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dem Vicomte und vermochte mich kaum von seiner verwünschten Höflichkeit loszumachen."

"Nun wohl, Fürst, Herr von Méricourt kennt die elegante Einrichtung des zweiten Stockes im haus Nr. 10 der Rue Joseph sehr wohl und weiss, wer der vornehme Fremde ist, der die hübsche, nurwie der Vicomte sagtallzu leichtfertige Bewohnerin unterhält und Tag und Nacht bei ihr ist. Ich hörte ihn vorhin gegen Sazé darüber spötteln, ehe Sie erschienen. Blicken Sie hin und sehen Sie, wie angelegentlich und eifrig der Franzose sich mit Ihrer schönen Schwester unterhält. Ich wette tausend Imperials, dass er eben seinen Bericht abstattet."

Der junge Mann errötete und erbleichte abwechselnd vor innerer Aufregung. Der schöne und üppig geformte Mund zuckte. "Der Spion soll mir büssen!"

"Wissen Sie, was man sogar behauptet, Fürst? Sie sollen mit Ihrer kleinen Grisette verkleidet den bal mabille, ja sogar die grande chaumière frequentiren und ein flotter Tänzer dort sein."

Diesmal war der Schlag zu arg, ein dunkler Purpur überzog das schöne Gesicht des jungen Mannes und der Zorn wich der Schaam; er schlug die Augen zu Boden.

"Ei was," lachte der Oberst, "wäre es wirklich wahr, Jugend muss austoben und es wäre ein Geniestreich, in den sich kein Unberufener zu mengen hat. Kommen Sie, Iwan, die Quadrille geht zu Ende und wir würden nur mit unserer Migraine die Conversation stören."

Er nahm ihn am Arm und führte ihn durch einen Seitenausgang in die Nebenzimmer. An einem Büffet nahmen sie Champagner und traten dann auf des Grafen Vorschlag zum Spieltisch im benachbarten Salon. – – –

Die schöne Fürstin hatte keine Ahnung von dem Gift, das eben in des geliebten Bruders Ohr ausgegossen wurde. Dennoch bezog sich auch ihre Unterhaltung während der wechselnden Touren des Tanzes auf denselben Gegenstand. Das verhältnis zwischen der Fürstin und dem tapferen kapitän war ein ganz anderes, als es die giftigen Worte des Russen angedeutet. Der Vicomte gehörte allerdings zu den eifrigsten Anbetern der nordischen Schönheit und wurde durch ihre achtung und ihr Vertrauen ausgezeichnet vor der zahlreichen Schaar der Bewerber. Darauf hatte sich jedoch die Gunst der Fürstin bis jetzt beschränkt und wenn sein dunkles auf ihr ruhendes Auge, oder ein unbewachtes, aber tiefgefühltes Wort ihr auch längst verraten hatten, dass seiner Huldidigung eine wahre Liebe zum grund liege, dass er um sie werbe als den schönsten Preis des Lebens, so hatte doch das fragende Wort noch nicht seine Lippe überschritten, keine ernsteres Zeichen ihm die wohl selbst noch unklaren Gefühle ihres eigenen Herzens kund getan. Doch verstanden sich Beide, wie sich kräftige und hohe Seelen immer verstehen.

"Haben Sie gelegenheit gehabt, meine Bitte zu erfüllen, Herr von Méricourt?" fragte die Fürstin. "Sie verzeihen meiner Besorgniss, aber sie ist in den letzten Tagen nur noch vermehrt worden. Sie selbst haben gesehen, wie verändert der Fürst sich zeigt und nur mit grosser Mühe konnte ich ihn bestimmen, mich heute zu begleiten."

"Vergeben Sie, Fürstin," erwiderte der Offizier, "wenn ich leider noch wenig Fortschritte in Ihrem Auftrag gemacht habe. Dass es an meinem Eifer nicht gelegen, werden Sie ohne meine Versicherung wissen. Aber der Fürst, Ihr Bruder, sonst so offen und zugänglich, ist nicht bloss für seine liebenswürdige Schwester, sondern auch für seine aufrichtigen Freunde jetzt ein verschlossenes Buch. Vergebens machte ich ihm meinen Besuch, er war nicht zu haus, und als ich ihm vor einigen Tagen in der Strasse Montmartre zu Fuss begegnete und ihn zu einer vertraulichen Unterredung zu bewegen suchte, liess er mich fast merken, dass ich ihm lästig sei und entfernte sich so bald als möglich von mir."

"Und wissen Sie, wohin er ging? So viel ich gehört habe, ist der Stadtteil kein solcher, wo mein Bruder Geschäfte oder Freunde hat?"

"Dies ist allerdings möglich, doch kann ich der schönen Besorgten auch darüber keine Auskunft geben, da ich natürlich mit meinen fragen nicht indiscret sein wollte und sogleich meinen Weg fortsetzte."

"Hegen Sie denn gar keine Vermutung, Vicomte, was diese häufige Abwesenheit, diese stets allein unternommenen Gänge zu bedeuten haben? Selbst dem treuen Wassili, der ihn von Jugend auf nie verlassen, hat er streng verboten, ihm zu folgen und ihm befohlen, sein Ausbleiben mir so viel als möglich zu verschweigen."

Der kapitän lächelte.

"Ich glaube, Fürstin Iwanowna hegt allzugrosse Besorgnisse. Paris ist der Ort so mancherlei Zerstreuungen und es wäre leicht möglich, dass irgend eine Liaison das lebenswarme und empfängliche Herz des Fürsten gefesselt hätte."

"Aber warum denn dies geheimnissvolle, ihn aufreibende Treiben? Ich bin natürlich nicht seine Gouvernante und maasse mir nicht an, in das Tun Ihrer Männerwelt zu dringen. Doch wenn er der Schwester gegenüber auch schweigt, warum gegen seine Freunde? Ich habe mir sagen lassen, dass in solchen Herzensangelegenheiten die Herren nur allzu offenherzig gegen einander sind."

"Das mag bei jenen Torheiten der Fall sein, Fürstin, welche die Modewelt galante Verbindungen nennt, aber nie bei einer ernsten und wahren Neigung des Herzens. Es sollte mir leid tun, wenn eine solche schon sich seines jungen Gemüts bemächtigt hätte, denn bei seinem energischen und feurigen Charakter würde er sich ihr mit ganzer Seele hingeben. Und wie schwer eine solche selbst das erprobte Mannesherz verwunden, welche Schmerzen sie auf starke Seelen legen kann, das empfinde ich selbst