der Fregatte war bald hinter ihnen im Dunkel verschwunden.
Nach einigen Minuten, während das Boot im Schatten der asiatischen Ufer hinlief und die zwei Ruderer scharf zu arbeiten hatten, um es bei dem heftigen Winde und den hochgehenden Wellen im Strom zu halten, schnitt der Offizier die Stricke von den Armen des Gefangenen und sagte auf griechisch zu ihm:
"Ich bin ein Bote des Signor Oelsner und habe Ihnen mitzuteilen, dass Sie frei sind. Die Ordre zu Ihrer Ueberführung nach der Stadt war eine der ersten, die der neue Grossadmiral unterzeichnete, und sobald der Signor Baron sie in Händen hatte, war es ein Leichtes, Sie zu befreien. Ich begrüsse in Ihnen meinen Landsmann, denn diese Kleidung ist natürlich nur angenommen, um den türkischen kapitän zu täuschen. Der Baron hat in dieser Nacht wichtige und viele Geschäfte und er hat mir daher aufgetragen, Sie in ein sicheres Versteck im Fanarioten-Quartier zu bringen."
Caraiskakis dankte dem Landsmann, der sich G e u r g i o s nannte, und hörte von diesem die wichtigen Neuigkeiten des Tages.
Sie waren jetzt dem Sommerpalaste von Beschiktasch gegenüber gekommen und wandten sich nun quer über den Meerosstrom nach dem Grabmal Hayraddins und der Moschee von Auni-Effendi, um auf der europäischen Seite des Bosporus die Fahrt nach dem goldenen Horn fortzusetzen, als aus dem Schatten des Ufers von Tschiragan ein grosser schwarzer Kaïk, von sechs weissgekleideten Ruderern getrieben, hervorschoss. Geurgios gebot sofort den Seinen, zu halten, um den fremden Kahn vorbeifahren zu lassen und flüsterte dem Griechen zu:
"Die Eunuchen des Harems – bei Ihrem Leben, keinen laut, Freund, was Sie auch sehen mögen!"
Zu seiner Verwunderung jedoch kam der Kahn, statt weiter hinaus in den Bosporus zu fahren, gerade auf sie zu und hielt in kurzer Entfernung von ihrem Bord. Im Hinterteil des fremden Kaïks stand ein bewaffneter Eunuch.
"Eure Loosung?" fragte der Schwarze.
Der Grieche zauderte einen Augenblick, dann, glaubend, dass der Frager wissen wolle, ob er einen Ungläubigen vor sich habe, antwortete er rasch mit den Worten des türkischen Gebets: "Allah la illaha illallah." Sogleich gab der Schwarze ein Zeichen und das dunkle Fahrzeug schoss an die Seite ihres Kahns. Schon glaubten die Griechen sich verloren, denn die berüchtigten Haremswächter machen wenig Umstände mit den zufälligen Zeugen ihres geheimnissvollen Treibens, und die Hand des Geurgios fasste nach den Terzerolen in seiner Brusttasche, – aber zu ihrer Verwunderung begrüsste sie der Offizier der Eunuchen mit einem kurzen "Khosch dscheldin! – Nehmt!" – zwei der bewaffneten Ruderer hoben vom Boden des Kaïk einen grossen ungestalteten Gegenstand, gleich einem Sack, und warfen ihn achtlos in den Nachen der Griechen, dass dieser von dem Stoss schwankte und umzuschlagen drohte; im nächsten Augenblick schoss das Haremsboot vorwärts an ihnen vorüber, wandte und kehrte zu dem Ufer zurück.
Die beiden Griechen und auch die Ruderer, – die mit den Geheimnissen Stambuls sehr wohl vertraut schienen, – atmeten frei auf, als sie auf so schnelle Weise der Gefahr wieder entgangen waren, und die Ruder senkten sich mit doppelter Eile in die dunklen Wogen, dass der leichte Kahn gleich einem Pfeil dahin flog und bald in die ruhigeren Gewässer des Horns einbog.
Noch hatte keiner der Männer die seltsame Last, die ihnen so unverhofft geworden war, zu untersuchen sich Zeit genommen, und nur die convulsivischen Bewegungen der Hülle und ein leises unterdrücktes Aechzen und Stöhnen bewies ihnen, dass ein lebendes Wesen darin verborgen war. Erst als sie die zweite brücke passirt hatten und am Ufer des FanariotenQuartiers hinfuhren, deutete Geurgios auf den Sack und fragte:
"Was machen wir damit? werfen wir die Last in das Horn? Hier sind wir sicher vor Spähern."
Aber Gregor fasste abwehrend seinen Arm.
"Um der Heiligen willen, lasst uns nicht unmenschlicher handeln, als diese Moslems. Es scheint ein Weib in dem Sack zu sein und wir wollen die Unglückliche retten."
"Bah, irgend eine alte Hexe, die im Harem gekeift und sich unnütz gemacht hat! Aber wie Ihr wollt – bei sankt Demeter, Ihr mögt das Geschenk der schwarzen Burschen dafür zu eigen nehmen und Euch mit der Last beladen." –
Unweit der Kirche von St. Basil, zwischen dem Balat-Kapussi (Palasttor) und dem Haivan-SeraïKapussi – dem Tor der Menagerie, – von dem benachbarten Amphiteater so genannt, wo die Kämpfe der wilden Tiere stattzufinden pflegten, – und berühmt als die Stelle, wo im letzten Heldenkampfe gegen die Osmanlis und Genuesen Daralla und der Grossherzog Notaris fochten, – landete das Boot unter einem überhängenden Kaïkschuppen, und Geurgios geleitete den Befreiten durch den Ausgang, der am Ende desselben hinauf in ein ziemlich grosses griechisches Haus führte, wohin die beiden Ruderer auf seinen Befehl das geheimnissvolle Bündel ihnen nachtrugen. Man schien sie erwartet zu haben, denn auf der Veranda waren, trotz des stürmischen kalten Wetters, mehrere Männer versammelt, und in dem oberen wohlerleuchteten Gemach, wohin man Caraiskakis führte, brannten wärmende Kohlenpfannen und ein Tisch war mit dem lieblichen Brussawein und dem feurigen schwarzen Rebensaft vom Olymp, den man selbst in Constantinopel nur selten echt bekommt, nebst speisen und Erfrischungen besetzt. Hierhin, in einen Winkel des Gemaches, legten die Bootsleute auch ihre Last, über die Geurgios gegen die Augen der Neugierigen seinen Mantel gebreitet hatte, worauf ihnen derselbe bei der eigenen Gefahr ihres Lebens anbefahl, auch gegen die