zu tief, um meinen jungen Freund nicht davor bewahrt zu wünschen."
Ein rascher wie fragender Aufschlag ihres schönen Auges traf jenes des Capitains, das mit Innigkeit auf dem schönen Mädchen haftete. Eine leichte Röte überflog Wangen und Stirn – – die Wogen des Tanzes unterbrachen das Gespräch.
Als der Vicomte sie zur Gruppe zurückführte, die sich um die Dame des Hauses gebildet und de Sazé nahte, die Fürstin an ihr Versprechen zu mahnen, neigte sie sich vertraulich zu ihm und bat:
"Versuchen Sie noch einmal heute Ihr Heil bei Iwan und sorgen Sie wenigstens für seine Zerstreuung. Die Gesellschaft, in der wir ihn vorhin verlassen, – und ich sehe Beide nicht mehr an dem vorigen Platz, – ist keine, die ich für ihn liebe. Gehen Sie, Vicomte, und denken Sie, dass ein Ritter der Ruhe seiner Dame alle Dienste leisten muss."
Ein anmutiger Wink des Fächers verabschiedete ihn; er ging, den Fürsten aufzusuchen, während Iwanowna sich dem Damenkreise anschloss. – –
Der nächste Contretanz war vorüber, am Arm ihres Tänzers de Sazé durchging die Fürstin den zum blühenden Garten umgewandelten Corridor, welcher die vorderen Salons mit dem hinteren Flügel verband. Plötzlich stockte der zierliche Fuss, kaum vermochte sie, die Hand erhebend, ihrem sie mit Galanterieen überschüttenden Cavalier zuzuflüstern: "Marquis, sehen Sie – um Gottes willen, was ist vorgegangen?"
Auf sie Beide zu, durch den Eingang, welcher zum Spielzimmer führte, kam der Zuaven-kapitän. Sein männlich schönes Antlitz war dunkel gerötet, das Auge blitzte, doch zeigte die ganze Gestalt eine ernste ruhige Fassung. Wenige Schritte hinter ihm aus einer Gruppe von Herren, welche sich um die Tür versammelten, folgte Fürst Iwan am arme des Obersten, der ihn fest zurückhielt. Das Gesicht des jungen Russen zeigte jene Wachsbleiche, die leidenschaftliche Charaktere im Augenblick der höchsten Erregung zu befallen pflegt. Sein Auge irrte scheu umher, offenbar war er mit sich selbst unzufrieden, wenn auch der fest gekniffene Mund seine Entschlossenheit bekundete. Nur der Oberst bewahrte seine gemessene Haltung und ein boshafter blick leuchtete aus seinen Augen, als er die Begegnung mit der Dame bemerkte, bei der die Herren an der Tür sich sofort in's Zimmer zurückzogen.
Sazé begriff im Augenblick, dass etwas von Wichtigkeit vorgefallen und führte die Fürstin zu einem der Sitze, die unter Rosen- und Camelienbüschen versteckt zu Lauben gestaltet waren. Der kapitän trat auf ihn zu und während er mit einer Verbeugung die Dame begrüsste und sein Auge sichtlich das ihre vermied, das fragend und ängstlich auf ihm ruhte, sagte er mit fester Beherrschung der stimme:
"Gestatten Sie, Durchlaucht, dass ich Ihnen für einen Augenblick Ihren Cavalier entführe, ich habe ihm nur eine kurze Bitte vorzutragen, und er ist sogleich wieder zu Ihren Befehlen."
Der Fürst war herangekommen und trat zu seiner Schwester.
"Geniren Sie sich nicht, Herr von Sazé," sagte er hochmütig, "ich werde Sie bei meiner Schwester ersetzen."
Er bot ihr den Arm, die junge Fürstin jedoch beachtete die Geberde nicht, sondern wandte sich zu den beiden Franzosen.
"Da der Zweck unseres Ganges erfüllt ist und ich meinen Bruder gefunden habe," sprach sie verbindlich zu de Sazé, "so wären Sie allerdings Ihrer Ritterschaft ledig, Herr Marquis. Ich habe dagegen noch die Verpflichtung, Ihrem Freunde zu danken, der zuerst meinen Auftrag übernommen hat, und bitte ihn, mich zu der Fürstin, meiner Tante, zurückzuführen. Sie müssen mit seinem Vertrauen sich schon bis dahin gedulden."
Damit legte sie die seine Hand auf den Arm des Vicomte und ging mit ihm voran. Sazé folgte und begriff rasch die Aufgabe, die ihm geworden, indem er das Paar von den beiden nachfolgenden Herren trennte. Dennoch waren sie zu nah, als dass die Fürstin eine Frage an ihren Begleiter hätte tun können. Aber das nervöse Zittern ihres Armes fühlte er in dem seinen und den leisen Druck, mit dem sie sich auf ihn stützte. Nur als sie durch den Eingang des Salons schritten und das Gedränge der Anwesenden sie für einige Augenblicke von den Folgenden schied, schlug Iwanowna rasch das Auge empor und flüsterte hastig: "Was ist geschehen, Vicomte? ich muss Alles wissen, ich bin zu jeder Stunde für Sie morgen zu sprechen!" Méricourt aber neigte sich wie dankend zu ihr nieder und entgegnete mit tiefbewegter stimme: "Leben Sie wohl, Fürstin, mein Traum ist vorüber." Einen Moment lang presste er ihren Arm an seine Brust, dann zog er sich mit einer Verbeugung zurück und grüsste im Vorübergehen höflich und gemessen die beiden Russen. Die Fürstin sah, wie er auf dem Wege durch den Saal Sazé's Arm nahm und mit ihm am Ausgang verschwand. Als sie sich beklommenen Herzens umwandte, bemerkte sie den höhnisch lauernden blick des Grafen Wassilkowitsch auf sich ruhen. Kaum eine Viertelstunde später ertönte am Portal der Ruf nach der Equipage der Fürstin Oczakoff. Fürst Iwan war schon vorher aus der Soiree verschwunden und allein nach haus zurückgekehrt, um den fragen der Schwester auszuweichen.
Es war in einer für die pariser Aristokratie noch
frühen Stunde des nächsten Morgens, als in dem von dem Fürsten bewohnten Hôtel der Allée des Veuves vor der jungen, in weissem Morgenkleide auf der Bergère ihres eleganten Toilettenzimmers ruhenden Fürstin der Diener ihres Bruders, der Leibeigene W a s s i l i , stand, herbeigerufen von seiner Schwester A