1855_Goedsche_156_346.txt

Tschiragan gekommen, aber der Grossherr weigerte sich, den Harem zu betreten und sie musste vor Zorn und Furcht bebend den Palast wieder verlassen und hatte noch den Aerger, dem Kaïk des Grosswessirs Mustapha und Halil's, ihres Schwagers, zu begegnen und Beide in Tschiragan empfangen zu sehen.

Wie der politische Himmel, so begann sich auch der wirkliche zu trüben und schwere Wolkenmassen lagerten am Abend über dem ganzen Horizont. Der gang unserer Erzählung führt uns an verschiedene Stellen und wir müssen eilen, ihn bei einem mann wieder aufzunehmen, der seit dem Tage von Sinope die drückende Last schwerer Gefangenschaft getragen hatte, vermehrt durch das Bewusstsein, dem Todfeinde gerade in der Stunde der Rache erlegen zu sein.

Gregor Caraiskakis, der einzige Gefangene, der bis jetzt auf dem Meere in die hände der Türken gefallen, hatte auf der eiligen Ueberfahrt der Dampffregatte Taïf alle Schmach und alle Leiden zu dulden gehabt, welche die Erbitterung der Moslems über ihre Niederlage auf ihn häufte. Selbst die Bemühungen des englischen Baronets vermochten nicht, ihn vor der schimpflichen Last schwerer Ketten und roher Misshandlungen zu schützen, und nur der Wunsch, einen Gefangenen den Machtabern in Constantinopel vorzuführen und ihm vielleicht wichtige Nachrichten zu erpressen, veranlasste den kapitän des Schiffes, wenigstens sein Leben zu schützen.

Bei der Ankunft im Bosporus hatte der türkische Befehlshaber seine Hiobspost sogleich an den Grossadmiral überbracht und dabei zwar des Gefangenen erwähnt, der Schrecken über die Unglückskunde war jedoch so gross, dass man eines einzelnen Gefangenen wenig achtete, um so weniger, als es nur ein Grieche war und der kapitän einfach die Anweisung erhielt, ihn vorläufig auf seinem Schiffe zu bewahren. So lag denn Caraiskakis seit beinahe drei Wochen vergessen und nur von dem Hasse der türkischen Schiffsmannschaft im Gedächtniss behalten, in dem unteren Deck der Fregatte, die am Schloss von Asien ankerte. Die Leiden seiner Gefangenschaft verdoppelten die wiederholten Besuche des Briten, dessen Bemühungen, ihn als seinen persönlichen Gefangenen zu behandeln und in die Haft der englischen Gesandtschaft zu bringen, zwar an der Hartnäckigkeit der Türken gescheitert waren, der aber fast einen um den andern Tag erschien, um ihn mit dem Antrage, ja, mit Bitten zu bestürmen, ihm das Kind herauszugeben, für das er eine eigensinnige Liebe gefasst zu haben schien. Aber vergebensder Sohn des Helden vom Pyräus antwortete auf das Anerbieten der Befreiung und des britischen Schutzes nur mit verächtlichem Schweigen oder dein Ausdruck des tödtlichen Hasses.

Im Stillen aber war der Grieche nicht untätig gewesen. Unter den Seesoldaten, die den Schiffsdienst verrichteten und in seinem Deck häufig Geschäfte hatten, war ihm ein junger Mann aufgefallen, der ihn häufig mit Teilnahme betrachtete. Eine Anrede bei günstiger gelegenheit, als sie allein waren, überzeugte ihn, dass er einen von den Türken zum Schiffsdienste gepressten Griechen vor sich habe und er bewog ihn leicht, einen mit Bleistift geschriebenen Zettel bei seinem nächsten Urlaub an's Land zu bestellen.

Der Brief war an den Baron Oelsner von Montmarquet und entielt die Nachricht seiner Gefangenschaft. – –

Am Nachmittag des 19. war der Baronet wiederum auf dem Taïf erschienen und hatte den Gefangenen bestürmt, ihm eine schriftliche Vollmacht zur Aushändigung des Kindes auszustellen, da er jetzt nach England zurückzukehren beabsichtigte. Er versprach, das Kind zu adoptiren, die Heirat mit Diona anzuerkennen und den Knaben zum Erben seines Namens und seines Vermögens zu machen.

Caraiskakis schaute ihn finster an.

"Wenn Sie mir die Schätze der vereinigten Königreiche böten," sagte er mit Hohn, "und den Sohn Diona's – die Sie feig verleugnet habenzum ersten Edelmann des mächtigen Englands machen könnten, würden Sie den Knaben doch nicht erhalten, so lange es von mir abhängt. Seine Spur will ich Ihren Augen verwischen und nie soll er den Namen seines Vaters hören, sondern ein Grieche werden mit jeder Faser seines Lebens, der nur Hass atmet gegen das falsche Land seines Erzeugers!"

Der ganze Trotz und Hochmut des Briten schwoll empor bei dieser Antwort.

"So habe, was Du willst und beklage Dich nicht über Dein Geschick. Der Kapudan hat bereits darüber bestimmt und mit dem nächsten Schiffe gehst Du auf die Galeeren nach Creta. Ich aber schwöre Dir, Wahnsinniger, dass ich nicht ruhen und rasten will, bis ich mein Kind gewonnen, und Edward Maubridge wird dies Land nicht verlassen, bevor er seinen Zweck erreicht hat, so wahr er ein Brite ist!"

Caraiskakis lächelte verächtlich, – so schieden sie.

Die Vorgänge des Tages hatten anders auch über das Geschick des Griechen entschieden. Es war am Abend gegen die zehnte Stunde, als von Tophana her ein Boot an die Seite der Fregatte Taïf schoss und ein Mann in der Kleidung eines türkischen Offiziers auf den Anruf der Wache "Befehl des Grossadmirals" antwortete und an der Schiffswand emporstieg. Auf dem Deck fragte er nach dem kapitän und händigte diesem eine versiegelte Depesche ein. Es war die Ordre des neuen Kapudan Riza-Pascha, den bei Sinope gefangenen Griechen dem Ueberbringer Angesichts des Schreibens zu überliefern.

Baron Oelsner hatte die erste gelegenheit benutzt, den Verbündeten zu retten. Caraiskakis wurde sofort aus dem Raum geholt und dem Boten übergeben, indem seine bisherigen Wächter und er selbst nicht anders glaubten, als dass er in ein anderes gefängnis am land gebracht oder verhört werden solle.

Von seinen Fesseln befreit, statt deren ihm die hände auf dem rücken zusammengebunden wurden, stieg Gregor in das Boot, der Offizier setzte sich neben ihn und die schwarze Wand