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Demonstration zur Unterstützung unserer Freunde im Divan stattfinden. Signor Oelsner hat mich wissen lassen, dass ich ihn in Tophana treffen soll, und ich gehe sogleich dahin. Sie werden besser tun, hier zu bleiben, bis ich Ihnen weitere Nachrichten bringe; das Haus ist zu Ihrer Disposition, – die Frauen sind in ihren Schlafgemächern und wissen, dass sie dieselben nicht zu verlassen haben. Zwei meiner Leute bleiben hier zurück und werden für Ihre Sicherheit sorgen. Am besten wird es sein, Sie ziehen sich in Ihr Zimmer zurück, das Sie freilich noch einige Stunden mit unserer unwillkommenen Gesellschaft werden teilen müssen, da ich dieselbe der Schwatzhaftigkeit der Weiber nicht anvertrauen mag und erst geeignete Kleider mitbringen werde, um sie fortzuschaffen. Gegen Morgen bin ich zurück."

Damit verliess ihn der Fanariot und bald darauf kehrten zwei der Männer zurück und schlugen ihr Lager auf dem Boden des Zimmers auf.

Caraiskakis beschloss, sich nach dem seinen zu begeben, teils um seinen seltsamen Besuch zu beruhigen, teils um selbst einen Ort der Ruhe und Erholung zu suchen. Er fand die Odaliske wach und ganz verändert. Der Schreck und die Furcht waren von ihrem Antlitz verschwunden, und mit dem Gefühl der Sicherheit hatte sich auch Leichtsinn und Gefallsucht wieder eingestellt, denn das Leben des Harems hatte bereits unwiederbringlich die Seele des einst so einfachen und armen Mädchens umstrickt. Sie hatte die Zeit der Abwesenheit der Männer benutzt, um ihren Putz möglichst vorteilhaft wieder herzustellen und ihre Haare zu ordnen. Als Caraiskakis eintrat, sass sie in türkischer Manier auf den Kissen des Divans und naschte von den Erfrischungen.

Der Grieche setzte sich neben sie und begann ein Gespräch mit ihr. Die Naivetät dieser Hingebung, die kein Gefühl der Zurückhaltung und Schaam kannte, ohne doch niedrig und gemein zu sein, überraschte ihn. Nausika zählte jetzt achtzehn Jahre, ein Alter, in dem bei den Frauen des Orients die üppigste Blüte der Reize eingetreten ist, denn später werden sie häufig zu voll und ungeschickt. Ihre Augen und Lippen strahlten Koketterie und Genuss, der Busen atmete üppige Sinnlichkeit. Aus dem armen griechischen Mädchen hatten zwei Jahre türkischer Erziehung die vollkommenste eitle Odaliske gemacht, die sich bemühte, jede Erinnerung ihrer Vergangenheit zu unterdrücken.

Vergeblich fragte sie daher Caraiskakis, durch die ersten flehenden Worte des Mädchens, die sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht an die Männer gerichtet, aufmerksam gemacht, nach dieser Vergangenheit; – die Eitelkeit des Mädchens liess sie sich für eine Georgierin ausgeben, und da sie sich von Anfang an nur der türkischen Sprache bedient und mit Nichts verraten hatte, dass sie das griechische Gespräch der Männer wohl verstanden, war es ihr leicht, ihren neuen Beschützer zu täuschen, indem sie ihm andeutete, dass sie zwar als Christin geboren, jedoch schon vor vielen Jahren als Sclavin nach Stambul gekommen sei und den Islam habe annehmen müssen. über die Ursache, die sie so plötzlich aus der Gunst des Grossherrn und in die Gefahr des Säckens gebracht hatte, erzählte sie der Wahrheit gemäss, dass ihr dieselbe ganz unbekannt sei.

Für die fragen, welche der Grieche getan, richtete die Odaliske hundert andere an ihn. Sie hatte genug von dem Leben des Harems gesehen, um zu wissen, dass sie keine Aussicht habe, je wieder das Serail zu betreten, und die Todesfurcht, die sie ausgestanden, liess auch einen solchen Wunsch gar nicht aufkommen. Dagegen ging all' ihr Sehnen und Denken bereits auf die Mittel, sich auf andere Weise ein Leben voll jener Genüsse, die sie kennen gelernt, mit möglichster Freiheit verbunden, zu verschaffen, und als Caraiskakis ihr die Versicherung gab, dass er sie von Constantinopel wegführen und für sie sorgen werde, schloss sie scharfsinnig, dass es ihm auch an den Mitteln dazu nicht fehlen könne, und setzte alle Künste der üppigen Koketterie in Bewegung, sein Herz zu erobern und seine Sinne zu bestricken.

Ihre Hand schenkte ihm den feurigen Wein des Olymp in den Becher, ihr reizender Mund plauderte ihm von jenen seltsamen lüsternen Geheimnissen des Harems, die das Blut wallen machen. Dem mann, der, eben dem scheusslichen Aufentalt eines türkischen Schiffsgefängnisses entronnen, noch die schweren Fesseln an seinen Gliedern zu fühlen glaubte, der wochenlang Nichts als die gröbste ekle Kost, ihm mit Verwünschungen gereicht, genossen, nur das finstre Antlitz fanatischer Moslems gesehen, – däuchte es wie ein Traut, jetzt hier im wohlgewärmten, mit Teppichen belegten Zimmer zu sitzen und die Blicke in die glänzenden Augen der schönen Odaliske zu tauchen, – so schön, – so schön, wie er noch nimmer ein Weib gesehen! von ihrer weichen Hand berührt zu werden, den feurigen Wein aus demselben Becher zu schlürfen, den noch eben die purpurnen Lippen berührt hatten.

Der finstre, ruhige Mann, der Patriot, dessen Herz nur dem Unglück des Vaterlandes schlug, der so viel für sein Idol schon gelitten, – wo blieb der Gedanke, der allein bis jetzt sein Herz gefüllt, – wo die Erinnerung an Kampf und Sieg vor dem vernichtenden, verzehrenden Hauch der leidenschaft, die sein Inneres so plötzlich, so gewaltig erfasst? Wo blieb die catonische Tugend vor dem Sirocco des aufgeregten Bluts, das, so lange Jahre unterdrückt, jetzt die Bande sprengte und tyrannisch durch seine Adern tobte.

Er erhob sich, – er wollte das Gemach verlassen, um bei den beiden Fanarioten sein Lager zu suchen, – aber er bedachte, dass dies ihre Aufmerksamkeit und ihren Verdacht erregen müsse. Die Odaliske flog