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viele Köche immer den Brei verderben.

unterdessen waren die Flotten in den Bosporus eingelaufen und die Schlachten bei Oltenitza und Gümri geschlagen und ungünstig für die Türken ausgefallen.

Frankreich stimmte möglichst Allem und Keinem zu und wartete ruhig des Augenblicks. An Stelle des französischen Gesandten in Constantinopel, de Lacour, war General Graf B a r a g u a y d ' H i l l i e r s seit dem 12. November gekommen.

Die englische Regierung trat nunmehr mit einem fünften Project vom 16. November auf, dem die andern Grossmächte beistimmten. Die wiener Conferenz adoptirte dasselbe und die Gesandten in Constantinopel legten die neue Erfindung vor, welche die wichtige Mitteilung machte: dass der Bestand der Türkei innerhalb der ihr von den Verträgen bezeichneten grenzen eine der notwendigsten Bedingungen des europäischen Gleichgewichts sei! Reschid-Paschain Angst gesetzt durch den Schrecken von Sinopehatte nichts Eiligeres zu tun, als unter der Hand seine Zustimmung zu geben.

Aber gerade das Unglück von Sinope war der Wendepunkt, auf welchen man lauerte, um in den Augen Europa's mit einigem Anstand und Gewissen den tätigen Protector der Türkei spielen zu können. Gleich am Tage nach dem Eintreffen der Schreckenskundewährend Haufen der griechischen Bevölkerung durch die Strassen von Pera und Galata ras'ten mit dem Rufe: "Es lebe unser Kaiser Nicolaus!" – am 3., sandten die Vertreter Englands und Frankreichs zwei Schiffe des vereinigten Geschwaders, die "Retribution" und den "Mogador" nach Sinope ab, um weitere Kunde zu bringen. Sie kehrten mit der Nachricht der völligen Niederlage und etwa 150 Verwundetendem Rest von fast 5000 Mann, zurück. Das türkische Ministerium hatte bereits am 4. die Gesandten ersucht, die alliirte Flotte in's Schwarze Meer einlaufen zu lassen. Während dieselben auf der einen Seite sich dazu bereit erklärten, sprachen sie auf der andern wieder ihre Ansicht dahin aus, dass die Türkei das Unglück durch ihr Vorgehen selbst verschuldet habe. Man wusste ja noch nicht, wie man in Paris die Sache aufnehmen werde! Hier aber glaubte man die Zeit gekommen und eine energische Aufforderung an die englische Regierung (v. 15.) verlangte, dass die Admirale dem Kommandanten von Sebastopol erklären sollten, dass jedes russische Kriegsfahrzeug durch die Flotten nach den russischen Häfen zurückzufahren genötigt, und jeder Angriff auf türkisches Gebiet oder Truppen mit Gewalt zurückgewiesen werden würde. Wir werden später sehen, welche wichtige Klausel sich das Cabinet der Tuillerieen dabei bewahrte.

unterdessen, da die Beschlüsse von Paris und London in Constantinopel noch nicht bekannt sein konnten, hatten die Gesandten dort nicht umhin gekonnt, auf Oesterreichs und Preussens Drängen die Verhandlungen über den letzten Vermittelungsvorschlag fortzusetzen, und der grosse Rat der Pforte beschloss ganz unerwarteter Weise, dass auf Grundlage der von den Gesandten proponirten Bedingungen die Friedensunterhandlungen eröffnet werden sollten. Dies geschah, wie wir später sehen werden, am 18. und 19.

Werfen wir, ehe wir weiter gehen, noch einen kurzen blick auf die augenblickliche Stellung auf dem Kriegsschauplatze an der Donau.

Während der Czar die allgemeine Mobilmachung der Armee befohlen, war die Türkei bereits zur Aushebung des zweiten Aufgebots in Rumelien genötigt. Der Sultan hatte erklärt, im Frühjahr selbst in's Feld ziehen zu wollen, und es wurden Anstalten für ein grosses Lager bei Adrianopel getroffen. Aus Egypten und Syrien, aus Albanien und Bosnien strömten fortwährend Zuzüge irregulärer Truppen, die sogenannten Baschi-Bozuks, herbei und bildeten in babylonischer Verwirrung Elemente der türkischen Armee, die kaum durch die eifrigsten Bemühungen der unteren Führer, fast sämtlich polnische, ungarische und andere Renegaten und Flüchtlinge, zu einiger Ordnung und Verwendung gebracht werden konnten. Von Disciplin war natürlich fast gar nicht die Rede und man sah sich genötigt, die regulairen Truppen möglichst von diesen Freischaaren zu sondern.

Um die Mitte des December begann sich das Corps des General Dannenberg der kleinen Walachei zu nähern, und es zeigte sich deutlich, dass ein Angriff aus Kalafat beabsichtigt war.

Von Bukarest waren zwei Scharfschützen-Bataillone und die Brücken-Equipagen gegen Braila abgegangen, um die dort zwischen beiden Ufern befindlichen Donauinseln zu besetzen.

Gegen Matschin hatte am 13. ein verunglückter Angriff der Russen mit Kanonenböten unter General Lüders stattgefunden. Desgleichen waren zwischen dem 15., 16. und 17. auch bei, Silistria bereits wiederholt kleine Vorpostengefechte vorgekommen, indem das russische Feuer die türkischen Transportschiffe an der Truppenbeförderung nach den Häfen verhinderte. Die Kosakenpikets setzten wiederholt über die Donau und streiften bis in die Nähe der Festung.

Die Stellung der beiden Armeen an der Donau war demnach gegen Ende December folgende:

Das Hauptquartier des türkischen Generalissimus befand sich in Rustschuck, das fleissig verschanzt wurde. Hier concentrirte sich das Centrum des Heeres. Die Festung selbst, unter Befehl von Said-Pascha, hatte 3400 Mann Besatzung. An ihrer Südseite, noch im Bereich der Kanonen, befand sich ein befestigtes Lager mit 5000 Mann Nizam unter Mahmud-Pascha und 2000 Mann Redifs. Unmittelbar an diesem Lager campirten 4000 Arnauten unter Selim-Pascha, die Kavallerie auf der Strasse von Rustschuck nach Hesargrad, wo die 29,000 starken Reserven des Centrums standen. – Den äussersten linken Flügel bei Kalafat bildeten circa 50,000 Mann, von denen 20,000 in Kalafat selbst unter Achmet-Pascha, 10,000 auf der Donauinsel Smurda postirt waren. Selim-Pascha1 befehligte in Widdin.

Die Communication der Insel mit dieser Festung war längere Zeit durch das Treibeis behindert. Die