen. Denkt an den Ruhm Eurer edlen Ahnen und errötet über Eure Entwürdigung. Fürchtet nicht die Blutunde des Sultans, noch seine glaubensabtrünnigen Freunde; es sind wilde, aber feige Horden, die Ihr schnell besiegen und zerstreuen werdet. Erhebt Euch, kämpft und lasst Euer Schwert nicht einen Augenblick rasten, bis Ihr es dem letzten Moslem in's Herz gestossen! Nieder mit den Barbaren, den Plünderern Eures ruhmvollen und klassischen Vaterlandes, den Mördern Eurer Brüder von Scios und Kydonia. Eure nordischen Glaubensbrüder vergiessen ihr Blut an den Ufern der Donau für Eure Sache. Seid ihnen und ihrem edlen Kaiser dankbar, aber lasst sie nicht allein vollbringen, was zu leisten Eure Pflicht ist. Bald wird jener mächtige Strom die gänzliche Vernichtung der Türkenschaaren sehen. Euer Kriegsgeschrei sei 'religiöse Unabhängigkeit!' und Ihr werdet gewiss die barbarischen Moslems überwinden. Traut den Franken nicht und hofft Nichts von ihnen für Eure Freiheit; sie sind Eure bittersten Feinde und die Freunde Eurer Unterdrücker. Erinnert Euch, dass die Engländer Parga an die Türken verkauften. Bedenkt, dass die Kanonen der Engländer wegen des verächtlichen Juden Pacifico die Häuser Eurer Landsleute im befreiten Griechenland bedrohten. Und noch schlechter als die Engländer sind die lateinischen Franzosen. Verachtet sie Alle – zielt wohl auf den Feind! Gott ist mit Euch, und bald werdet Ihr frei sein!
A t h e n , den 10. (22.) November.
A n a s t a s i u s C a r a i s k a k i s ."
"O, dass ich bei ihm sein könnte, dass wir Schulter an Schulter unser Blut für die Befreiung des Vaterlandes einsetzen dürften!" "Seine Kampfstätte ist am Pindos – die Ihre am Balkan. Dortin ruft Sie das Vaterland." "Treffen Sie Ihre Anstalten," sagte mit stolzer Fassung der Sciote, "s e i n Ruf wird mich immer bereit finden!"
Im Schatten der nächsten Nacht verliess zum zweiten Male mit Geurgios und Vaso Gregor Caraiskakis die Hauptstadt des türkischen Reichs auf dem Wege zur Donau.
Fussnoten
1 Ein anderer Selim als der Kommandant der Arnauten bei Rustschuck. Die türkischen Namen wiederholen sich sehr oft. 2 Seid willkommen. 3 Die künstige Sultanin Valide, die erste Gemahlin des Sultans durch die Geburt des Tronerben. 4 Die Brandenburger – die preussischen Instruktoren. 5 Zwischen 10 und 11 Uhr. 6 Matrosen. 7 Schurke. 8 Moschee des Sultans Achmet. 9 Die Schiffswachen sind in je vier Stunden eingeteilt.
An der Donau.
1. Die Führer.
Es war in den ersten Tagen des Januar 1854 und die Wintersonne schien glänzend und heiter auf das prächtige Schauspiel, das sich an beiden Ufern der Donau bei Widdin, dem Viminacium der Römer, entwickelt hatte. Unterhalb der Stadt, die mit ihren 25 Minarets von alten Festungswerken umgeben sich dicht am Fluss dahinstreckt und auf der weiten bulgarischen Ebene, – nur rechts durch die WradamnitzaGebirge begränzt und links in weiter Ferne durch die dunklen massen des Balkan, – einen freundlichen Ruhepunkt bildet für den blick, führte eine Schiffbrücke zu der hochgelegenen Smurda-Insel, die jetzt von Batterieen starrte. Darüber hinaus, über den etwa 300 Schritt breiten, von einer leichten, aber nicht tragfähigen Eisdecke bedeckten linken Arm des mächtigen Stromes, verlängerte sich die brücke bis zum hoch emporsteigenden Ufer von K a l a f a t , das gegenwärtig die stärkste Stellung der türkischen Armee bildete und den Russen den Weg nach Serbien sperrte.
Wir haben bereits erwähnt, dass die Russen einen grossen strategischen Fehler begingen, als sie den Uebergang der Türken bei Widdin und ihre Festsetzung in Kalafat so leichtin duldeten. Der Fehler rächte sich schwer; denn ihm hauptsächlich ist es zuzuschreiben, dass die russischen Streitkräfte während des ganzen Winters und Frühjahrs ihr Augenmerk auf die Sicherung der kleinen Walachei gerichtet