1855_Goedsche_156_348.txt

Hausbewohner das strengste Schweigen über die Art und Weise zu beobachten, wie jene ihnen aufgebürdet worden. Dann, als sie allein waren, machte er mit Gregors Hilfe sich daran, den Sack mit einem Dolch aufzuschneiden.

Der Anblick, der sich ihnen zeigte, war überraschend. Ein junges bildschönes Mädchen, die in reiche türkische Pracht gehüllten Glieder mit einem kostbaren Shwal zu einem Klumpen zusammengeschnürt, lag vor ihnen. Der Mund war ihr durch einen Knebel geschlossen, und die Unglückliche offenbar von der lang andauernden Todesangst in Ohnmacht gefallen. Während Geurgios die Knoten des Shwals löste, befreite sie Gregor von dem Knebel und rieb ihr, nachdem man sie auf ein Ruhebett gestreckt, Stirn und Schläfe mit Wein. Endlich schlug die Schöne die Augen auf, tiefe Seufzer hoben ihren Busen und ihr blick fuhr wirr und ängstlich umher über die fremden Männer und die unbekannte Umgebung. Dann schrie sie laut auf und warf sich auf die Kniee.

"Mordet mich nicht," rief sie; – "für was habe ich meinen Glauben abgeschworen und Alles hingegeben, was meiner Jugend teuer war, wenn ich so jung schon geopfert werden soll? Was hab' ich getanbin ich nicht die gehorsame Tänzerin des Padischah, die Gefährtin seiner Freuden? hab' ich nicht treu der Sultana gedient, meiner Herrin? O, habt Erbarmen, lasst mich lebenes ist so süss und schön, zu leben im Glanz der Herrlichkeit, die ich nie gekannt!"

Die schöne Nausikadenn sie war es, die durch den Sultan als Sühne für die geopferte Mariam aus dem Harem verbannt und von dem Kislar-Aga für seinen gönner Chosrew bestimmt, durch eine zufällige Verwechselung und den Irrtum seiner Untergebenen in die hände der Griechen gekommen war, – sah in der reichen Tracht der Odaliske und in der Blässe der Todesfurcht, die ihre Wangen bedeckte und das grosse blaue Auge aus dem Antlitz zu drängen schien, kaum weniger reizend und verlockend aus, wie damals, als wir im kurzen Gazegewand der Tänzerin ihr vor dem Sultan begegneten. Die weichen feinen hände mit den hennahgefärbten Nägeln über der wogenden halbentfesselten Brust gekreuzt, lag sie vor den beiden Männern, und flehte für ein Leben, das stürmisch dein Genuss in jeder Fiber entgegenklopfte.

Erst als Gregor ihr wiederholt beteuert hatte, dass sie Nichts mehr zu fürchten habe, dass sie gerettet sei vor der schrecklichen Execution des Harems, – dass aber Verborgenheit und geheimnis das Werk der Rettung vollenden und sichern müsse, gewann sie Glauben daran, umfasste seine Kniee und beschwor ihn, sie nicht zu verlassen, indem sie versprach, jedem seiner Winke Folge zu leisten. Eine kurze Beratung zwischen Caraiskakis und seinem Wirt führte den Beschluss herbei, die Odaliske auch ferner vor den Augen der Hausbewohner verborgen zu halten, und sie zu dem Zweck in dem Zimmer, in dem man sich befand, zu lassen, bis es gelungen sei, ihr weniger auffällige Kleidung zu verschaffen, um sie an einen noch verborgeneren Ort zu bringen. Geurgios erklärte dem Landsmann, dass, da besonders auf seinen Wunsch die Fremde gerettet worden, er auch die Pflicht übernehmen möge, für sie zu sorgen, und gern war Caraiskakis dazu bereit, denn das Mädchen hatte schnell einen so wunderbaren Eindruck auf sein bisher nur von andern Gefühlen entflammtes Herz gemacht, dass er sich jeder Gefahr für sie unterzogen hätte. Er beschloss, den Baron von Oelsner für seinen Schützling zu interessiren, und als er jetzt auf die Aufforderung seines Wirtes diesem folgte, nachdem er einige Erfrischungen genommen, versprach er dem Mädchen, so bald wie möglich wiederzukommen und schloss sie sorgfältig ein.

Geurgios, ein Mann von einigen vierzig Jahren, führte den neuen Bekannten in den unteren Raum des Hauses, wo mehrere Griechen versammelt waren und geschäftig ab- und zugingen. Geurgios schien ihr Haupt, denn ihm wurden alsbald verschiedene Berichte erstattet und Botschaften mitgeteilt. Er machte Caraiskakis mit den Anwesenden bekannt, die er ihm Alle als gute Patrioten und treue Anhänger des russischen Czaren und Mitglieder der Hetärie bezeichnete, und Gregor fand bald, dass die Stimmung dieser Männer, von denen er Einzelne schon früher beim Baron Oelsner flüchtig gesehen zu haben sich erinnerte, eben so aufgeregt und energisch für den allgemeinen griechischen Traum, die Wiederherstellung des byzantinischen Reichs, schwärmte, wie die der Griechen auf den Inseln und dem anatolischen Festlande. Zugleich bemerkte er auch, dass sie sämtlich nur untergeordnete Werkzeuge höherer Leitung und für die Erregung der massen tätig waren, denn Alle wussten zwar, dass in den nächsten Tagen Etwas von Bedeutung geschehen solle, ohne doch zu erfahren, wo und was. Bei dem Feuer und der lebhaften Phantasie des griechischen Characters wogte das Geschwätz darüber hin und her.

Nur Geurgios wusste offenbar mehr und nachdem er verschiedene Mitteilungen angehört, nahm er Einzelne bei Seite, sprach mit ihnen eifrig und sandte sie mit Aufträgen fort, so dass bald nur noch drei oder vier Männer zurückgeblieben waren. Ihnen befahl er, auf's Neue einen Kaïk zur Fahrt bereit zu machen, und wandte sich dann an Gregor.

"Ich habe Sie mit diesen Männern näher bekannt gemacht, was der Signor Baron früher versäumt zu haben scheint, damit wenn sich irgend eine Gefahr ereignet, Sie Hilfe und Beistand haben. Die Leute, die Sie hier gesehen, haben die meisten Anhänger in der Fanarioten-Stadt und sind in diesem Augenblick bereits bemüht, das Volk für den morgenden Tag vorzubereiten. So viel ich selbst weiss, wird eine