1855_Goedsche_156_355.txt

über den Köpfen der Menge. Der Ruf nach Krieg mit den Dschaur's, nach Entfaltung der Fahne von Mekka, nach Absetzung des Sultans, scholl aus hundert Kehlen, und die Menge heulte es nach und der Name Abdul-Azig, als des neuen Padischah's, klang trotz der Beteuerungen der Minister gehen Master Alison schon tausendfach in die drohende Gewitternacht. – –

Vor Tophana lagen zwei Schiffe der vereinigten Flotten, die "Queen" von 120 Kanonen und der Zweidecker "London", ihre gähnenden Breitseiten gegen die Stadt gerichtet. In den Decks von Tershana lag ausser einer preussischen Corvette, die durch einen unglücklichen Zusammenstoss im Bosporus beschädigt worden, die englische Fregatte "Tiger" zur Reparatur. Sie war bei der Einfahrt in's Marmorameer auf einen verborgenen Fels geraten und hatte ein starkes Leck erhalten. Eine Menge Offiziere und Matrosen des bei Beikos und Bujukdere ankernden Geschwaders befanden sich ausserdem auf Urlaub in Constantinopel.

Wir müssen zu einer kurzen Scene am Vormittag des Tages zurückkehren.

Die Fregatte Tiger hatte zwei Boote nach dem Ufer der Fanariotenstadt gesandt, um aus einem der griechischen Magazine, die sich dort befinden, Schiffsvorräte in Empfang zu nehmen. Während der Dekkmeister Adams mit den Matrosen die Gegenstände abnahm und verlud, trieben sich die beiden den Booten beigegebenen Midshipman, Frank Maubridge und Gosset, in der Umgebung der Magazine umher, oder streiften neugierig durch die Gassen, das ihnen neue Leben und Treiben beschauend. Von Zeit zu Zeit musste freilich einer von ihnen zum Magazin, wenn der alte Deckmeister eine Ladung zu Schiffe brachte, um während der Zeit die Aufsicht über Mannschaft und Vorräte zu halten, im Ganzen aber waren sie bei dem Willen, den der alte Adams ihnen tat, ziemlich frei, wie sich Midshipman immer zu machen wissen, und der Kaufherr, welchem die Magazine gehörten, bewirtete sie mit der seiner Nation eigentümlichen Geschmeidigkeit reichlich.

Eben war die Reihe, umherzustreifen, an Frankeinem hochaufgeschossenen Burschen, der, obschon erst 17 Jahre, doch bereits durch das Seeleben ein männliches Aussehen hatte, während der kleine zu jeder Teufelei geneigte Gosset mit gekreuzten Beinen und einem seine doppelte Länge messenden Nargileh zwischen den Zähnen prahlerisch auf einem Teppich im Vorhause des Magazins sass und den unvermeidlichen Kaffee schlürfte. Frank Maubridge zog in der Nähe des Wassers umher durch die engen Strassen und kleinen bis an's Horn laufenden Höfe. Es war Mittagszeit und der Stadtteil bereits öde und verlassen, denn Alle, die nicht Geschäfte zurückhielten, zogen sich nach dem Okmeidan, und die Kaïks kreuzten mit Zuströmenden fortwährend über die Meeresfläche.

Ein griechisches Haus, grösser als die anderen und nahe dem wasser, war dem jungen mann schon am Morgen ausgefallen, Tür und Jalousieen waren verschlossen, aber als er aufmerksam umherspähte, um wo möglich Etwas von den interessanten Geheimnissen der Frauengemächer zu erlauschen, öffnete sich wirklich eine der Jalousieen und ein junges Weib in reicher Tracht von wunderbarer und verführerischer Schönheit schaute heraus, – Nausika, die Odaliske.

Während das schöne Mädchen am Morgen noch im träumenden Schlummer auf den Kissen ruhte, hatte Gregor Ccraiskakis sich erhoben, betäubt, unzufrieden mit sich selbst, und dennoch von Glück und Liebe berauscht, wenn sein blick auf die süsse Gestalt fiel, die an seinem Herzen geruht. Leise, ohne sie zu wecken, verliess er das Gemach und suchte seinen bereits in der Nacht zurückgekehrten Wirt auf, den er von den Anstrengungen des Tages und Abends gleichfalls noch in tiefem Schlaf fand. Als derselbe endlich erwachte, gab er ihm eine Botschaft des baron, der ihn eiligst zu sprechen wünschte, und brachte ihn selbst zu diesem, nachdem Gregor sein Aeusseres mit Hilfe des Wirts möglichst verändert und sich in den weiten schwarzen Talar eines Armeniers gesteckt hatte. Der geheime Agent freute sich aufrichtig des Wiedersehens und machte ihm alsbald eine genaue Mitteilung der Vorgänge und Aussichten. Er war bereits durch Geurgios von den Ereignissen bei der Flucht des Griechen von der türkischen Fregatte unterrichtet und seine Combination hatte ihm gezeigt, dass die Fremde die durch den Zorn des Sultans aus dem Harem entfernte Odaliske sein müsse, wenn er auch das Rätsel nicht lösen konnte, wie die Stummen des Kislar-Aga dazu gekommen waren, die offenbar dem tod Geweihte dem fremden Boote zu übergeben. Es war jedoch keine Zeit, sich jetzt mit der Lösung dieser Frage zu beschäftigen, und da es ihm wichtig schien, das Mädchen selbst zu sprechen und von ihr vielleicht über die Anschläge der Sultana weitere Auskunft zu erhalten, wurde beschlossen, dass sie vorläufig noch in dem haus des Fanarioten verborgen bleiben und erst später über ihr weiteres Schicksal entschieden werden solle.

Während Caraiskakis bei dem Baron blieb, ihn in seinen Anstalten zu unterstützen, kehrte Geurgios nach dem Fanar zurück und machte seiner schönen Gefangenen die Mitteilung, dass sie um ihrer Aller Sicherheit willen an ihrem jetzigen Zufluchtsorte still und einsam verborgen bleiben müsse. Er versorgte sie mit allen Bedürfnissen reichlich und schloss sie dann auf's Neue ein. Dem leichtsinnigen eitlen Mädchen, das die Todesangst des vorigen Abends längst überwunden, war die Gefangenschaft und Einsamkeit wenig willkommen, und je länger sie dauerte, um so drückender wurde sie ihr. Die Kenntniss des griechischen Lebens versprach ihr ohnehin wenig Genuss und Zerstreuung für die Zukunft, wenn sie eingesperrt blieb, und schon dachte sie daran, wie sie sich von diesen neuen Fesseln befreien könne. Dass ihr Retter und neuer Liebhaber ein Grieche und nicht ein Franke war, wie sie Anfangs gehofft hatte, behagte