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Fanariot Verborgenheit anbefohlen, denn in Constantinopel hatten die Nacht und der nächste Tag eine neue Wendung der Dinge gebracht.

Während im Fanar die Feuersbrunst, – wie es hiess, vom Blitzstrahl entzündet, – in die Wolken flammte und an 200 Gebäude verzehrte, hatte sich der Strom der fanatisirten Moslems, an der Spitze die Softa's und Ulema's, nach dem Platz der Hohen Pforte gewendet und umgab drohend und tobend beim Schein der fackeln und dem Unwetter trotzend den Palast, die Auslieferung Reschid-Pascha's fordernd.

Aber Reschib hatte sich bei dem ersten Anzeichen des Sturmes nach Tschiragan geflüchtet, wohin ihm der Grosswessir folgte. Vergeblich erwarteten die hohen Würdenträger hier die Demonstration der Griechen; statt deren brachte jeder Augenblick Nachrichten von dem Triumph ihrer Gegner und der Aufregung unter der türkischen Bevölkerung Stambuls.

Am Morgen erliess der Grosswessir den Befehl, dass alle Moscheen, die Hauptversammlungsorte des Aufstandes, an denen die Softa's fortwährend das Volk bearbeiteten, geschlossen werden sollten. Dem Befehl wurde entsprochen, aber die Masse versammelte sich jetzt auf den öffentlichen Plätzen und nahm eine noch drohendere Haltung an.

Jetzt erhielten die Garden den Befehl, einzuschreiten und mit Gewalt den Aufruhr zu unterdrücken, der bereits so ausgedehnt war, dass Lord Redcliffe eine Proclamation an die britischen Untertanen zur Beruhigung erlassen musste, worin er Aufnahme und Schutz auf den britischen Schiffen verhiess.

Die Garden rückten von ihren Kasernen zwar aus und besetzten das Serail die Pforte und die Suleimanje, wo die Schätze der ganzen Nation gleich wie in einem grossen Pfandhause in Koffern aufbewahrt werden, a b e r s i e w e i g e r t e n s i c h , d a s V o l k a n z u g r e i f e n , ohne Befehl Ruschdi-Pascha's, ihres bisherigen Kommandanten.

Ruschdi-Pascha aber befand sich im Seraskiat, wohin Mehemed einen Ministerrat berufen, um scheinbar über die drohende Gefahr zu verhandeln, ohne dass der Grosswessir oder Reschid hier zu erscheinen wagten.

An verschiedenen Stellen, wo das Volk versammelt war, begannen die Softa's während des Tages bereits ganz offen die Tronerhebung Abdul-Aziz's zu proklamiren. Die griechische Bevölkerungfeig und unentschlossenwagte sich nicht mehr zu rühren, – sie zitterte seit den Vorgängen des letzten Abends für ihr Leben und ihre Habe.

Die Regierung befand sich buchstäblich am Morgen des 22. nur noch im Seraskiat und in den Händen Mehemed Ali's.

Bei dem schwachen und ängstlichen Charakter des Sultans fühlte die Friedenspartei, dass in dein gegenwärtigen Augenblick Nichts zu machen und ein Nachgeben nötig sei, um nicht allen Einfluss zu verlieren. Chosrew-Pascha selbst riet dazu, und als daher am Vormittag Adilé, die Schwester des Grossherrn, nach Tschiragan kam, fanden ihre Worte beim Sultan ein williges Gehör.

Am Mittag hatten Lord Redcliffe und General d'Hilliers eine längere Audienz bei dem Sultan, in welcher sie ihm zeigten, dass nur ein unbedingtes Eingehen auf die Intentionen Frankreichs und Englands die Türkei und seinen Tron zu sichern vermöchte. Eine Stunde darauf erschien der Seraskier im Palast, seiner Sache so sicher, dass er ohne alle Begleitung kam, und als er nach einer längeren Unterredung sich entfernte, geschah es mit dem Schritt eines Triumphators.

Er vergass, dass in dem Herzen eines Orientalen das Gefühl einer Beleidigung nie stirbt und unter der trügerischen Blumendecke der Freundschaft und Versöhnung die Schlange des Hasses ruhig lauert, bis sie ihren Giftzahn in das Opfer schlagen kann.

Der Padischah war gedemütigt, – der Padischah wartete seiner Seit.

Noch an demselben Tage hatte Reschid-Pascha vom Bord der "Queen" aus, an den er sich geflüchtet, seine Entlassung eingereicht, aber der Sultan dieselbe auf den Rat des englischen Gesandten nicht angenommen. Dagegen durfte der Seraskier unbehindert eine scharfe Verfolgung aller Russenfreunde beginnen und eine Menge Führer der Griechenpartei wurden eingekerkert.

Dies waren die Nachrichten, die am Abend vorher Geurgios, der sich gleichfalls von seinem haus entfernt hielt, dem Griechen gebracht hatte. –

Auf seine fragen an Vaso hörte Caraiskakis, dass der Freund heute noch nicht in Ejoub gewesen. Als dieser endlich kam, erkannte er leicht, dass die Neuigkeiten, die er brachte, noch schlimmer als die früheren waren.

"Es freut mich, Sie so weit wieder hergestellt zu sehen," sagte der Fanariot, "denn es wird gut sein, wenn wir noch diese Nacht Constantinopel für einige Zeit verlassen. Der Baron ist auf Betrieb der englischen Gesandtschaft von der türkischen Polizei als russischer Agent verhaftet und hat mir selbst diesen Wink gegeben. Mehemed Ali, um seinen Frieden mit dem Padischah zu machen, hat nach türkischer Weise verräterisch an den eigenen Werkzeugen seiner Intrigue gehandelt und an 400 Softa's aufgreifen lassen, um sie als Rebellen auf die Galeeren nach Creta zu schicken. Der Todfeind unseres Glaubens unterhandelt bereits mit den beiden Gesandten wegen der Einschiffung eines Hilfscorps."

"Aber der Baronsollen wir ihn feig im Stich lassen?" fragte der Grieche.

"Signor Oelsnero," lachte der Fanariot, "hat der Mittel zu seiner Sicherheit mehr in Händen, als wir, und wird sich schon zu befreien wissen. Wir werden ihm am Balkan bessere Dienste leisten, als hier."

"Und das MädchenNausikadie Odaliske?"

"Bei sankt Demeter, was kümmert sie uns? Wollen wir eines Weibes wegen den Kopf in die