den sie für ihre Freiheit kämpfen? Sind die Söhne beider Länder nicht geborene Krieger – hängen sie nicht mit jeder Fiber ihrer Seele und ihrer Hoffnungen an der Heimat, für die sie so oft ihr Herzblut vergossen haben?"
Das aufsteigende dunkle Blut färbte die Stirn des jungen Offiziers, die Gräfin bemerkte zu spät, dass sie ihn verletzt, und legte ihre Hand freundlich auf die seine.
"Wir Beide, Herr Djemala-Din," sagte sie, "dürfen uns nicht missverstehen. Sie haben nicht selbst ihren Weg gewählt, und wenn Sie auch gewiss gleiche Liebe zu dem land, das Sie geboren, hegen, wie ich zu dem meinen, muss es Ihnen doch ferner stehen, da sich nur wenige Erinnerungen daran knüpfen, da Sie sein Leiden und Kämpfen nicht selbst geschaut. Mein Volk ist ein gebeugtes, besiegtes, ach – bei aller Begeisterung im Herzen fühle ich es tief! – unwiederbringlich gebrochenes – das Ihre ein unbezwungenes freies, im Heldenkampf begriffen, um die teuersten Güter und s i e g r e i c h unter der tapferen Hand Ihres Vaters! Sie brauchen nicht seine Freiheit zu wünschen und zu beweinen, denn es hat sie n i e verloren!"
Der junge Mann lächelte trübe.
"Wissen Sie auch, Gräfin, was die Freiheit in einem land, wie das meine ist? wissen Sie auch, was Freiheit im Orient bedeutet?"
"Sie sah ihn gross an."
"Frei ist das Volk, das nicht das schimpfliche Joch eines anderen trägt, das nur dem selbst gewählten Führer gehorcht. Frei ist das Volk, wo Jeder sein Recht hat, wo das Recht eines Jeden geehrt und nicht von Fremden mit Füssen getreten wird; wo Sprache, Gewohnheit und Glaube Eigentum des Volkes sind; wo die Einrichtungen seiner Väter ihm ungekränkt geblieben; wo der Bewohner nicht der Sclave des Unterdrückers ist, sondern wo er sein Blut und seinen Schweiss für den eigenen Heerd vergiesst!"
"Wissen Sie auch, Gräfin, dass wir dennoch einen fremden Oberherrn haben, – den Sultan in Constantinopel?"
"Der ist fern – nur ein Schatten!"
"Aber er nennt sich unsern Herrn, – auch der Czar wohnt in Petersburg. Ich habe wenig Erinnerungen an meine Heimat, und doch könnte ich Sie mit dem Wenigen widerlegen. Der Mächtige, der Reiche, Gräfin, herrscht überall, auf den Höhen des Kuban, wie in den Steppen Ihres eigenen Vaterlandes, wo – wie uns die geschichte lehrt, – der Bauer der unterdrückte Sclave des Edelmannes war. Der Fanatismus schwingt in meiner Heimat seine Geissel blutiger als irgendwo und verfolgt seine Gegner. Dort gibt es Edle und Knechte, wie hier, und die Kluft zwischen Beiden ist noch schärfer. Halten Sie das Volk für frei, das seine eigenen Töchter und Söhne an seine sogenannten Oberherren in Stambul als Sclaven verkauft, ihren Lüsten zu dienen und ihren Befehlen zu gehorchen? Glauben Sie wirklich türkische Despotie leichter als die herrschaft des russischen Kaisers? sollten wir wirklich für die Eine kämpfen, gegen den Anderen?"
"Spricht Das der Fürstensohn eines freien Volkes?"
"Er spricht es, Gräfin – sein Vater gab ihn fort, und sechszehn lange Jahre hat er keine Heimat gehabt, als das Haus des Kaisers, kein Eigentum, als das Kleid des Czaren."
"Und wenn Schamyl, Ihr Vater, Sie wieder forderte, wenn er Sie riefe zum Kampfe an seine Seite?"
Der junge Mann sah sie finster an.
"Er tat es – jene Männer, die uns Beide gerettet, waren seine Boten!"
"Und darf ich wissen, was Schamyl's Sohn dem Ruf eines freien Volkes erwiedert hat?"
"Der Offizier antwortete, was seine Pflicht war, – der Fürstensohn, was seine Ehre gebot. Herz und Seele würden ja dennoch zurückbleiben."
"Dann ist mir eine grosse Freude versagt," lächelte Wanda, "ich träumte mir 's so schön, Sie auf jenen Felsenhöhen mir gegenüber zu wissen, wie der Adler horstend und herabstossend auf silberumpanzertem Ross. Wie stolz wäre ich gewesen, Ihren Namen täglich zu hören, als den gefürchtetsten Helden des Gebirges."
"Sie, Gräfin – wie meinen Sie Das?"
"Ei, nun, dass ich vergeblich harren werde, dass Djemala-Din, der kühne Führer der Mürditen, in einer wolken-umdüsterten Nacht hervorbricht über den Kuban nach unserm armen Schloss und Wanda davonführt aus der Gewalt der schmuzigen kosacken."
"Sie spotten meiner, Gräfin!"
"Wie, wissen Sie wirklich nicht, dass ich nach dem Kaukasus gehe? Sie können mir Empfehlungsbriefe geben an Ihre Vettern und Onkels, da Sie mich doch einmal nicht selbst beschützen wollen."
"Gräfin Wanda nach dem Kaukasus? Ich beschwöre Sie, enden Sie den Scherz!"
"Ich scherze nicht und glaubte, mein Oheim hätte Sie davon unterrichtet. Eine so gute Polin, wie ich bin, besitze ich doch noch eine ältere Stiefschwester, die es nicht ist. Sie ist die Gattin des Obersten, Fürsten Tscheftsawadse, und wohnt mit ihm im russischen Gränzgebiet am Kuban, wo er kommandirt. Ich bin auf dem Wege dahin, da meine bisherigen Verhältnisse sich geändert; – mein Oheim begleitet mich bis Odessa, von wo mein Schwager mich abholen lässt. Begreifen Sie nun, dass ich h o f f t e , von Ihnen dort zu hören