n n u s c h k a , dem russischen Kammermädchen der Fürstin. Beide Geschwister, der Bruder um fünf, die Schwester um drei Jahre älter als das Zwillingspaar, das mit ihnen die Milch derselben Mutter getrunken, ein in Russland noch überaus heilig gehaltenes Band, hatten demselben von Jugend auf gedient und dadurch eine entsprechende Erziehung genossen. Mit der aufopferndsten Treue hingen die Beiden an den fürstlichen Geschwistern.
Wassili, der Leibeigene, war ein hochgewachsener
kräftiger Mann, wie sie das Innere von Russland so häufig hervorbringt. In seinem markigen festen Gesicht spiegelte sich Zuverlässigkeit und entschlossene Hingebung. Hinter der Fürstin, ihm gegenüber, stand seine Schwester, hübsch und blauäugig, die langen blonden Zöpfe um den Kopf gewickelt, indem sie ihn mit lebhaften Geberden zur Rede antrieb, die er nur unwillig zu stehen schien.
"Also Dein Herr ist die ganze Nacht nicht zu Bett gewesen?"
"Nein, Mütterchen."
"Und was hat er getan während der Zeit?"
"Ich weiss es nicht, Mütterchen."
"Glaube ihm nicht, dem schlechten Menschen, Durchlaucht," mengte sich Annuschka in das Gespräch. "Er wäre ein schlechter Diener, und das ist Wassili nicht, wenn er sähe, dass sein Herr unruhig, und seine Augen hätten ihn nicht auf jedem Schritt verfolgt. Er will nicht sprechen, Durchlaucht, er hat mich schon früher gescholten, wenn ich ihn in Deinem Auftrage fragte, und meint, das hiesse seinen Herrn verraten."
Wassili schoss einen ärgerlichen blick auf die Schwester, schwieg aber verstockt. Die Fürstin richtete sich auf.
"Höre, Wassili," sagte sie ernst, "ich würde nicht in meines Bruders Geheimnisse zu dringen suchen, wenn es nicht sein eigenes Wohl gälte. Es ist Wichtiges vorgefallen, Du musst mir Rede stehen und darfst bei allen Heiligen nicht das Geringste verheimlichen. Ich befehle Dir also, ich, Deine Herrin, mir zu sagen, was Iwan bis zum Morgen getan hat."
"Er hat mich zu Bett geschickt."
"Aber Du hast gelauscht?"
Wassili kraute sich verlegen in den dichten Haaren.
"Er schrieb, Mütterchen," sagte er endlich, "der Herr hat viel geschrieben."
"Und dann?"
"Dann ist er unruhig umhergegangen und ..." Er zögerte.
"Wirst Du reden, Wassili!" fuhr ihn die Schwester an; "siehst Du nicht, wie Du die Herrin bekümmerst?"
"Ja, Annuschka," sagte ausweichend der Russe, "ich kann doch bei meinem Schutzheiligen nicht dafür, dass der Fürst seine Pistolen aus dem Schrank genommen hat. Ich versichere Dich, er schloss sie richtig in seinen Schreibtisch ein, nachdem er sie lange betrachtet hatte."
Die Fürstin winkte mit der Hand.
"Genug, genug! – Ist der Fürst jetzt allein?"
"Er war es, Mütterchen, aber – –"
"Was?"
"Ich sollte sagen, er schlafe noch, wenn Du nach ihm fragst, und dann, er sei ausgegangen."
"Hat er Dir sonst einen Befehl gegeben?"
"Ja, Mütterchen. Der Herr erwartet Besuch, und ich soll ihn sogleich in das Zimmer führen, wo die vielen Bücher stehen."
Die Fürstin erhob sich.
"Geh' auf Deinen Posten, Wassili, und achte sorgfältig auf Alles, was geschieht und wer aus- und eingeht bei meinem Bruder. Ich lade die Schuld auf Dein Haupt, wenn das Geringste vorgeht, das ich nicht sofort erfahre."
Sie warf einen leichten Mantel um die Schultern, während Wassili, von der Schwester zur Tür gewinkt, mit dem demütigen, aber in seiner Einfachheit schönen Gruss der niederen Russen verschwand. Dann verliess sie durch eine andere Tür das Zimmer.
Die Fürstin nahm ihren Weg zu den Gemächern ihres Bruders, die, durch den gemeinschaftlichen Salon und die Nebenzimmer von den ihren getrennt, nach dem Garten hinauslagen. Eine kleine Tapetentür, welche direkt in das Toilettzimmer des Fürsten führte und zur Unterhaltung des unbelästigten Verkehrs zwischen Bruder und Schwester bisher gedient hatte, fand Iwanowna jetzt von Innen verschlossen. Im Begriff, auf einem anderen Wege durch das eben von Wassili bezeichnete Zimmer zu gehen, hörte sie fremde Stimmen von Aussen und sprang rasch hinter die Portiere eines angrenzenden Kabinets, deren Schnuren sie löste.
Die Falten bewegten sich noch, als Wassili mit einem Herrn eintrat. Die Fürstin erkannte durch die Oeffnung des Vorhanges den Marquis de Sazé, was ihre Befürchtungen bestätigte und sie ihren Platz behaupten liess.
Wassili ging, den Besuch zu melden, und augenblicklich erschien der Fürst und nötigte seinen Gast, Platz zu nehmen. Er sah überwacht und blass aus, beherrschte aber vollkommen seine Mienen.
"Sie werden erraten, Durchlaucht," eröffnete der Marquis die Unterhaltung, sobald der Diener sich entfernt hatte, "in welcher unangenehmen Angelegenheit ich Ihnen so zeitig meinen Besuch aufdränge. Diese Zeilen des Herrn kapitän de Méricourt erteilen mir unbeschränkte Vollmacht."
Der Fürst lehnte mit einer Handbewegung höflich die Durchsicht ab und verbeugte sich zustimmend.
"Ich muss Ihnen gestehen, Fürst," fuhr de Sazé fort, "ich begreife eigentlich das Vorgefallene nicht, und mein Freund, der Vicomte, eben so wenig. Wollen Sie sich herablassen, uns einige Erläuterungen zu geben, so wird sich das Missverständniss gewiss aufklären, und Sie werden als Mann von Ehre nicht anstehen, meinem Freunde in