. Euer Majestät Truppen und drei russische Armeecorps, die der Czar zur Disposition stellt, werden hinreichen, die Küsten von Rumelien zu sichern."
Der kühne gewaltige Plan, – der so leicht beim Beginn des Kampfes auszuführen gewesen wäre und dem Schicksal Europa's eine andere Gestalt gegeben hätte, wenn Kaiser Nicolaus mehr auf die rasche Tat als auf seinen politischen Einfluss vertraut hätte, – erschreckte den bleichen Grossherrn und seine Augen schweiften verlegen und ängstlich aus Chosrew und seinen Schwager. Der Letztere legte beistimmend die Hand auf das Herz, während der greise Diplomat den flehenden blick seines Herrn und Schülers nicht zu bemerken schien und anscheinend kein Auge von dem Unterhändler verwandte.
"Adschaid! wunderbar!" sagte endlich der Sultan. "Ich weiss nicht, was ich tun soll, und bin wie ein Mann zwischen zwei Schwertern. Wenn ich Dir auch Gehör geben wollte, o Franke, – wie würden wir uns ausreden können vor der Macht der Ungläubigen, ehe die Hilfe des Czars in der Nähe ist, um uns vor ihrem Zorne zu sichern?"
Chosrew erhob ruhig das Haupt; der alte in tausend Schlangenlisten bewanderte Diplomat hatte das Mittel längst vorbedacht.
"Wir werden einen Aufruhr in der Stadt erregen," sagte er gelassen. "Der Rajahpöbel von Stambul wird eine Revolution machen und wir werden sagen können, dass uns die Christen gezwungen haben zu dem Bündniss mit Russland."
Der Sultan überlegte, – die türkische geschichte bietet so viele ähnlicher Scenen und Intriguen, dass ihm der Plan keineswegs so unausführbar vorkommen konnte.
"Es ist unser Kismet," sagte er endlich. "Wird Alles bereit sein und werde ich sicher bleiben, oder muss ich mich auf eines meiner Schlösser in Anatolien begeben?"
"Euer Majestät werden ganz sicher sein unter'm Schutz der Artillerie. Auf mein Haupt komme es. Morgen Mittag ist der Frieden gesichert und am nächsten Tage wird der Padischah den Fuss auf den Nakken seiner Feinde setzen."
"Ich willige ein," sagte der Grossherr und gab ermüdet und abgespannt das Zeichen der Entlassung.
Die drei Verbündeten verabschiedeten sich unter den gebotenen Ceremonieen und wurden vom neuen Kislar-Aga wieder bis an die Pforte der Gartenmauer zurückbegleitet. Während Halil und der Baron bereits den Garten verlassen, verweilte der greise Chosrew noch einige Augenblicke bei dem neuen, durch seine Intriguen eingesetzten Würdenträger.
"Höre, Freund Téifur-Aga," sagte er mit einschmeichelnder Freundlichkeit, "Du wirst die griechische Sclavin morgen aus dem Harem entfernen?"
"Der Padischah hat befohlen. Sie mag das wasser des Bosporus trinken."
"Ein Weib ist sicher ein grosses Uebel," meinte der Pascha; "aber warum sie tödten, wenn sie noch jung ist? Der Padischah hat es nicht ausdrücklich bestimmt und ich will Dir einen Ausweg sagen. Bana bak! Das Mädchen soll schön sein, – gieb sie mir, Deinem Diener, für seinen Harem – sie wird verschwinden für immer."
Der Eunuch schielte ihn von der Seite an. Er wusste sehr gut, dass es um den Harem des geizigen alten Intriguanten sehr jämmerlich bestellt war und er das Mädchen nur aus Habsucht verlangte, um sie mit möglichstem Vorteil zu verkaufen; aber er wagte nicht, nach dem Dienst, den Jener ihm so eben geleistet, die Bitte abzuschlagen und antwortete daher:
"Pek äji, sehr wohl; Du redest Weisheit. Das Boot mit dem weib wirb morgen Abend um die fünfte Stunde5 mit den Stummen des Harems gegenüber der Moschee von Auni-Effendi Deines Boten harren. Er möge drei Mal den Namen Allah's nennen und man wird sie ihm übergeben. Behalte mich in Deiner Gunst, o Pascha."
Die Beiden schieden, und während bald darauf das
Boot seinen Rückweg nach Stambul nahm und Halil mit dem Franken leise und eifrig über die Vorbereitungen für den nächsten Tag verkehrte, berechnete der alte Geizhals bereits den Gewinn, den er aus dem Verkauf der griechischen Tänzerin zu ziehen gedachte.
Die Bratung, welche am Montag, dem 19., im Divan, im Gebäude der Hohen Pforte, gehalten wurde, war eine überaus stürmische und der Schlag, welcher der Kriegspartei durch die Verkündung der Absetzung Mahmud Pascha's, des Grossadmirals und die Ernennung Halil's – der früher bereits zwei Mal Marine- und Kriegsminister gewesen war, – zum Minister ohne Portefeuille mit stimme im Conseil, beigebracht wurde, ein ganz unerwarteter. Die alttürkische Partei des Seraskiers und des Scheich ul Islam war damit ihres Uebergewichts beraubt und in ihrem Einfluss hart bedroht.
Durch die Bemühungen der Freunde der Grosswessirs, Chosrew's und Halil's, zeigte sich im Divan eine Majorität für die Friedensunterhandlungen. Nur mit Mühe vermochten Mehemed Ali und seine Freunde durchzusetzen, dass der Endbeschluss biss zum nächsten Tage verschoben blieb. Sämtliche Minister sollten dem Rate beiwohnen.
Es lag eine schwüle Stille über der grossen Stadt und Jedermann fühlte das Nahen einer bedeutenden Krisis. Die Beratung des Divan hatte an beiden Tagen volle fünf Stunden gedauert und erst am Nachmittag geendet. Eine Audienz, die der Seraskier bei dem Sultan, seinem Schwager, verlangte, wurde abgelehnt unter dem Vorwande eines Unwohlseins. Der Grossherr hatte sich in die inneren Gemächer seines Selamlik zurückgezogen. Die Ernennung des neuen Kislar-Aga und die Verweisung des früheren nach Brussa war erst am Nachmittage bekannt geworden und hatte den ganzen Harem in Bestürzung gesetzt. Auf die eilige Botschaft der Sultana war die Schwester des Sultans nach