ihr wenig, denn von dem freien und genussreichen Leben der fränkischen Frauen haben die orientalischen Weiber einen ausschweifenden Begriff und sind daher auch stets geneigt, gerade mit Fremden ein Liebesverhältniss anzuknüpfen.
Von Geurgios hatte sie erfahren, dass ihr neuer Beschützer vor dem späten Abend nicht zurückkehren werde, und die Langeweile und das Bedürfniss der Zerstreuung trieb sie daher an die Jalousieen, die nach dem Horn und nach einer einsamen von Mauern gebildeten Gasse zeigten. Hier hatte sie schon am Vormittag die umherstreifenden englischen Midshipmans bemerkt, und als sie am Mittag auf's Neue Frank gewahrte, konnte sie die Eitelkeit und Lust der Intrigue nicht unterdrücken und zeigte sich ihm an den geöffneten Jalousieen.
Der junge Mann blieb, entzückt von so viel Reizen und seinem Glück, stehen.
"Schöne Dame," sagte er galant und mit allem Aufwand orientalischer Poesie, dessen er fähig war, "der Strahl der Sonne ist Nichts im Vergleich mit Euren glänzenden Augen, Eure Lippen sind wie aufgeblühte Rosen und ich bringe Euch meine Huldigung über solche vollendete Schönheit."
Das Mädchen lachte, obschon sie von der unsinnigen Begrüssung Nichts verstanden hatte. Sie machte ihm durch Zeichen deutlich, dass sie von seinem Englisch Nichts begriffe und fragte in der lingua franca, ob er diese oder griechisch verstehe.
Der wackere Frank war in Letzterem freilich nicht bewandert, aber da er ein Jahr lang auf der Station in Malta zugebracht, kannte er genug von der Sprachenmelange, die man mit der erstern Benennung beehrt, und vom Italienischen, um sich verständlich zu machen, und so wiederholte er sein Compliment in der angedeuteten Mundart, wenn auch nicht ganz so zierlich.
"Wer bist Du?" fragte die Odaliske.
"Der Teufel soll den Tiger holen, das alte Rattennest!" sagte Frank wohlgefällig, "wenn ich nicht einer seiner Offiziere bin. Jedenfalls aber, schöne Dame, bin ich ein britischer Gentleman."
"Bist Du reich?" lautete die weitere Frage.
Der Midshipman fand sich durch den Zweifel gekränkt und um den britischen Ruf zu bewahren, griff er in die tasche und konnte, da die Güte seines Bruders ihn noch am Tage vorher reichlich versehen, eine stattliche Hand von Souverain's und Kronenstücken der Schönen produziren.
"Wenn Du ein Franke bist und reich und ein Offizier," sagte mit einem überaus zärtlichen Blicke die Kokette, "so möchte ich wohl mit Dir entfliehen. Du würdest mich beschützen, nicht wahr?"
"Potz Haifisch," murmelte der junge Mann, "das geht rasch hier zu land! – Wer bist Du denn eigentlich, schöne Dame?" fragte er.
"Ich heisse Nausika und bin eine Obaliske des Grossherrn," erzählte die leichtsinnige Schöne. "Aber ich bin hier eine Gefangene und wer weiss, welches Leid mir noch geschieht. Wenn Du mich retten willst, werde ich Dein Glück machen. Du gefällst mir – und ich habe immer gehört, dass die Inglis Alles in diesem land tun dürfen, was selbst die Türken nicht wagen."
Eine Odaliske des Grossherrn! – Der Gedanke verwirrte vollends das ohnehin von abenteuerlichen Bildern und Unfug strotzende Gehirn des Mid's und er beschloss auf alle Gefahr hin, den Ritter bei der Schönen zu spielen.
"Wenn Du mich lieben kannst, reizende Sultana," sagte er emphatisch, "so will ich gekielholt werden, wenn ich nicht Blut und Leben für Deine Befreiung d'ran setze. Sage mir nur, wie es zu machen ist, denn der Teufel soll mich holen, wenn ich es weiss!"
Nausika, die an der Bekanntschaft grossen Gefallen fand und, ihrer Reize gewiss, über ihre Zukunft wenig Besorgniss hegte, war mit den Vorschlägen gleich bei der Hand.
"Kannst, Du des Abends, im Dunkel um die dritte Stunde, wieder unter meinem Fenster sein, schöner Offizier?"
Der Midshipman schnitt ein Gesicht; er wusste nur zu gut, dass auf rechtem Wege das nicht möglich war, denn die aufgetragene Arbeit am Werft war bald getan und er musste mit den Booten an Bord zurück; die Benennung "schöner Offizier" aber war zu unwiderstehlich, und da ein Mid selten um eine Lüge oder um eine Prahlerei verlegen ist, bejahte er dreist die Frage und verständigte sich dann mit der Schönen über den Unterschied der Schiffsglocken9 und der griechischen Zeitrechnung.
"Ich werde an diesem Fenster ein Tuch heraushängen, wenn ich allein bin. Dann gieb mir ein Zeichen, indem Du drei Mal in die hände klatschest und ich werde die Jalousieen öffnen. Hast Du ein Mittel, mir heraus zu helfen?"
"Zum Henker," sagte Frank, "wofür gäb' es denn Strickleitern in der Welt?"
"Gut. Geh' jetzt, damit wir nicht Verdacht erregen. Lebe wohl, schöner Franke, ich zähle auf Dich!"
"Gott verdamm' meine Augen!" schwor der würdige Midshipman auf Englisch, indem er die Hand beteuernd auf's Herz legte, – "heute Abend bin ich zur Stelle und entführe Euch, holde Miss!" –
"Den Teufel, werdet Ihr tun!" sagte eine grobe stimme neben ihm. "Mid's Schwüre sind keinen Penny wert und Ihr tätet besser, Master Frank, Ihr machtet Euch zu den Booten, um die Rechnung abzuschliessen, statt hier dem ungläubigen Weibsvolk nachzuspüren."
Mit einem leichten, Schrei flog die schöne Odaliske vom Fenster und schlug die Jalousieen