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Dies war Nachmittags um fünf Uhr.

Eine Menge volkes hatte sich um den Palast der Hohen Pforte versammelt und wie ein Lauffeuer flog die Kunde durch die weite Stadt.

Die ausgestellten Boten brachten die Nachricht nach dem Okmeidan; sie war das Signal zur Demonstration. Fahnen mit den Inschriften: "Frieden mit Russland!" "Bürgerliche Rechte den Rajah's!" "Es lebe der Kaiser Nicolaus, unser Beschützer!" – bunte Laternen mit ähnlichen Devisen und Carricaturen auf die Westmächte tauchten überall wie durch Zauberei auf und Redner erhoben sich auf den Denksteinen umher und redeten das Volk an.

Der gang der Bewegung war offenbar genau vorher bestimmt. Die Menge, die sich aus den griechischen Quartieren hier versammelt hatte, belief sich auf mehr als zwanzigtausend Menschen und behauptete den Platz und seine Umgebungen trotz des stürmischen Wetters, das bereits den ganzen Tag über getobt hatte. Unter dem Grollen des Donners und dem Leuchten der Blitze, – eine in Constantinopel in dieser Jahreszeit nicht ungewöhnliche Erscheinung, – begann sich der Zug zu ordnen, der noch an demselben Abend seinen Weg nach Tschiragan nehmen und eine Bittschrift an den Sultan übergeben sollte.

In diesem Augenblick erst verbreitete sich die Nachricht von der Gegendemonstration, welche die türkische Bevölkerung auf der anderen Seite des Horns in Stambul vorbereitete, und erregte schon durch das Unbestimmte der Nachricht grossen Schrekken unter den Griechen.

Der Scheik ul Islam mit dem Kriegsminister und seinen Anhängern hatten sich, wie bereits erwähnt ist, in die Aia-Sophia begeben. Mehrere mit ihren Führern darin befindliche Christen, meist Offiziere, wurden höflich ersucht, dieselbe zu verlassen, und die Moschee ward hierauf abgesperrt. Zu gleicher Zeit versammelten sich die Softa's, die Studenten der türkischen Teologie und Rechtswissenschaft, deren Zahl in Constantinopel über Dreitausend beträgt, in der Moschee des Sultans Achmed am Hippodrom und das Volk füllte den ungeheuren Platz.

Einen dritten Heerd der Bewegung, – gefährlicher noch als die beiden genannten Orte, – bildete die Mahmudje, – die Moschee (Dschami) Sultan Mahmud II., des Eroberers von Constantinopel. Sie steht in der Nähe des Fanarioten-Quartiers, auf der Stelle, wo einst einer der schönsten Tempel des christlichen Byzanz prangte: die Kirche der heiligen Apostel. In den Todtengrüften der Letzteren ruhten von Constantin an die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser in kostbaren Sarkophagen, bis die Lateiner unter Balduin und Dandolo sie der heiligen Stätte entrissen. Mahmud baute die Moschee, die nach seiner Absicht noch die Sophia überragen sollte, und weil sie das nicht tat, liess der Tyrann dem Baumeister Christodulos beide hände abhauen. Die Moschee mit ihren Säulengängen und Vorhöfen, in denen unter hohen Cypressen die Fontaine plätschert, ist die Hochschule der Softa's und hat in ihren Anbauten über 360 Zellen als Wohnungen derselben. Von hier aus war die Masse zwar zur Achmetje8 gezogen, dagegen eine Anzahl vertrauter Schüler zurückgeblieben, um die sich versammelnde Bevölkerung der inneren Stadtteile zu bearbeiten und mit der erregten die griechischen Quartiere zu bedrohen.

Die drei Sammelpunkte des Aufruhrs standen durch Boten fortwährend in Verbindung und mit Genugtuung hörten die Leiter der Bewegung, wie die Zahl und Aufregung der Masse in der Mahmudje und auf dem Atmeidan oder Hippodrom fortwährend schwoll. Dieser Platz des Kaisers Sever, einst die Schaubühne der Rennen und Spiele, durch berühmte Kunstwerke geschmückt, ist jetzt eine elende Stätte von noch kaum 250 Schritten Länge und 150 Breite, während er im Altertum wohl vier Mal so gross war. Die Achmetje und schmuzige Häuser und Hütten haben ihn beengt, und wo sonst die Statue des Herkules Trihesperus kniete, oder die Wölfin des Romulus stand, das eherne Nilpferd, Scylla und Charybdis und das reizende Bild der griechischen Helena, wallenden Haares um den liebepredigenden süssen Leib; – wo einst die Wagen in der siebenmaligen Runde vor dem Cäsar um den Platz donnerten und auf dem Turme die vier goldenen Rosse prangten, die ihren Weg auf die Marcuskuppel von Venedig gefunden haben, – da hält jetzt nur ein schmuziger türkischer Kaffeewirt unter einsamer Sykomore oder Platane seine traurige Boutike aufgeschlagen. Welche Taten und Geschicke hat dieser Platz gesehen, welche Ströme von Blut getrunken! Alle Revolutionen des alten und neuen Byzanz gingen von ihm aus; hier wurde Gratianus Augustus durch die Meuchler ermordet; Justinianus warf kühn den Stab in die Arena zum Beginn der Spiele, während der Rebell Hipatius schon den Hippodrom stürmte und Belisar ihm entgegentrat, indess halb Byzanz in Flammen dem Kampfe leuchtete; hier hielt der aus dem Vandalenkriege heimkehrende Feldherr seinen Triumphzug mit dem Schimmelgespann, das sein Augenlicht kostete; – da, an der Achmetje mit ihren goldenen Kandelabern und smaragdenbesetzten Ampeln, im Todtengarten der prächtigen Moschee, ruhen neben den Gebeinen ihres jungen Erbauers die Leichen seiner Söhne, Sultan Osman's II., der seine frühe Regierung mit dem Morde des Bruders begann und nach achtzehn Jahren selbst von den Janitscharen erschlagen wurde, – die Leichen Murat's IV. und seiner von ihm gemordeten Brüder Bajazet und Suleiman! Auf dem Atmeidan entfaltete der Grosswessir unter dem vorigen Sultan die Fahne des Propheten und führte die Meute zum Mordsturm auf die Kaserne der Janitscharen!

Und dennoch waren es gerade die Manen dieser, die man rachedrohend gegen den Sohn ihres Vernichters heute heraufbeschwor. Die Pforten der Achmetje öffneten sich und von den Treppen und Terrassen hielten die Softa's feurige Reden an das Volk. Ueberall unter der Menge tauchte zugleich der Turban der Janitscharen auf, das grüne Band, ihr gefürchtetes Wahrzeichen flatterte vom Sturm gepeitscht