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Ahnung seines Schicksals hatte, plötzlich aus seinem stillen Leben und von seinem kleinen Eigentum in Anatolien gerissen, als er eben im Begriff war, ein geliebtes Mädchen zu heiraten. Mit Erstaunen über die seltsamen Fügungen des Schicksals entnahm Caraiskakis aus der Erzählung, dass der arme Soldat Vaso, der erwählte Eidam seines treuen Freundes und Schützers Jani's des Wegweisers, der Bräutigam Nausika's war, der von der Willkür des Musselim von Tschardak unter die Redifs gesteckt und später zum Schiffssoldaten gemacht worden war. Einige fragen gaben ihm die volle Gewissheit und der junge Mann umfasste weinend seine Kniee, als er hörte, dass d e r Mann, dem er in seiner Gefangenschaft freundliches Wohlwollen bewiesen, ein Freund seines Schwiegervaters war und bereits sein Unglück kannte. Die Teilnahme Gregor's war durch diese Entdeckung natürlich verdoppelt und er versprach dem Soldaten, ihm auf alle Weise zu seiner Flucht behilflich zu sein. Da er es für das Beste hielt, ihm Nichts von dem Geschehenen zu verschweigen, entüllte er dem Unglücklichen nach und nach auf seine stürmischen fragen das ganze Unheil, das die Familie seit der Zeit ihrer gewaltsamen Trennung betroffen hatte. Die Augen des jungen Anatoliers funkelten vor Schmerz und Rachedurst, als er vernahm, dass seine Braut mit Gewalt hinweggerissen und ihr Schicksal unbekannt war, dass Janos ihre und seine Schmach blutig an dem Musselim gerächt und eben so blutig geendet hatte, und ein gewisser Stolz kam ihm bei seinem Leid zu Hilfe in dem Gedanken, dass der berühmte Räuber, von dem er so viel gehört, ohne zu wissen, dass er ihm so nahe stand, der Mann war, der ihn zum Eidam gewählt hatte.

Caraiskakis überliess den Flüchtling seinem Schmerz und als er sich mit der Leidenschaftlichkeit seines Volkes ausgeklagt, suchte er ihn zu beruhigen und versprach ihm, dass er bei ihm bleiben und ihn in einigen Tagen begleiten solle auf dem Wege nach Norden.

Als der Baron zurückkehrte, wurden rasch einige andere Kleider für den Burschen herbeigeschafft, und da bereits Nachricht eingegangen war, dass die Griechen sich auf dem Okmeidan versammelten, begaben sich alle drei dortin.

Gregor's Seele hatte keine Ahnung, dass die schöne Odaliske, in deren Arm er die Nacht geruht, die geraubte Braut seines neuen Schützlings, die Tochter Jani's war, von der jede Spur verloren gegangen schien. –

Wir haben jetzt die einzelnen Vorgänge des Tages nachgeholt und nehmen die Erzählung bei dem zug vom Okmeidan wieder auf.

Es war jetzt Abends um die achte Stunde und die Nacht zu dieser Jahreszeit bereits eingetreten. Die Blitze zuckten am Horizont und der ferne Donner grollte über die Marmora, der heftige sturmartige Wind aber jagte die Wellen in's Horn und peitschte die Fahnen des langen Zuges, welcher vom Pfeilplatz aus sich durch Cassim-Pascha und hinter den grossen Begräbnissplätzen fort nach der Strasse wenden sollte, die zum Ufer von Tschiragan hinunter führt.

Die natur selbst schien sich gegen die Demonstration der Griechen verschworen zu haben, und von verschiedenen Seiten war bereits der Vorschlag gemacht worden, den Zug auf den andern Morgen zu verschieben. Ueberall sah man angsterfüllte Gesichter, als die Kunde sich verbreitet hatte, dass auch die Türken in der Sophia, in der Achmetje und Mahmudje sich versammelt hatten und die Fortsetzung des Krieges erzwingen wollten. Viele schon hatten sich rechts und links in die dunklen Seitengassen verloren und nur mit Mühe noch gelang es den Führern, den Zug zusammenzuhalten und vorwärts zu bringen, denn sie begriffen sehr wohl, dass, wenn erst ein Mal die Demonstration heute aufgegeben worden, schwerlich Aussicht vorhanden war, so bald wieder die feige und uneinige Bevölkerung zusammenbringen zu können.

Dennoch sollten alle Bemühungen fruchtlos sein. Als die Spitze der Colonne zu der Höhe von CassimPascha in der Nähe der Artillerie-Kaserne, von wo ein freier blick durch die Berghänge sich nach dem gegenüberliegenden Stambul öffnet, emporgestiegen war, brach auf ein Mal ein wilder Schrei des Schrekkens aus hundert Kehlen und verbreitete sich durch die lang dahin gedehnte Volksmasse. Vom Feuerturm des Seraskiats erglänzte nämlich das rote, eine Feuersbrunst verkündende Licht und deutlich konnte man von der Höhe des berges schauen, wie in dem Griechen-Quartier, in der Nähe der Karagumruk-Moschee, deren schlanke Minarets deutlich im Flammenschein sichtbar waren, eine Feuerlohe in die Höhe stieg.

Noch ehe die Erschreckten einen Entschluss gefasst, loderte eine zweite Feuersbrunst am Tor von Edrene in den finstern Nachtimmel empor und das eilig heraufziehende Gewitter tobte mit langen Blitzstrahlen dazwischen.

Die Verwirrung, der Schrecken waren unbeschreiblich. An und für sich sind die Orientalen gegen die grossartigen Kraftäusserungen der natur, wie sehr sie auch daran gewöhnt sein sollten, sehr empfindlich. Der Glaube aber, dass ihre ewigen Feinde, die Moslems, die gelegenheit der Abwesenheit so vieler Männer benutzen und, vom Fanatismus entflammt, mit Feuer und Handjar in ihre Quartiere einbrechen würden, verdoppelte diese Schrecknisse für die Griechen. Im Nu war der ganze Zug aufgelöst, die Fahnen und Laternen wurden fortgeworfen, und die ganze, noch immer mehrere Tausende betragende Menschenmasse stürzte sich in die engen Gassen, die hinunter zum Horn oder in die diesseitigen Griechen-Quartiere führen, schreiend, zeterndin unbeschreiblicher Verwirrung, Kinder und Frauen zu Boden tretend, – ein Alles vor sich niederwerfender Sturm. Zum Glück teilte sich bald dieser Strom nach den beiden Schiffsbrücken am Arsenal und den Stadtmauern, und Hunderte von Kaïks kreuzten in kurzer Zeit trotz des Sturmes und der hochgehenden Wellen das Horn.

Aber es