Verbindung zwischen Rustschuk und Widdin bildeten 18,000 Mann in Lom, Rahova und Nicopolis. – Den rechten Flügel kommandirte Halil-Pascha, von Silistria bis Matschin circa 45,000 Mann. Den Trajanswall von der Donau bis in's Schwarze Meer verteidigte Ismael-Pascha.
Die Stärke der Türken auf der weit ausgedehnten Donaulinie betrug somit circa 123,000 Mann ohne die bei Schumla aufgestellten Reserven.
Die Russische Donauarmee war zur Zeit unbedeutend schwächer, dagegen Herr der Situation und zur Offensive bereit. Dem rechten Flügel der Türken stand jetzt General-Lieutenant Lüders in Braila mit 23,000 Mann gegenüber und bedrohete Heu Uebergang bei Matschin. Das Centrum mit 45,000 Mann stand unter dem Oberbefehlshaber Fürsten Gortschakoff, der noch immer sein Hauptquartier in Bukarest hatte, und den linken Flügel, etwa 34,000 Mann, kommandirte jetzt mit den Divisionen der Generale Fischbach und Dannenberg von Krajowa aus GeneralLieutenant Anrep, der Kommandant der russischen Avantgarde beim Einrücken in die Fürstentümer. Somit betrug die russische Macht etwa 112,000 Mann. Das Einrücken des dritten Osten-Sackenschen Corps, um die Positionen in der Moldau und der grossen Walachei einzunehmen, hatte bereits begonnen.
Diese beiderseitige Situation und Machtentwickelung war offenbar nur die eines Vorspiels und konnte zu keiner wirklichen Entscheidung führen. Die russische Armee war, – wenn ihr das Meer versperrt wurde, – viel zu schwach, um über den Balkan gegen Constantinopel vorzudringen, denn die Erfahrungen von 1828 belehrten sie, dass ein solcher Sieg zu teuer erkauft werde, und das türkische Heer befand sich offenbar in einem Zustande, dass es auf einer so ausgedehnten Linie auch die Defensive nur durch die grosse Terrainbegünstigung halten, an eine Offensive aber nicht denken konnte. Der türkische Soldat der Neuzeit ist trefflich zur Verteidigung, – schlecht und unbeholfen zum Angriff.
Wir haben bereits erwähnt, dass der grosse Rat der Pforte sich für die Vorlage der Gesandten ausgesprochen. Derselbe – der Divan oder die Staatskanzlei (Menacybie-divaniie) steht ausserhalb des Ministerrats, der Regierung und des Reichsconseils, und umfasst diejenigen obern und untern Beamten, die man Kalamice (von der Feder) nennt. Die im Divan sitzenden Beamten zerfallen in fünf Rangklassen, deren oberste mit dem Ferik (Divisionsgeneral) rangirt. Am Divan nehmen auch die Exminister und Würdenträger und die gerade in Constantinopel anwesenden Pascha's teil. Er entscheidet nicht, sondern teilt bloss seine Nachschläge mit. – Der Divan hatte im October die Kriegserklärung beraten, jetzt nach dem Unglück von Sinope und den Nachrichten aus Klein-Asien war er von Reschid-Pascha berufen, um über die Friedensunterhandlungen seine Meinung abzugeben.
Als Grundlagen derselben wurde von der Note der Gesandten aufgestellt:
1. Möglichst schnelle Räumung der Donau-Für
stentümer.
2. Erneuerung der alten Verträge.
3. Neue Garantieen für die erlassenen Firmane in
Betreff der christlichen Bevölkerung an die Ge
samtmächte.
4. Sicherung der Arrangements über die heiligen
Orte in Jerusalem.
5. Waffenstillstand und Ernennung eines türki
schen Bevollmächtigen zur Unterhandlung mit
Russland unter M i t w i r k u n g der Mächte und in
einer von diesen zu bestimmenden neutralen Stadt.
6. Wiederholung der Zusicherungen der Mächte
bei dem Vertrage vom 13. Juli 1841 über die Inte
grität der Türkei.
7. Versprechen der Pforte, ihre innere Verwal
tung den Zeitverhältnissen und den Rechten ihrer
Untertanen angemessen zu ändern.
Diese Punkte entsprachen zwar keineswegs den ursprünglichen Forderungen Russlands, entielten aber auch Nichts, was der Aufnahme von neuen Verhandlungen entgegengestanden hätte. Das schärfere Auge konnte darin nur die Absicht der Diplomaten, zu laviren, erblicken. Dies Mittel galt natürlich bloss den Augen der Menge, es war ein Schauspiel, was man Anstands halber aufführte, um die schwache schwankende Regierung des Sultans über die wirklichen Absichten zu täuschen. Die Rollen in dem Drama waren bereits verteilt und die bewegenden grossen Factoren: die revolutionaire Propaganda, die persönlichen Pläne des Kaisers der Franzosen, und die englische Eifersucht auf Russland, reichten einander die hände zum Bündniss.
Der türkische Fanatismus wurde vorläufig zum Mittel bestimmt, die geheimen Zwecke zu verfolgen und den Sultan gefügig zu machen. Es war dringend notwendig geworden, zu einem solchen Eclat zu greifen.
Der Leser hat am Schluss des ersten Bandes und in den ersten Kapiteln des gegenwärtigen einen Einblick getan in die Intriguen des Harems und deren wirkung auf den gang der türkischen Politik. Der Sultan, von Anfang an ein Gegner, des Krieges und eben nur durch die Einwirkungen des englischen und französischen Gesandten hin und wieder zu einem entscheidenden Entschluss gezwungen, neigte sich offenbar im Geheimen zur Verständigung mit Russland. Unter seinen Vertrauten war der alte Chosrew-Pascha, dieser in seinem Mannesalter einst so berühmte Intriguant. Um ihn schloss sich daher jetzt auch fester die Friedenspartei.
Reschid-Pascha, dieser Mann aller Fractionen, der französirte Türke und das gefügige Werkzeug der Machtaber im entscheidenden Augenblick, zugänglich allen Eindrücken und von keinem bestimmten Entschluss und Plan geleitet, hatte auf das energische Drängen des österreichischen Internuntius, Freiherrn von Bruck, nicht vermeiden können, den grossen Rat zu versammeln, um über die mehrerwähnte Vorlage der Gesandten zu verhandeln. Es war dies am 17. geschehen, und die Kriegspartei, den Seraskier und den ältesten Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze, rechnete mit Sicherheit auf einen Beschluss, ähnlich dem am 26. September, welcher sich für die Kriegserklärung, entschied.
Baron von Oelsner hatte jedoch seine Zeit nicht verloren.
Die Sitzung