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Söhne Ottoman's nach Willkür auf den Tron setzten und die Mauern des Serails die Zeugen blutiger Taten waren. Vor den Augen Europa's durften die beiden Mächte Handlungen nicht dulden, die so offen ihre Phrasen von der Verteidigung des Sultans Lügen gestraft hätten. Zu einer Revolte in Constantinopel gehörte jetzt das Fiat von London und Paris; das Programm wurde geliefert!

An eine Palast-Revolution war bei der Stellung der Parteien nicht mehr zu denken, es blieb also nur noch das Volk, – dessen Demonstration um so bedeutsamer sein musste. Ausserdem hat das Volk einen breiten rücken und man konnte der Gerechtigkeit gegen dasselbe später freien Lauf lassen, ohne sich selbst zu schwächen, ja im geeigneten Augenblick gegen den erregten Sturm wieder auftreten und das Verdienst gewinnen, den Tron gerettet zu haben.

Man beschloss demnach, an das Volk zu appelliren und die Meute in Bereitschaft zu halten. Das Volk wird vom Fanatismus regiert, und der Scheik ul Islam erhielt daher den Auftrag, seine Armee, – die Ulema's und Softa's, die schon am 10. September von der Kriegspartei zu jener Demonstration benutzt worden, welche die ersten Schiffe der Flotte in den Bosporus rief, – wieder in Bewegung zu setzen.

Während man noch über die Art und die Zeit des Aufruhrs stritt, erschien einer der vertrauten Tschokodars des Seraskiers, um zu melden, dass ein Grieche dringend Hayreddin-Pascha zu sprechen wünsche. Der Polizeiminister verliess das Gemach und liess den Mann in eines der nächstliegenden bringen, da ein mit verschiedenen Merkmalen bezeichnetes Goldstück, welches der Grieche der Botschaft beigefügt, ihm zeigte, dass der Fremde einer seiner Spione in der Hauptstadt war.

Wenn Gregor Caraiskakis den Mann gesehen, der jetzt mit dem Polizeiminister sprach, würde er sicher, trotz der kurzen Berührung, eine jener Personen erkannt haben, die er nach seiner Ankunft im Fanariotenhause gefunden.

Es ist traurig, aber eine Tatsache, dass, während auf der einen Seite unter den Griechen die todesmutigste Aufopferung und Hingebung an ihre Nationalund Glaubensinteressen herrschte, auf der andern auch die nichtswürdigste Feilheit und Gesinnungslosigkeit sich kundgab und schmählicher Verrat in jeder Weise geübt wurde. Nur in dieser Entartung des Volkes, der kriechenden Demut und Feigheit der Masse ist die Ursache zu suchen, dass die türkische, herrschaft so drückend seit Jahrhunderten auf diesem land lasten konnte.

Der Polizeiminister hatte seine zuverlässigsten Spione unter der griechischen Bevölkerung und war von den Vorgängen und Bewegungen unter derselben stets auf's Beste unterrichtet. Die Kunde, die er so eben empfing, überraschte ihn jedoch, da sie ganz unerwartet kam und die Verschworenen der Friedenspartei rasch und vorsichtig zu Werke gegangen waren. Die Nachrichten waren freilich nur unvollständig, da Baron Oelsner, als der Letter der Demonstration, die Unzuverlässigkeit der Griechen zu gut kannte, um seine Pläne vor der Zeit zu entüllen, doch waren sie immer genügend, um ihre Bedeutung und die drohende Gefahr ermessen zu lassen. Der Pascha sandte den Griechen zurück, um nach weiterer Kunde zu spähen, und erteilte dem Khawass-Aga, der ihn zum Seraskiat begleitet hatte, einen Befehl, ehe er auf's Neue zu der Beratung der Minister zurückkehrte.

"Mashallah," sagte er, seinen Bart streichend, "ich habe wichtige Neuigkeiten für das Ohr meiner Freunde. Diese Teufel von Anhängern der Moskows sind nicht müssig und wollen uns zuvorkommen. Die Griechen im Fanarioten-Quartier und in Demetri werden auf morgen zusammenberufen und sollen sich auf dem Okmeidan versammeln. Haiwan der, es sind Tiere, aber ihre Zahl ist gross. Wir wissen nicht, was sie vorhaben."

Die Nachricht war von Wichtigkeit und rief eine neue Besprechung hervor. Dem Scharfsinn des Briten und der bedächtigen Schlauheit der Orientalen konnte es nicht verborgen bleiben, dass diese Bewegung der griechischen Bevölkerung gemacht und bestimmt war, die Massregeln der Friedenspartei zu unterstützen, und dass eine offene Demonstration zu Gunsten Russlands in der Hauptstadt bei den schlimmen Nachrichten, die täglich aus den rumelischen Provinzen über die Stimmung der Bevölkerung eingingen, die Geneigteit des Grossherrn zum Friedensschluss nur verstärken und seine Besorgniss erhöhen musste.

Zum ersten Male mischte sich der englische Secretair direkt in die weitere Beratung.

"Ich sehe keine Gefahr," sagte er ruhig, "wenn rasch gehandelt wird. Was auch der Divan morgen beschliessen möge, die Sitzung des Ministerconseils wird allein die Entscheidung geben. Man möge dieselbe nicht im Palast von Tschiragan oder in der Pforte halten, sondern im Seraskiat. Ich kenne Seine Hoheit den Seraskier zu gut, um nicht zu wissen, dass hier die Entscheidung nach seinen Wünschen ausfallen wird."

Der funkelnde blick des Kriegsministers gab ihm die Versicherung.

"Unserem Freunde Hayreddin-Pascha wird es ein Leichtes werden, die Griechen einzuschüchtern und ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen oder nach einer anderen Richtung zu leiten. Er wird nicht ohne Freunde sein unter der griechischen Bevölkerung."

Hayreddin machte das Zeichen der Zustimmung.

"Wenn man die griechische Bewegung auf das Ufer jenseits des goldenen Horns beschränkt, werden die Moslems die Herren in Stambul bleiben. Es liegen vier unserer Kriegsschiffe vor der Stadt; die Gesandten werden noch einige andere von Beikos kommen lassen. Das Geschwader wird stark genug sein, um nötigen Falls die Auflehnung nach jeder Richtung hin in Schranken zu halten."

Die türkischen Minister schauten einander an; sie begriffen sehr wohl, was der Brite mit dem Ausdruck: "nach jeder Richtung", meinte.

"Die Zusammenrottung der Griechen," fuhr dieser